Der lange Weg zu einem Denkmal

Ein besonderer Erinnerungs-Ort in Berlin.
Text »Erinnerung im Stadtraum« von Stefanie Endlich
in leicht verständlicher Sprache

Die Tiergarten-Straße 4

  1. Die Tiergartenstraße 4
  2. Ein Denkmal aus dem Jahr 1987
  3. Die Gedenk-Platte von 1989
  4. Der Wunsch nach einem anderen Denkmal
  5. Pläne für ein besseres Denkmal ab 2007
  6. Das Denkmal der Grauen Busse
  7. Eine Gedenk-Tafel über die »Aktion T4«
  8. Ein Plan für ein besseres Denkmal von heute
  9. Die Tiergartenstraße 4

    Hier stand früher ein großes Wohn- und Geschäfts-Haus.
    In diesem Haus plante die Nazi-Führung über 70.000 Morde.
    Die Nazi-Führung nannte das »Aktion T4«
    wegen der Adresse Tiergarten-Straße 4.
    Diese Morde fanden von 1940 bis 1941 an vielen Orten in Deutschland statt. Die Opfer waren Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen oder Menschen mit psychischen Erkrankungen.
    Die Nazis meinten, Menschen mit Behinderungen haben kein Recht zu leben.
    Im Jahr 1944 beschädigten Bomben das Haus.
    Sie wurden aus Kriegs-Flugzeugen von den Kriegs-Gegnern abgeworfen.
    1950 wurde das beschädigte Haus ganz abgerissen.
    An diese Stelle baute man ein großes, modernes Konzert-Haus.
    Das Konzert-Haus heißt Berliner Philharmonie (gesprochen: Fiel-harmonie).
    Bis heute weiß fast niemand davon, dass die Nazis an diesem Ort
    die grausamen Morde an über 70.000 Menschen planten.
    Seit 60 Jahren entstanden rund um die Tiergarten-Straße
    viele schöne Gebäude, zum Beispiel:
    • das Kunst-Gewerbe-Museum
    • das Musik-Instrumenten-Museum
    • die Kunst-Bibliothek
    • die Neue National-Galerie
    • die Deutsche Staats-Bibliothek
    Alle diese Gebäude heißen zusammen: Kultur-Forum.

    Viele Menschen kennen das Kultur-Forum.
    Doch den Ort der »Aktion T4« in der Tiergarten-Straße 4
    und die Morde an Menschen mit Behinderungen wurden fast vergessen.
    Erst ab 1985 entdeckten Bürgerinnen und Bürger
    die furchtbare Geschichte des Ortes wieder.
    Sie forderten ein Denkmal.
    Es sollte an die vielen Opfer in den Jahren 1940 bis 1941 erinnern.
    Im Jahr 1987 gab es eine Ausstellung
    mit alten Bildern und Dokumenten von der Mord-Planung.
    Diese Ausstellung fand in einem Bus statt.
    Das sollte daran erinnern,
    dass viele der Opfer in Bussen zu ihrer Ermordung gebracht wurden.
    Der Ausstellungs-Bus war grau.
    Genau wie die Busse, die die Opfer zu ihren Mördern brachten.

    Ein Denkmal aus dem Jahr 1987

    Diese Ausstellung erinnerte jetzt wieder viele an die Nazi-Verbrechen.
    Viele Geld-Spenden wurden gesammelt.
    Davon sollte ein Denkmal zur Erinnerung gebaut werden.
    Doch die Politiker von Berlin waren gegen dieses Denkmal.
    Sie ließen ein Kunst-Werk aufstellen.
    Das Kunst-Werk war von dem amerikanischen Bildhauer Richard Serra
    (gesprochen Ritt-schart Sserra).
    Das Kunst-Werk ist aus 2 großen gebogenen Stahl-Platten.
    Zwischen diesen Platten kann man wie durch einen engen Gang gehen.

    Die Berlin Junction vor der Philharmonie
    Das Kunst-Werk Richard Serras neben der Berliner Philharmonie
    Foto: Stefanie Endlich

    Richard Serra wusste gar nicht,
    dass hier die Nazis vor vielen Jahren
    die Morde an Menschen mit Behinderungen geplant hatten.
    Er fand, dass sein Kunst-Werk gut zum gebogenen Dach
    vom Konzert-Saal der Berliner Philharmonie passt.
    Viele Menschen waren nicht einverstanden
    mit dem Kunst-Werk von Richard Serra.
    Sie wollten lieber ein Denkmal, das an die ermordeten Menschen erinnert.
    Dazu hatten die Politiker von Berlin einen Vorschlag:
    Die Stahl-Platten von Richards Serra
    sollten jetzt auch an die Mord-Opfer erinnern.
    Richard Serra war damit einverstanden.
    So wurde aus einem Kunst-Werk ein Denkmal.

    Die Gedenk-Platte von 1989

    Als Ergänzung legte man neben dem Kunst-Werk von Richard Serra
    eine Gedenk-Platte aus Stahl flach in den Boden.
    Die Gedenk-Platte ist von Volker Bartsch.
    Auf der Gedenk-Platte ist Schrift:
    »Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter.«
    Zu den Tätern gehören die Mörder und die Personen,
    die den Tod der behinderten Menschen geplant und befohlen haben.
    »Gering ist die Zahl der verurteilten Täter« bedeutet:
    Nur wenige von ihnen erhielten für die Morde eine Strafe.
    Am 1. September 1989 fand die Einweihung dieser Gedenk-Platte statt.
    Seitdem wird jedes Jahr am 1. September an diesem Ort
    an die Opfer der Nazis gedacht.

    Die Gedenktafel von Volker Bartsch
    Die Gedenk-Platte von Volker Bartsch
    Foto: Stefanie Endlich

    Der Wunsch nach einem anderen Denkmal

    Viele Menschen finden:
    Eine Gedenk-Platte am Boden ist kein gutes Denkmal.
    Warum?
    Viele laufen achtlos darüber.
    Die Platte ist oft schmutzig und staubig.
    Viele verstehen auch gar nicht,
    dass die großen Stahl-Platten
    etwas zu tun haben mit der Gedenk-Tafel am Boden.
    Deshalb wünschen sich viele ein Denkmal, das man besser verstehen kann. Es soll stärker an die Tausenden Toten erinnern.
    Es soll ein Denkmal sein, das die Opfer achtet und ehrt.
    Und man soll gute Informationen und Antworten bekommen.
    Darüber, was in der Tiergarten-Straße 4 passiert ist.
    Immer wieder beraten Menschen über so ein Denkmal.
    Sie wollen herausfinden, wie ein besseres Denkmal aussieht.
    Auch Sigrid Falkenstein wünscht sich ein besseres Denkmal.
    Ihre Tante war eines der vielen Mord-Opfer.
    In der Nähe der Tiergarten-Straße 4 gibt es schon andere gute Denkmale.
    Alle erinnern an Menschen,
    die von den Nazis und ihren Helfern ermordet wurden.
    Darum soll es endlich auch ein besseres Denkmal für die ermordeten Menschen mit Behinderungen geben.

    Pläne für ein besseres Denkmal ab 2007

    Seit 2007 gab es immer wieder Versuche,
    so ein besseres Denkmal zu schaffen.
    So hatten Jugendliche die Idee,
    sichtbare Linien am Boden zu machen.
    Damit wollten sie zeigen, wo die Villa der Nazis einmal stand.
    Die Linien zeigten den Verlauf der Außen-Mauern der Villa.
    Der Künstler Ronnie Golz hängte 2007 eine Erinnerungs-Tafel
    in das Wartehäuschen von der Bus-Haltestelle neben der Philharmonie.
    Auf der Erinnerungs-Tafel steht,
    an welchen Orten in Ost-Europa die Massen-Morde stattfanden.
    Auf der Erinnerungs-Tafel steht auch,
    dass die Nazis mit den Morden der »Aktion T4«
    die Massen-Morde in Ost-Europa vorbereitet haben.
    Zum Beispiel die Massen-Morde an jüdischen Menschen.

    Einweihung der Erinnerungstafel im Wartehäuschen
    Einweihung der Erinnerungstafel an der Bushaltestelle neben der Philharmonie, 2007. Mit dem Künstler Ronnie Golz (links), daneben Yehuda (gesprochen Je-huda) Teichtal von der Jüdischen Gemeinde in Berlin und Andreas Nachama, dem Leiter der Stiftung Topographie (gesprochen Topo-grafie) des Terrors.
    Foto: Stefanie Endlich

    Das Denkmal der Grauen Busse

    Ein Jahr später, im Januar 2008,
    stellten die Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz
    das Denkmal der Grauen Busse
    an der Bus-Haltestelle neben der Philharmonie auf.
    Die Grauen Busse waren an vielen Orten in Deutschland.
    In Berlin standen sie fast 2 Jahre.
    Viele Menschen fanden:
    Die Grauen Busse waren ein besseres Denkmal.
    Auch wenn die Opfer nicht von der Tiergarten-Straße 4
    in grauen Bussen weggebracht wurden,
    sondern von vielen anderen Orten.
    Doch jeder kann sich vorstellen,
    wie die Menschen in diesen Bussen
    zu ihrem schrecklichen Tod fuhren.
    2009 brachten die Künstler den Denkmal-Bus
    • nach Brandenburg an der Havel
    • danach nach Pirna bei Dresden,
    • dann nach Stuttgart, Köln und in weitere Städte.
    Denn an all diesen Orten
    ermordete man Menschen mit Behinderungen
    im Auftrag von den Nazis in der Tiergarten-Straße 4.

    Aufstellung des Denkmals der Grauen Busse
    Aufstellung des Denkmals der Grauen Busse
    Foto: Stefanie Endlich
    Das Denkmal der Grauen Busse an der Bushaltestelle vor der Philharmonie
    Das Denkmal der Grauen Busse an der Bushaltestelle vor der Philharmonie
    Foto: Stefanie Endlich

    Eine Informations-Tafel über die »Aktion T4«

    Seit 2008 informiert auch eine Tafel am Rand des Gehwegs
    über die »Aktion T4« in der Tiergarten-Straße 4.
    Diese Informations-Tafel ist von der Stiftung Topographie des Terrors.
    So ähnliche Informations-Tafeln gibt es in Berlin auch für andere Nazi-Opfer.
    Zum Beispiel mit Informationen über ermordete Juden,
    über Menschen, die gegen die Nazis gekämpft haben,
    über Zwangs-Arbeiter
    und über Sinti und Roma.
    Sinti und Roma sind Menschen, zu denen die Nazis Zigeuner sagten.

    Informationstafel der Stiftung Topographie des Terrors
    Informationstafel der Stiftung Topographie des Terrors
    Foto: Stefanie Endlich

    Ein Plan für ein besseres Denkmal von heute

    Doch so, wie der Ort jetzt ist, soll er nicht bleiben.
    Damit aus dem schwachen Erinnerungs-Ort ein starker Erinnerungs-Ort wird, soll einiges passieren.
    Die Neu-Gestaltung ist schon geplant:
    Der Haupteingang der Philharmonie soll verlegt werden.
    Dann ist endlich mehr Platz für ein neues Denkmal.
    Das Kunst-Werk mit den 2 großen Stahl-Platten von Richard Serra
    soll mit an den neuen Eingang der Philharmonie verlegt werden.
    Denn dieses Kunst-Werk erinnerte nicht wirklich
    an die Massen-Morde an Menschen mit Behinderungen.
    Denn es wurde nicht extra dafür gemacht.
    Das bessere Denkmal ist jetzt noch in der Planung.
    Hoffentlich wird es ein gutes Denkmal.
    Es soll gut erinnern
    an die über 70.000 ermordeten Menschen mit Behinderungen.
    Und es soll auch gut verständliche Informationen geben über die Mörder,
    die von 1940 bis 1941 in der Tiergarten-Straße 4
    ihre unmenschlichen Taten geplant und organisiert haben.

    Das neue Denkmal an der Tiergartenstrasse
    Das neue Denkmal für die Opfer der NS-Euthanasie an der Berliner Philharmonie
    Quelle:
    Wilms

    Personen mit Lernschwierigkeiten haben diesen Text geprüft.

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