Der Umgang mit der NS-Zeit in Gesprächen über Möglichkeiten der Medizin

Katrin Grüber

Menschen aus dem Ausland meinen oft,
dass die Deutschen bei Gesprächen über Medizin
oft überempfindlich sind.
Sie sind viel zu vorsichtig bei der Überlegung,
was in der Medizin erlaubt ist und was nicht.

Das hat auch damit zu tun,
wie sich die Menschen in Deutschland
an die NS-Zeit erinnern.
In dieser Zeit wurden viele Verbrechen begangen,
die mit Medizin zu tun hatten.

In Gesprächen über die Möglichkeiten der Medizin
wird immer wieder sehr viel von der NS-Zeit gesprochen.
Manchmal wird sie aber auch gar nicht beachtet.

Bei vielen Themen der Medizin
wird ein Zusammenhang
mit den Verbrechen der NS-Zeit hergestellt.
Manche Leute sind der Meinung,
dass es große Unterschiede
zwischen den Medizin-Verbrechen der NS-Zeit
und neuen Möglichkeiten in der Medizin gibt.

Andere Leute sehen Probleme
bei vielen dieser neuen Möglichkeiten.
Sie sind der Meinung,
dass man sie mit den Verbrechen
der NS-Zeit vergleichen kann
oder dass sie daraus entstanden sind.

In beiden Fällen ist es aber schwierig,
wenn man eine neue medizinische Möglichkeit
unbeeinflusst überprüfen will.
Man müsste jede einzelne
genau anschauen und überprüfen,
ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede
zu Medizin-Verbrechen der NS-Zeit gibt.

Ein Beispiel zeigt sehr gut,
warum es wichtig ist,
dass man genau prüft und überlegt,
wenn es um diese Probleme geht:
In Deutschland ist der Geschlechtsverkehr
zwischen Geschwistern verboten.

Das Bundes-Verfassungs-Gericht hat im Jahr 2008
eine Begründung geschrieben,
warum das so ist.

Unter anderem war ein Grund,
dass es ein höheres Risiko gibt,
dass die Kinder aus so einer Beziehung
Behinderungen oder Erbkrankheiten haben.

Es ist aber eine sehr heikle und schwierige Frage,
warum man verhindern will,
dass Menschen mit Erbkrankheiten oder Behinderungen
geboren werden.

Die Eugenik will erreichen,
dass in der Bevölkerung
die Merkmale ausgelöscht werden,
die bestimmte Leute schlecht finden.
Die Eugenik spielte bei den
Nationalsozialisten eine große Rolle.

Sie wollten keine Menschen,
die ihrer Meinung nach
krank oder behindert waren.

Menschen mit Behinderungen und Erbkrankheiten
wurden oft eingesperrt oder sogar ermordet.
In der Begründung für das Verbot von
Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern steht,
dass man das Problem
der Eugenik bedenken muss,
obwohl es die Nationalsozialisten missbraucht haben.
Frau Tatjana Hörnle ist Juristin.

Das heißt, sie hat studiert
und kennt sich sehr gut mit Recht und Gesetzen aus.
Sie ist der Meinung,
dass die Begründung nicht gut ist.
Es wird ohne genaue Überlegung
über das Thema Eugenik gesprochen.
Es hatte nur ein Richter gegen diese Begründung gestimmt.
Dieser Richter ist der Meinung,
dass Eugenik als Begründung für ein Gesetz
keine Rolle spielen darf.

Aber für die Bevölkerung hat es keine Rolle gespielt,
dass Eugenik auch in der Begründung vorkam.
Das ist wahrscheinlich deshalb so,
weil Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern
ohnehin für die meisten Menschen
ein vollkommen verbotenes Thema ist.
Auch bei anderen Themen
wird auf die NS-Zeit hingewiesen.
Es gibt in Deutschland eine Gruppe von Menschen,
die sich mit wichtigen Themen
unserer Gesellschaft beschäftigen.
Sie überlegen sich,
welche Folgen bestimmte Themen
für einzelne Menschen oder
unsere ganze Gesellschaft haben können.
Diese Gruppe heißt „Nationaler Ethikrat“.
Aber es ist offensichtlich
auch dieser Gruppe nicht ganz klar,
wie sie mit bestimmten Problemen
der NS-Zeit umgehen sollen.

Zum Beispiel sind einige Mitglieder dafür,
dass die Tötung auf Verlangen
nicht bestraft werden sollte.

Das heißt:
Manchmal will ein Mensch nicht mehr leben.
Wenn dieser Mensch dann einen anderen
ernsthaft und ausdrücklich darum bittet,
dass dieser ihn tötet,
soll das ohne Bestrafung möglich sein.
Obwohl einige Mitglieder dafür waren,
gibt es das Verbot trotzdem weiterhin.
Die Mitglieder waren nämlich der Meinung,
dass Deutschland wegen der NS-Zeit
in einer besonderen Lage ist.

Man muss in Deutschland besonders aufpassen,
wie man mit solchen Problemen umgeht.
Deshalb ist der Ethikrat der Meinung,
dass die Tötung auf Verlangen
weiterhin bestraft werden muss.

Auch Politiker erwähnen immer wieder,
dass man in Deutschland
besonders vorsichtig sein muss,
wenn es um bestimmte medizinische Themen geht.
Der Politiker Karl Lauterbach ist für die PID.

Das ist auch ein sehr schwieriges Thema,
weil bei der PID
über menschliches Leben entschieden wird.

Karl Lauterbach sagte in seiner Rede
für die Zulassung von PID,
dass man besonders in Deutschland
darauf achten muss,
dass behinderte Menschen nicht diskriminiert werden,
weil die Nationalsozialisten behinderte Menschen
verfolgt und ermordet haben.

Er ist aber der Meinung,
dass PID behinderte Menschen nicht diskriminiert.
Er sagt also,
dass er besonders verantwortungsvoll ist,
weil er darüber nachgedacht hat,
ob man die PID erlauben darf,
obwohl es in Deutschland
den Nationalsozialismus gegeben hat.

Wie darf man bestimmte Wörter verwenden?

Es gibt verschiedene Meinungen,
wie man bestimmte medizinische Wörter verwenden darf,
die etwas mit den Medizin-Verbrechen
der NS-Zeit zu tun haben.

Zum Beispiel Eugenik oder Euthanasie.
Manche Leute wollen diese Wörter nicht verwenden,
weil viele Menschen bei diesen Wörtern
nur an die NS-Zeit denken.

Wenn man diese Wörter verwendet,
kann man nicht mehr unbeeinflusst
über bestimmte Themen sprechen.

Zum Beispiel über das Thema,
ob sich Frauen für eine PID entscheiden dürfen.
Der Politiker Jerzy Montag sagte,
dass man das Wort „Selektion“
in dem Zusammenhang nicht verwenden darf,
weil es sehr stark an die NS-Zeit erinnert.
Selektion ist ein Fremdwort.

Es heißt eigentlich so viel wie „Auswahl“ oder „Auslese “.
In der NS-Zeit war damit aber
etwas ganz Schreckliches gemeint.
Nämlich die Vernichtung von Menschen,
die für die Nationalsozialisten minderwertig waren.
Andererseits verwendet der Bundes-Gerichtshof
das Wort „Selektion“ in einem Urteil zum Thema PID.
Auch bei dem Wort Eugenik
gibt es verschiedene Meinungen.
Manche Leute sagen,
man soll das Wort nicht verwenden,
weil es in der NS-Zeit
etwas anderes bedeutet hat als heute.
In der NS-Zeit hat der Staat befohlen,
die Eugenik anzuwenden.

Dabei wurden viele Menschen ermordet,
die für die Nationalsozialisten minderwertig waren.
Heutzutage gibt es Eugenik auch in der Form,
dass sich einzelne Menschen dafür entscheiden.
Damit dieser Unterschied klar gemacht wird,
gibt es heute andere Ausdrücke dafür.
Zum Beispiel „Eugenik von unten“.
„von unten“ steht dabei als Gegensatz zum Staat,
von dem man sagen kann, er handelt „von oben“.

Personal während der NS-Zeit und nach der NS-Zeit

Auch nach dem 2. Weltkrieg
und somit nach der NS-Zeit
beschäftigten sich einige Leute
weiterhin mit Eugenik.

Einige Mediziner, die während der NS-Zeit
für die Nationalsozialisten gearbeitet hatten,
lehrten nach der NS-Zeit an deutschen Universitäten.

Sie arbeiteten auch mit der Evangelischen Kirche zusammen.
Diese beschäftigte sich
in den Jahren von 1959 bis 1966 mit Eugenik.
Dort wurde auch nach der NS-Zeit
über Sterilisation gesprochen.

Damit wollten man verhindern,
dass kranke oder behinderte Kinder geboren werden.
In der NS-Zeit wurden viele Menschen
gegen ihren Willen sterilisiert.

Diese Menschen sollten nach der NS-Zeit
eine Wiedergutmachung bekommen.
Die Mediziner, die während der NS-Zeit
für die Nationalsozialisten gearbeitet hatten
und immer noch unterrichten durften,
wurden zu dem Thema befragt.

Sie waren der Meinung,
dass es nicht falsch gewesen ist,
wenn Menschen in der NS-Zeit
gegen ihren Willen sterilisiert wurden.
Es sei gut für das deutsche Volk gewesen,
weil dadurch weniger
kranke und behinderte Menschen
geboren worden wären.

Es gab in der NS-Zeit ein Gesetz
zum Thema Sterilisation.
Menschen mit Behinderungen
oder erblichen Krankheiten
durften nach diesem Gesetz
gegen ihren Willen sterilisiert werden.

Dieses Gesetz wurde zwar nach der NS-Zeit
in Deutschland nicht mehr angewandt,
aber es wurde erst im Jahr 1974
aus den Gesetzbüchern gestrichen.

Die Menschen, die in der NS-Zeit
gegen ihren Willen sterilisiert worden waren,
bekamen nur eine sehr kleine Wiedergutmachung. Nicht alle bekamen eine Wiedergutmachung.

Wie haben sich Medizinerinnen und Mediziner
später mit der NS-Zeit beschäftigt?

Viele medizinische Gesellschaften
haben sich erst sehr spät damit beschäftigt,
welche Verbrechen ihre Mitglieder
während der NS-Zeit begangen hatten.

Beispiele:
• Manchmal gibt es bei einer Frau
in der Schwangerschaft Probleme
und es ist möglich,
dass sie ein krankes oder behindertes Kind bekommen.
Die Frau muss in diesem Fall entscheiden,
ob sie dieses Kind bekommen will oder nicht.
Dabei wird sie von Ärztinnen oder Ärzten beraten.

Eine medizinische Gesellschaft in der diese Ärzte und Äztinnen organisiert sind hat erst
im Jahr 1989 deutlich gesagt,
dass bei der Beratung Eugenik keine Rolle spielen darf.
Das heißt:
Eine Ärztin oder ein Arzt
darf bei der Beratung nicht sagen,
dass es besser wäre,
ein Kind nicht zu bekommen,
weil es vielleicht krank oder behindert sein könnte.

Diese medizinische Gesellschaft
hat noch später zugegeben,
dass ihre Mitglieder in der NS-Zeit
an Verbrechen beteiligt waren.
Sie haben zugegeben,
dass deutsche Ärztinnen und Ärzte
zu einem großen Teil schuld daran waren,
dass Menschen gegen ihren Willen
sterilisiert wurden.

• Eine andere medizinische Gesellschaft
hat erst nach 70 Jahren zugegeben,
dass frühere Mitglieder
während der NS-Zeit
an Verbrechen beteiligt waren.
Dafür hat sie sich im Jahr 2010 entschuldigt.

Bei dieser medizinischen Gesellschaft
sind Ärztinnen und Ärzte,
die sich mit seelischen Krankheiten beschäftigen.
Sie haben zugegeben,
dass solche Ärztinnen und Ärzte
während der NS-Zeit
ihre Patientinnen und Patienten
getäuscht und belogen haben.
Sie haben auch deren Angehörige
getäuscht und belogen.

Sie haben Menschen gegen ihren Willen sterilisiert,
sie haben töten lassen und sogar selber getötet.
Außerdem haben sie mit Menschen Experimente gemacht,
die sie verletzten oder sogar töteten.
• Eine wissenschaftliche Gesellschaft
hat im Jahr 1997 mit einer Untersuchung begonnen,
welche Rolle ihre Mitglieder
während der NS-Zeit gespielt haben
und an welchen Verbrechen sie beteiligt waren.

Dabei kam folgendes heraus:
Die Wissenschaftler haben die Verbrechen
während der NS-Zeit nicht nur begangen,
weil sie gezwungen wurden.
Es gab während der NS-Zeit
einfach keine Regeln mehr,
wie sich anständige Menschen verhalten sollen.

Deshalb hatten viele Wissenschaftler
plötzlich die Möglichkeit Experimente zu machen,
egal was dabei passierte.
Sie waren der Meinung,
dass sie dadurch wichtige Dinge lernen könnten.
Viele machten diese Experimente auch,
wenn sie dabei Menschen verletzten oder töteten.

Mit diesem Thema hat sich auch
der Geschichts-Wissenschaftler
Hans-Walter Schmuhl beschäftigt.
Er sagt, dass viele Ärztinnen und Ärzte
während der NS-Zeit freiwillig
an den Verbrechen mitgewirkt haben.
Diese Ärztinnen und Ärzte waren sogar davon überzeugt,
dass sie dabei etwas Gutes tun würden.

Sie waren der Meinung,
dass sie eine gesunde Bevölkerung schaffen würden,
wenn sie die kranken und behinderten Menschen
vernichten würden.
Es war also nicht so,
dass die Medizin von den Nationalsozialisten
für Verbrechen missbraucht wurde.
Es war umgekehrt.
Die Medizin verwendete
die Gesetze der Nationalsozialisten,
und wollte damit sie ein „gesundes“ Volk schaffen.

Schlussfolgerungen

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs
haben sich die Menschen in verschiedener Form
mit den medizinischen Verbrechen
während der NS-Zeit beschäftigt.

In letzter Zeit sind diese Gespräche vielleicht
etwas weniger wichtig geworden.

Andererseits hat eine medizinische Gesellschaft,
die sich mit seelischen Krankheiten beschäftigt,
erst im Jahr 2010 Verbrechen
während der NS-Zeit zugegeben.

Man muss die NS-Zeit
von verschiedenen Seiten betrachten.
Sie war keine einmalige Sache,
bei der das Böse einmal gesiegt hat.
So etwas kann immer wieder passieren.
Man muss verstehen,
warum Menschen damals Verbrechen begangen haben.
Nu dann kann man die NS-Zeit
mit der heutigen Zeit vergleichen.

Vor allem ist es wichtig,
dass nicht nur Wissenschaftler
über das Thema sprechen.
Man muss die heutigen Möglichkeiten der Medizin
mit den Verbrechen der NS-Zeit vergleichen.
Aber auch dann wird es nicht möglich sein,
dass man eindeutig sagen kann,
was richtig oder falsch ist.

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