Was heißt Eugenik?

von Michael Wunder

1. Einleitung
2. Was bedeutet das Wort Eugenik?
3. Die Geschichte der Eugenik
4. Die Eugenik in der Nazi-Zeit
5. Die Eugenik nach der Nazi-Zeit
6. Welche Fragen gibt es heute zum Thema Eugenik?
7. Welche Probleme und Erfahrungen gibt es heute mit der Eugenik?
1. Problem: Die Gen-Untersuchung in der Schwangerschaft
2. Problem: Die künstliche Befruchtung
3. Problem: Die Gen-Technik
8. Die Position der Behinderten-Bewegung
9. Was ist heute und in der Zukunft wichtig?


1. Einleitung
Das Wort »Eugenik« (gesprochen Eu-geh-nick)
ist ein sehr altes, griechisches Wort.
Wir lesen das Wort aber auch oft,
wenn es um die Zeit des National-Sozialismus geht.
Denn die Nazis haben die Eugenik benutzt
als Begründung für Verbrechen.
Auch heute wird das Wort Eugenik noch benutzt.
Das können viele Menschen besonders in Deutschland nicht verstehen.
Denn sie denken dabei immer an die Verbrechen der Nazis.
Aber viele Menschen finden das Wort Eugenik nicht schlimm.
Wie kann das sein?
Warum spricht man auch heute über Eugenik?
Obwohl die Nazis mit der Eugenik begründet haben,
dass so viele Menschen deswegen sterben mussten?
In dem Text kann man lesen, welche Geschichte die Eugenik hat.
Und der Text berichtet über Probleme und Fragen zur Eugenik heute.

2. Was bedeutet das Wort Eugenik?
Eugenik ist ein altes griechisches Wort.
Eugenik kommt von »eugenes«.
Dieses Wort ist zusammen gesetzt:
Eu bedeutet: gut
Genesis  das bedeutet: »Geburt« oder »Entstehung«.
Eugenes heißt: Man wurde in einer gesunden Familie geboren.
Oder: Man hat gute Gene.
Das Gen (gesprochen: gehn) ist
ein sehr kleiner Teil im menschlichen Körper.
Man kann ein Gen nicht sehen.
In einem Gen ist gespeichert, was man von seinen Eltern erbt.
Zum Beispiel:
 wie man aussieht
 welche Haarfarbe man hat
 wie groß man wird
 oder ob man eine bestimmte Erb-Krankheit hat.
Eugenik ist der Name für eine Wissenschaft.
Wissenschaften sind zum Beispiel: Biologie oder Medizin.
In der Eugenik geht es um die Fortpflanzung der Menschen.
Die Eugenik soll die Gene der Menschen verbessern.
Das bedeutet: Sie soll gute Gene vermehren
und schlechte, kranke Gene unterdrücken. 
3. Die Geschichte der Eugenik
Die Geschichte der Eugenik begann vor fast 150 Jahren.
Der Naturforscher Charles Darwin (englischer Name,
gesprochen Tscharls Dahr-wien)
hatte im Jahr 1871 folgende Meinung:
In der Natur und damit auch bei den Menschen
werden bei der Fortpflanzung
die schlechten Gene von guten Genen unterdrückt.
Dadurch werden die Gene der Menschen verbessert.
Doch durch den Fortschritt der Gesellschaft wirkt die Natur nicht mehr.
Dafür können die Menschen aber durch das Leben in der Gesellschaft
bessere Eigenschaften entwickeln.
Zum Beispiel durch Erziehung oder durch Gesetze.
Gute Eigenschaften werden dann von den Eltern
an ihre Kinder weiter gegeben.
Francis Galton (englischer Name, gesprochen Fren-ziss Gal-ten)
hatte im Jahr 1883 eine andere Meinung:
Weil die Natur nicht mehr auf die Menschen wirkt,
setzen sich die schlechten Gene stärker und schneller durch.
Deshalb muss man die schlechten Gene unterdrücken.
Das geht nicht von allein.
Dafür muss die Gesellschaft Maßnahmen durchführen.
Mit dieser Meinung wurde Francis Galton zum Begründer der Eugenik.

Der Amerikaner Alexander G. Bell machte ab dem Jahr 1892
Versuche mit gehörlosen Menschen.
Und er forderte: Alle Menschen, die in die USA einwandern,
müssen sich von Ärzten untersuchen lassen.
»Taubstumme« Menschen durften nicht heiraten,
damit sie keine taubstummen Kinder bekommen.
Alfred Plötz schrieb 1895 ein Buch über die Eugenik.
Das Buch heißt: »Grundlinien der deutschen Rassen-Hygiene«.
Hygiene (gesprochen Hüg-jene) ist die Lehre von der Sauberkeit.
Rassen-Hygiene bedeutet:
Kranke Gene müssen aussortiert werden.
Es darf nur Menschen mit guten Genen geben.
In seinem Buch macht Plötz Vorschläge für die Verbesserung der Gene:
 Es gibt verschiedene Menschen-Rassen.
Man erkennt die Rassen zum Beispiel an den Haut-Farben.
Manche Rassen sind mehr wert und haben bessere Gene.
Nur Menschen von »guten Rassen« dürfen Kinder bekommen.
Dafür sollen diese Menschen eine Erlaubnis vom Staat kriegen.

 Schwangere Frauen werden überwacht.
Wenn ein neu geborenes Kind behindert oder krank ist,
darf es nicht am Leben bleiben.

 Die Gen-Wissenschaft soll erforschen,
wie man die menschlichen Keim-Zellen verbessern kann.
Dann werden schwache und kranke Kinder gar nicht erst geboren.

In einem Bundes-Staat der USA gab es ab 1896
das erste Eugenik-Gesetz.
In dem Gesetz stand:
Menschen mit Epilepsie, mit geistiger Behinderung oder mit psychischer Erkrankung durften nicht heiraten.
In einem anderen Bundes-Staat der USA gab es ab 1907 ein Gesetz,
das die Zwangs-Sterilisation erlaubt.
Das heißt: Man musste sich operieren lassen,
damit man keine Kinder bekommen kann.
Einige Jahre später gab es solche Gesetze in 32 Bundes-Staaten.
Auch in Europa gab es Gesetze für die Zwangs-Sterilisation.
Zum Beispiel in den Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island und Lettland.
Es gab aber nicht noch mehr Maßnahmen vom Staat,
um Versuche und Operationen an vielen Menschen durchzuführen.
Diese Gesetze wurden erst vor 20 Jahren abgeschafft,
weil sehr viele Menschen dagegen protestiert haben.

4. Die Eugenik in der Nazi-Zeit
Die Nazis haben das Wort Eugenik für ihre Politik benutzt.
Sie haben mit der Eugenik begründet,
dass sie viele Menschen ermordeten.
Sie haben mit der Eugenik auch begründet,
dass Nazi-Ärzte schreckliche Operationen und Versuche
an Menschen machten.
Zum Beispiel haben Nazi-Ärzte Frauen operiert,
damit sie keine Kinder mehr bekommen konnten.
Das waren Frauen mit einer Behinderung oder jüdische Frauen.
Die Nazis haben mit der Eugenik auch ein Verbot begründet:
In der Nazi-Zeit war es in Deutschland verboten,
dass nicht-jüdische und jüdische Menschen eine Beziehung hatten.
Denn die Nazis wollten nicht, dass nicht-jüdische und jüdische Menschen gemeinsam Kinder bekamen.
Die Nazis in Deutschland begannen im Jahr 1935
mit ihren Maßnahmen der Eugenik. Ein Beispiel:
Der »Reichs-Führer SS« Heinrich Himmler hatte einen Verein gegründet. Der Verein hieß »Lebensborn e.V.«.
Der Verein förderte junge deutsche Frauen,
die »rein-rassig arisch« waren.
Die Nazis meinten damit Frauen, die beweisen konnten,
dass es in ihrer Familie keine Juden gab.
Oder Menschen aus einer anderen »minder-wertigen Rasse«
So bezeichneten die Nazis Menschen mit einer anderen Hautfarbe.

Die »rein-rassig arischen« Frauen sollten viele Kinder bekommen.
Wenn die Frauen nicht verheiratet waren,
wurden die Kinder nach der Geburt den Müttern weggenommen.
Sie wuchsen in Heimen oder in anderen Familien auf.
Im Jahr 1939 gab es einen Aufruf gegen die deutsche Rassen-Hygiene. Wissenschaftler aus der ganzen Welt,
die sich mit Gen-Forschung und Eugenik beschäftigten,
hatten diesen Aufruf geschrieben.
Die Wissenschaftler wollten die Verbesserung der menschlichen Gene,
ohne Menschen zu zwingen oder ihnen zu schaden.
Sie schlugen dafür freiwillige Maßnahmen vor.
Die Wissenschaftler hatten die Idee,
dass man in die Gene von Menschen eingreifen kann.
Ohne, dass man dafür Menschen töten muss.
Und dass man die Menschen verbessern kann,
wenn man ihre Gene verbessert.
Dazu sagten die Wissenschaftler Eugenik.
Das ist nicht nur eine Idee der Nazis gewesen.
Auch nach der Nazi-Zeit und bis heute gibt es diese Meinung.
Deshalb finden viele die Eugenik auch nicht schlimm.

5. Die Eugenik nach der Nazi-Zeit
Die Wissenschaftler Watson (englisches Wort, gesprochen Wottsen) und Crick (englisches Wort, gesprochen Krick)
stellten im Jahr 1953 ein neues Modell vor,
mit dem sie das menschliche Leben besser erklären wollten.
Dieses Modell heißt »Doppel-Helix« und zeigte,
wie das kleine Teilchen für die Vererbung in einem Gen aussieht.
Dieses Teilchen nennt man auch DNA.
Dieses neue Modell überzeugte viele Wissenschaftler der ganzen Welt.
Sie glaubten, dass man nun mit technischen Hilfs-Mitteln
die Gene operieren und verbessern kann.
So wollten sie Menschen helfen, die krank waren.
Zum Beispiel, weil ihre Gene geschädigt waren
durch die Strahlung von Atom-Waffen
oder weil sie lange Zeit nichts zu essen hatten.
Im Jahr 1962 gab es dazu eine große Diskussion in London.
Der Wissenschaftler Lederberg meinte:
Früher waren die Methoden zur Gen-Verbesserung so wie Tier-Zucht.
Man muss aber mit den Genen so arbeiten wie mit Maschinen-Teilen.

6. Welche Fragen gibt es heute zum Thema Eugenik?
In der heutigen Zeit geht es um die Frage,
ob man in Gene, die kleinsten Bausteine vom Menschen, eingreifen darf.
Oder ob man das nicht darf.
Der Wissenschaftler Watson (gesprochen Wottsen) fragte 1998:
»Wenn wir bessere Menschen herstellen könnten,
durch das Hinzufügen von Genen,
warum sollten wir es dann nicht tun?«
Und im Jahr 2000 fragte Watson:
»Dürfen Kinder mit genetischen Störungen überhaupt geboren werden?«
Er stellte diese Frage,
weil das Leben vieler Menschen mit Erb-Krankheiten sehr schwer ist.
Er meint: In Zukunft sollte es ein Recht darauf geben,
das Leben erb-kranker Kinder vor der Geburt beenden zu dürfen.
Der amerikanische Wissenschaftler Stock meint:
Die meisten Menschen wollen Kinder haben, die
• gesund sind
• länger leben
• besser aussehen
• mehr Fähigkeiten haben.
Deshalb meint er: Dafür muss man die Gen-Technik einsetzen dürfen.
Der amerikanische Wissenschaftler Francis Fukuyama (gesprochen Fren-ziss Fuku-jama) befürchtet:
Die Menschen werden so zu Sklaven der Gen-Technik.
Deshalb darf man keine Menschen züchten.
Aber manche Erb-Krankheiten darf man durch Gen-Technik verhindern.
Eine ganz andere Position hat der deutsche Wissenschaftler
Jürgen Habermas.
Er sagt: Es darf gar keine Eingriffe in die Gene der Menschen geben.
Denn nur so haben alle Menschen gleiche Rechte.
Es muss weiterhin vom Zufall abhängen,
aus welchen Genen sich ein Mensch entwickelt und
welche Gene man von seinen Eltern erbt.
Es dürfen nicht andere Menschen darüber entscheiden,
welches Leben gut ist oder nicht.

7. Welche Probleme und Erfahrungen gibt es heute
mit der Eugenik?
Die meisten Menschen in Deutschland sind gegen die Eugenik.
Sie wollen nicht, dass man eine Schwangerschaft abbrechen darf,
wenn das ungeborene Kind eine Erb-Krankheit hat
und wahrscheinlich später schwer behindert ist.
Dazu gibt es seit 1995 auch ein Gesetz.
Aber gleichzeitig gibt es auch ein anderes Gesetz.
Dieses Gesetz sagt: Eine Frau darf die Schwangerschaft abbrechen,
wenn sie zu große Probleme damit bekommt,
wenn ihr Kind behindert ist.
Was bedeutet das?
Unsere Gesellschaft ist gegen die Eugenik.
Aber die einzelnen Menschen dürfen und müssen Entscheidungen
zur Eugenik treffen, wenn sie selbst Kinder bekommen.
Viele Menschen befürchten, ein behindertes Kind zu bekommen.
Sie können sich nicht vorstellen,
sich ihr ganzes Leben lang um ein behindertes Kind zu kümmern.
Oder sie fürchten Benachteiligungen für sich und ihre Familie.
Oder sie fürchten, nicht genug Geld zu haben.
Deshalb wollen sie sicher sein, ein gesundes Kind zu bekommen.
Auf den nächsten Seiten werden 3 Probleme näher erklärt,
die mit der Eugenik heute zu tun haben.

1. Problem: Die Gen-Untersuchung in der Schwangerschaft
Seit 30 Jahren ist die Zahl der Gen-Untersuchungen
von schwangeren Frauen sehr stark gestiegen.
1976 wurden 1.800 Frauen untersucht.
2001 wurden 64.000 Frauen untersucht.
Warum werden immer mehr Frauen untersucht?
• Immer mehr Frauen wollen wissen,
ob ihr Kind eine Behinderung haben wird.
• Immer mehr Ärzte raten Frauen zu der Gen-Untersuchung.
Damit sie nicht angeklagt werden, wenn das Kind behindert ist.
Wenn ein ungeborenes Kind wahrscheinlich behindert ist,
wird sehr oft eine Schwangerschaft abgebrochen.
Eine Folge davon ist:
Es gibt immer weniger Kinder mit dem »Down-Syndrom«
(gesprochen Daun-Sündrom).
Es ist für Frauen und Familien aber viel leichter,
die Schwangerschaft nicht abzubrechen und
ein behindertes Kind zu bekommen,
wenn sie eine gute Beratung und Betreuung haben.
Auch das haben Wissenschaftler herausgefunden.

2. Problem: Die künstliche Befruchtung
Bei der künstlichen Befruchtung hilft die Medizin dabei,
ein Kind zu bekommen.
Dabei müssen Eltern und Ärzte Entscheidungen treffen,
die etwas mit Eugenik zu tun haben.
Sie müssen zum Beispiel auswählen,
welches Embryo (gesprochen Em-brio) gut ist.
Ein Embryo ist eine befruchtete Eizelle, aus der ein Kind werden kann.
Am Embryo kann man schon erkennen,
ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.
Man kann auch Erb-Krankheiten erkennen.
Dann muss man entscheiden,
welches Embryo in den Bauch der Mutter eingesetzt wird.
Also, welches Embryo leben darf.
3. Problem: Die Gen-Technik
Die Entwicklung der Gen-Technik wird bald so weit sein,
dass man Gene gezielt zusammensetzt.
Wie aus einem Bau-Kasten.
So, dass Menschen mit ganz bestimmten Eigenschaften entstehen.

8. Die Position der Behinderten-Bewegung
Die Behinderten-Bewegung sieht diese Probleme sehr kritisch.
Denn damit sind behinderte Menschen bedroht
in ihrem Recht auf Leben.
Behinderte Menschen fürchten auch,
dass sie von der Gesellschaft immer weniger geachtet werden.
Und was kann man dagegen tun?
• die Fremdheit und das Unwissen über ein Leben mit Behinderung überwinden
• Menschen mit Behinderungen einbeziehen in die Beratung und Begleitung betroffener Eltern
• die Heil-Pädagogik stärken
Denn die Heil-Pädagogik ist ein Beruf,
der den ganzen Menschen mit oder ohne Behinderung fördert.

9. Was ist heute und in der Zukunft wichtig?
Jeder Mensch ist einmalig.
Der Wert von jedem Menschen ist nicht abzumessen oder zu rechnen.
Menschen muss man nicht genetisch verbessern.
In unserer Zeit mit vielen Möglichkeiten der Medizin und der Technik
ist das nicht mehr selbstverständlich.
Wir müssen heute darum kämpfen,
dass die Menschen und ihre Gene nicht angetastet werden.

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