Fritz Wehde

11.11.1939 Horst
20.1.1945 Lüneburg
Fritz Wehde mit seiner Grossmutter Minna

Fritz Wehde kommt auf die Welt.Es ist eine schwierige Geburt. Fritzchen liegt in einer ungünstigen Position.

Die Zeit verrinnt.

Die erfahrene Hebamme aus Horst, „Schotten Mutter“ genannt, holt ihn in die Welt und bringt ihn vom Tod wieder zurück ins Leben. Die Folge - Sauerstoffmangel, frühkindlicher Hirnschaden, geistige Behinderung.

Horst 1939

Horst, ein kleines Dorf, zwischen Feldern und Wiesen in der Nähe von Garbsen und Neustadt am Rübenberge gelegen, zählte 1939 insgesamt 366 Einwohner. Horst gehörte zur preußischen Provinz Hannover.

Fritzchen wurde im Haus der Familie Wehde geboren, das sein Urgroßvater gebaut hatte. Ein dunkelrotes Backsteinhaus, umgeben von einem großen, blumenreichen Garten; heute Andreaestr. 33.

In diesem Haus lebten Fritzchens Vater, Fritz Wehde (26.05.1912 bis 27.07.1983), seine Mutter Else (24.04.1912 bis 25.03.1963) sowie seine Großeltern. Bis 1937 wohnte auch noch Fritzchens Tante Wilma Alten, geb. Wehde und ihr Mann mit ihren beiden ältesten Töchtern in dem roten Backsteinhaus.

Fritzchens Großeltern hatten nebenher eine kleine Landwirtschaft. Die Tiere lebten mit den Menschen unter einem Dach. Betrat man das Haus, öffnete sich die breite Diele, an die der Wohnbereich grenzte und über die man auch die Ställe erreichte. Schweine, Kühe, Hühner, Katzen und sogar ein Pferd bevölkerten das Haus. 

 

Fritz Wehdes Geburtshaus

 Die Tiere sicherten, neben dem Gemüseaus dem Garten, auch in schwierigen Zeiten die Versorgung mit Eiern, Milch, und wenn geschlachtet werden konnte, mit Fleisch. 

Die „Wehdes“ waren Arbeiter und seit vielen Jahre der SPD verbunden, die als Sozialdemokratische Partei 1870 gegründet und im Juni 1933 verboten wurde.

Fritzchens Großvater Heinrich und sein Großonkel, der im gegenüberliegenden Haus mit seiner Frau lebte, waren SPD-Mitglieder.

Die direkten Nachbarn waren miteinander verwandt und gegen die Nazis eingestellt; Fritzchens Großvater Heinrich nahm wohl manchmal kein Blatt vor den Mund. Das dieses keine weiteren Konsequenzen hatte, hing sicherlich mit der dörflichen Struktur zusammen.

Jeder kannte jeden. Die Kinder nannten die meisten Erwachsenen, auch die, zu denen keine verwandtschaftliche Beziehung bestand, Onkel und Tante.

 Fritzchens Vater war Maurer, wie sein Großvater. Später machte er seinen Meister und baute sich in Horst ein Baugeschäft auf.

Fritzchens Mutter Else kam ursprünglich aus Sankt Andreasberg im Harz und hatte in Engelbostel, einem Nachbarort von Horst, eine Stelle im Haushalt angenommen. So lernten sich Else und Fritz kennen und lieben; 1937 haben sie geheiratet.

 Fritz Wehde (Senior) war ein fröhlicher, neugieriger, technisch interessierter und begabter Mann, der viel ausprobierte und seiner Tabaklust frönte. D.h. der Garten wurde nicht nur für den Gemüseanbau, sondern auch den Tabakanbau genutzt. Zum Schneiden des getrockneten Tabaks hatte er eine eigene Maschine gebaut. Außerdem waren Zigaretten auch ein brauchbares Tauschmittel.

 Else Wehde, Fritzchens Mutter, war der ruhige Gegenpol zu ihrem lebhaften Ehemann. Sie war eine sehr freundliche, liebevolle, geduldige und feinsinnige Frau,  die den großen Haushalt routiniert führte. Else konnte hervorragend kochen und auch aus den einfachsten Zutaten köstliche Gerichte zaubern. Berühmt war Elses Milchsuppe, von der alle Kinder schwärmten.

Fritzchen war ihr ältester Sohn.

Fritzchen hatte strahlend blaue Augen und wunderschöne weißblonde Locken, um die ihn seine Cousinen beneideten. Als Fritzchen älter wurde und die Lockenpracht einem Jungenhaarschnitt weichen musste, hat seine Mutter, wie es damals üblich war, eine abgeschnittene Locke in einem durchsichtigen Plastikröhrchen aufbewahrt. Diese Locke von ihm lag immer auf ihrem Nachttisch.

 Horst 1942

15.04.1942 - Geburt von Fritzchens Bruder Heinrich, genannt Heini. 

Seine Eltern wollten keine Hausgeburt und so kam Heini im Krankenhaus in Hannover zur Welt. 

 „Tante Wilma kommt heute nach Horst “. Kaum hatte Fritzchens Mutter diesen Satz ausgesprochen, ist Fritzchen losgeflitzt, durch das Haus gerannt, über die Diele nach draußen, zum Gartenzaun – zu seiner Lieblingsstelle, denn von dort hatte Fritzchen die ganze Straße im Blick.

Fritzchen und "Tata", Tante Wilma

Und dann hat Fritzchen gewartet.

Durch nichts und niemanden war Fritzchen dazu zu bewegen, wieder ins Haus zu gehen.

 Warten, egal ob es regnete oder die Sonne schien. Fritzchen stand am Zaun, manchmal stundenlang, den Blick unverwandt auf die Straße gerichtet, als könnte er seine geliebte Tante Wilma nicht nur herbeisehnen sondern auch herbeisehen.

Endlich, endlich kam sie. Fröhlich saß sie auf dem Herren-Fahrrad. Vorne auf der Stange balancierte Fritzchens Cousine Christa und hinten, auf dem Gepäckträger, saß Helga, auch ein Blondschopf.

In diesem Moment gab es kein Halten mehr, strahlende Augen, Lachen, in innigster Freude ist Fritzchen in die Luft gesprungen, hoch und `runter, hoch und ´runter, als würde er auf einem Trampolin hüpfen, und dann lag Fritzchen seelig in den Armen seiner Tata Wilma.

 Wilma, der kleine Wildfang. Wilma, die als Kind ihrem Bruder Fritz in nichts nachstand, die auch auf die höchsten Bäume kletterte und mit ihm manchmal Eier aus den Nestern räuberte, die sie abends gebraten und gegessen haben. Wilma, die lieber durch Wiesen und Wälder tobte, als Hausaufgaben zu machen.

Glücklicherweise hatte sie einen etwas älteren, sehr verlässlichen Freund – Karl Wehde. Karl hatte eine Gehbehinderung und konnte nicht so herumtollen, wie die anderen Kinder. Wilma legte ihm, bevor sie in den Wiesen verschwand, unter einem Baum ihre Hausaufgaben hin, und wenn sie abends zurückkehrte, waren sie fix und fertig.

 Tante Wilma, die tatkräftige Frau, die wie ihr Vater ein offenes Wort nicht scheute. Die beiden Geschwister Fritz (Senior) und Wilma hatten auch als Erwachsene ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. Unter der robusten Außenschale schlug Wilmas großes, weites Herz.   Ihre starken Hände waren von der Handarbeit im Garten, auf dem Feld, im Haushalt, bei der Wäsche rauh und rissig. In der Berührung aber verwandelten sich diese Hände in etwas unvorstellbar Zartes und Weiches.

Tante Wilma ist häufig mit ihren beiden jüngeren Töchtern, die noch nicht in die Schule gingen, nach Horst gefahren und hat in der kleinen Landwirtschaft und im Garten geholfen. Fritzchens Cousinen Christa und Helga haben in dieser Zeit mit ihm gespielt. Im Sommer, es waren die Sommer 1942 und 1943, konnten sie auch draußen spielen.

Sie setzten Fritzchen in den Bollerwagen, bekamen als Wegzehrung ein paar Stullen und los ging´s. Über den holprigen Feldweg zogen die Kinder den Bollerwagen in Richtung Wäldchen. Immer wenn es besonders hoppelte, ist Fritzchen in ein begeistertes Juchzen ausgebrochen. Im duftenden Kiefernwäldchen suchten Christa und Helga ein schattiges Plätzchen für ein  Picknick.

Oft haben sie auch direkt gegenüber vom Haus zusammen in einer Sandkuhle gespielt, den warmen Sand zwischen den Fingern rieseln lassen oder mit Wasser herumgematscht und gebaut.

 Fritzchen hatte es schwer mit der Sprache, den Worten. Aber seine Eltern und alle, die ihn kannten, haben ihn verstanden.

 

Horst 1943 und 1944

Fritzchens Bruder Heini erinnert ein Bild, in dem sich Erlebnisse, Wunschgedanken und Phantasie verweben. Er, der kleine Bruder, gerade 2 Jahre alt, hat Fritzchen, seinen großen Bruder, verteidigt und die Worte gesprochen, die Fritzchen nicht sagen konnte – gegen die Kinder aus dem Dorf, die Fritzchen ärgerten, auslachten und anspuckten.

 

Manchmal packte Fritzchen eine unbändige Wut, vielleicht wenn ihn die Kinder geärgert hatten.

Manchmal hatte Fritzchen furchtbare Krampfanfälle, Folge der Hirnschädigung.

 

Seelze 1943, 1944

„Helga, du bist doch gar kein Puppen- und Teddymädchen“, sagte ihre Mutter Wilma, „Du spielst doch viel mehr mit anderen Sachen, und der Fritzchen, der hat nicht so viel und gar keinen Teddy. Schenk doch dem Fritzchen deinen Juppi, der freut sich bestimmt ganz doll darüber.“ 

Fritzchen mit seiner Grossmutter im Freien


Schweren Herzens hat Helga Fritzchen ihren Juppi geschenkt. Und als dann Juppi im Matsch lag, war sie traurig – aber ihr war klar, dass Fritzchen das nicht böse meinte oder extra machte. Vielleicht hat Fritzchen Juppi mitgenommen, als er nach Lüneburg gebracht wurde.

Horst 1944

Am 21.08.1944 wurde Fritzchens Schwester Ursel im Krankenhaus geboren.

 Einige Tage später kamen Vertreter des Gesundheitsamtes und überreichten dem Vater eine polizeiliche Verfügung, die die Zwangseinweisung von Fritzchen gegen den Willen der Eltern in die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg anordnete.

12.07.1944, Neustadt a./R.

Amtsarzt Dr. Meyer vom Gesundheitsamt Neustadt a./R. erstellte pflichtbewusst ein Gutachten über Fritzchen und initiierte beim Kreiswohlfahrtsamt in Neustadt a./R. und beim Landratsamt seine Aufnahme in eine Anstalt.

Vermutlich war Dr. Meyer kein Mann, sondern eine Frau, denn in einem Schriftstück aus der Akte ist der Eintrag Frl. Meyer vermerkt.

Das würde bedeuten, Amtsärztin Dr. Meyer erstellte am 12.07.1944 ein Gutachten über Fritzchen, in dem es hieß:

 

„Das Kind Fritz Wehde, geb. 11.11.39 aus Horst 45, leidet an einer Idiotie. Das Leiden ist vermutlich auf ein Geburtstrauma zurückzuführen. Das Kind ist dermaßen unruhig, dass es nicht mehr länger im Hause verbleiben kann, zumal die jüngeren Geschwister schon anfangen, seine Eigenarten nachzumachen.“    

 

Die Amtsärzte in den Gesundheitsämtern spielten eine sehr zentrale Rolle für den reibungslosen Ablauf der „Euthanasie“ und „Kindereuthanasie“. Sie bildeten die Schnittstelle, sie waren die „Schaltzentrale“ vor Ort und hatten dafür Sorge zu tragen, dass die „Lebensunwerten“ , die „unnützen Esser“ erfasst, an den „Reichsausschuss“ gemeldet wurden. Sie koordinierten nach der Entscheidung durch den „Reichsausschuss“ die Einweisung der Kinder in die „Kinderfachabteilungen“.

Was veranlasste Amtsärztin Dr. Meyer am 12.07.1944 zu diesem Schritt?

Warum betrieb sie aktiv zu diesem Zeitpunkt die Aufnahme von Fritzchen in eine Anstalt? Gab es einen weiteren Erlass, der die Amtsärzte unter Druck setzte?

Bis auf den zweiten Erlass vom 30.09.1941, habe ich keine weiteren gefunden. Oder hatte sie oder hatten andere Amtsärzte schon in den Jahren vorher versucht, die Eltern zu überzeugen, Fritzchen in eine Anstalt zu geben, und diese hatten dieses verweigert und wollten ihn Zuhause behalten?

War die polizeiliche Verfügung eine Konsequenz aus der möglichen Beharrlichkeit der Eltern und sollte nun endlich auch auf dieses „lebensunwerte“ Kind der Zugriff erfolgen?

 Die Zwangseinweisung eines Kindes in eine „Kinderfachabteilung“ war  ungewöhnlich und scheint eine Ausnahme zu sein. Der kleine Junge, Fritzchen, 4 Jahre alt, wurde mit folgender Begründung per polizeilicher Verfügung des Landratsamtes in die Lüneburger „Kinderfachabteilung“  zwangseingewiesen:   


 Neustadt a./Rbge, den 26.08.1944

Der Landrat

Polizeiliche Verfügung

 

Nach einem hier vorliegenden amtsärztlichen Gutachten leidet Ihr Sohn Fritz Wehde, geboren am 11.11.1939, wohnhaft in Horst 45, an einer Krankheit, die eine Behandlung in einer Heil- und Pflegeanstalt erforderlich macht; weil sie Gefahr für den Kranken in sich schließt. Auf Grund der §§ 14, 15, 40 u. 55 des Polizeiverwaltungsgesetzes vom 01.Juni 1931 ordne ich die sofortige Unterbringung in die Heil- und Pflege-anstalt in Lüneburg widerruflich zunächst für die Dauer eines Jahres hiermit an. (…) Die Durchführung meiner Anordnung wird durch die Beschwerde nicht aufgehoben, da die sofortige Ausführung aus überwiegenden Gründen des öffentlichen Interesses verlangt werden muss.

J.V.

Gez. Stünkel

Regierungsoberinspektor    

 

Amtsärztin Meyer hatte drei Tage vorher, am 23.08.1944 um 16 Uhr 15, fernmündlich die Aufnahme von Fritzchen in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg beantragt. Wie einem Aktenvermerk zu entnehmen ist, erhielt sie die Antwort: kann aufgenommen werden. Auf dieser Grundlage wurde drei Tage später, am 26.08.1944, die polizeiliche Verfügung ausgestellt.

 Was war in der Zeit der Erstellung des Gutachtens am 12.07.1944 bis zur Ausstellung der polizeilichen Verfügung am 26.08.1944 passiert? Immerhin lagen sechs Wochen dazwischen. Hatte Amtsärztin Meyer ihr Gutachten und einen Antrag auf Aufnahme des Kindes Fritz Wehde parallel an den „Reichsausschuss“ gesendet, nach Berlin W 9, an das Postfach 101? Hatten die Gutachter Werner Catel, Hans Heinze und Ernst Wentzler auf dieser Grundlage über Fritzchens weiteres Schicksal entschieden und die Einweisung angeordnet? Die Frage, ob die Gutachter auch Fritzchen zu diesem oder einem späteren Zeitpunkt durch eine „Behandlungsermächtigung“ zur Tötung freigegeben haben, werden wir vermutlich nie beantworten können.

Lüneburg 1944

Am 31.08.1944 erfolgte Fritzchens Aufnahme in der „Kinderfachabteilung“, in das Haus 25. Fritzchen war dort allein, wehrlos, ohne den Schutz seiner Familie, hilflos und  ausgeliefert. Fritzchen war wütend, er wollte nicht von zu Hause fort.

Er hat sich gegen die DRK-Helferin, die in nach Lüneburg bringen sollte, gewehrt. Dieses ist zumindest in der Akte dokumentiert

 „(…) Hat unterwegs 7 schwere Wutanfälle gehabt.“  

 Es war ein mutiger, ungleicher und leider aussichtsloser Kampf, den Fritzchen führte. Die Vorstellung dessen, wie er gelitten haben muss und was ihn in Lüneburg erwartete, ist schwer zu ertragen.

 Haus 25, Anstalt Lüneburg 2013

Horst ist von Lüneburg 135 km entfernt. Wir wissen nicht, wie die DRK Helferin Fritzchen nach Lüneburg gebracht bzw. abtransportiert hat. Vermutlich sind sie mit dem Zug gefahren. Hat sie ihn die ganze Zeit festgehalten, hat sie ihn auf irgendeine Weise fixiert?

Bereits die ersten Einträge über Fritzchen, als auch die direkte Einweisung in das Haus 25, sind sehr ungünstig.

Der kalte Blick, die Brutalität, die Unmenschlichkeit, die sich in den Akteneinträgen offenbart, lässt einen nicht mehr los.

Am 1. Sept 1944 erfolgte u.a. folgender Eintrag:

 

Sehr unruhiger Junge, (…) Ist unordentlich u. unsauber. Oft zwanghaftes Schreien und Brüllen. (…) Kann alleine Brot essen, muss sonst in allem versorgt werden.(…)

Zur Sprache nur „Mama“, „Papa“

 Am 2. Sept 1944

Sehr unruhiger u. (…) Junge , der vor allem oft im Krampfanfall um sich schlägt u. brutal misshandelt. Hat sich gestern Abend das Gesicht blutig geschlagen. Schreit dabei laut u. brüllend.

(…) 3 + 1 Luminaltablette.  

 

Fritzchens Vater hat versucht, ihn in Lüneburg zu besuchen, aber die Bedingungen waren während des Krieges sehr schwierig. Einmal ist er bis Lüneburg gekommen, vermutlich im Oktober oder im November, vielleicht zu Fritzchens 5. Geburtstag am 11.11.1944. Der Zustand von Fritzchen hatte sich sehr verschlechtert, er war in kurzer Zeit  abgemagert. Erschüttert erzählte sein Vater nach diesem Besuch „der Junge hat so ein Heimweh, dass er nichts essen mag.“ Vermutlich im Dezember versuchte der Vater erneut, Fritzchen zu besuchen. Dieses ist einem Brief vom 31.12.1944 an den Direktor und Leiter der „Kinderfachabteilung“ M. Bräuner zu entnehmen:

 

 „ (…) da das Fahren mit der Bahn in der jetzigen Situation mit sehr vielen Schwierigkeiten und Umständen verbunden ist, möchte ich mich auf diesem Wege mit der Bitte an Sie wenden, ob Sie mir zu meinem Sohn Fritz Wehde, der dort in der Anstalt Haus 25 untergebracht ist, etwas mitteilen können? Denn solange der Junge dort ist, konnte ich ihn erst einmal besuchen. Das Zweitemal bin ich bloß bis Hannover gekommen. Dort musste ich wieder umkehren. Da ich nun in der nächsten Zeit meinen Besuch nicht wiederholen kann, bitte ich Sie höflichst, mir doch etwas über meinen Sohn mitteilen zu wollen(…). 

 

Antwort von M. Bräuner, Direktor der Landes-Heil- und Pflegeanstalt und Leiter der „Kinderfachabteilung“

 

04.01.1945 ?

Sehr geehrter Herr Wede!

 

Im Zustand Ihres Jungen Fritz Wede ist keine wesentliche Änderung eingetreten; geistig ist er bisher nicht weitergekommen. Im Ganzen ist er etwas ruhiger als anfangs und (…) auch nicht mehr so viel.(…)Im November hat der Junge eine zeitlang Durchfall gehabt, der sich noch öfter wiederholt und seitdem besteht die Neigung zu einem Mastdarmvorfall. Wir werden alles versuchen, diesen Zustand zu beseitigen. Der Kräftezustand hat sich verschlechtert.“(…)

 

Eintrag in Fritzchens Akte vom 10. Jan. 1945

Völlig tiefstehendes Kind, ohne Interesse für die Umgebung, außer wenn das Essen gebracht wird, dann ist er kaum im Bett zu halten. Greift, obwohl er das erste Stück Brot noch nicht aufgegessen hat, schon gierig nach dem Zweiten.

 

15 Jan. 1945

 

Immer noch Temperaturen zwischen 38 u. 39°. Heute über dem re. Knie, auf dem re. Oberschenkel und im Gesicht, vor allem über d. Oberlippe grosse Stellen von Pigmentveränderungen, Landkartenähnlich (…)

 


20. Jan 1945

Nachts 2 (Uhr) Exitus,(…) Dickdarmkatarrh

 

Fieberkurve

 

Horst, Januar 1945

Die Eltern erhalten die Todesnachricht. In einem Telegramm vom 23.01.1945 wird ihnen mitgeteilt, dass ihr „Sohn entschlafen" sei.

Als offizielle Todesursache wird angegeben: angeborener Schwachsinn nach Hirnhautentzündung, Unterentwicklung, Dickdarmkatarrh.

 

Fritzchen, der kleine Junge, 5 Jahre alt, ist tot. Seine blauen Augen werden nicht mehr strahlen und sein Lachen ist für immer verklungen.

 

Brief des Vaters, Fritz Wehde

Horst, d. 24.01.1945

 

Sehr geehrter Herr Direktor,

der unerwartete Tod unseres Sohnes hat uns sehr getroffen. Zu allem Leid konnten wir, da wir keine Fahrgenehmigung erhielten, nicht einmal zu der Beerdigung kommen, welches uns sehr bekümmert, da es uns nicht einmal vergönnt war, dem Jungen die letzte Ehre zu erweisen. Wissen somit nicht einmal, wie und wo der arme Junge seine letzte Ruhe gefunden hat. Bitte den Herr Direktor uns doch mitteilen zu wollen, wie es zu dem plötzlichen Tod unseres Jungen gekommen ist und wo er bestattet ist. (…)

 

Antwortbrief Direktor Bräuner

 

Lüneburg, 03.02.1945

 

Sehr geehrter Herr Wehde,

Ihr Junge hat schon seit längerem (…)an einem (…) Darmkartarrh gelitten, der akut mit höherem Fieber aufgetreten war.

Infolge dieses Zustandes war sein Kräftezustand stark zurückgegangen und er ist am 20. Januar früh morgens still eingeschlafen.

Dieser habe außerdem infolge alter Hirnhautentzündung abnormale  Veränderungen im Gehirn, die eine geistige Weiterentwicklung ausschlossen. Er ist auf dem hiesigen Anstaltsfriedhof beigesetzt; das Grab ist die Nr. 242a.(…)

 

Ob Fritzchen durch den Nahrungsentzug ermordet wurde oder ob ihm zusätzlich auch eine Überdosis des Betäubungsmittels Luminal verabreicht wurde, werden wir nie sicher wissen. Die offizielle Todesursache, Dickdarmkatarrh, spricht dagegen.  Andere Kriterien, die Raimond Reiter7 nennt, um „zu einer Aussage zu kommen, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um ein NS-Opfer handelt“, treffen zu:

Fritzchen wurde mit der „Diagnose Idiotie“ direkt in das Haus 25 eingewiesen. Dafür sprechen auch folgende Einträge in der Akte wie angeborener Schwachsinn (…) keine Reaktion auf (…); körperlich deutlich generativ; sehr unruhig; oft zwanghaftes Brüllen und Schreien; unordentlich u. unsauber; muss in allem versorgt werden und völlig tiefstehendes Kind. Fritzchen hatte kurz vor seinem Tod Fieber. In den Briefen schrieb M. Bräuner  

„geistig ist er bisher nicht weitergekommen (…) Infolge (…) abnormale Veränderungen im Gehirn, die eine geistige Entwicklung ausschlossen. 

 Die Akte trägt einen Stempel: erbbiologisch erfasst. Der dokumentierte Ausschlag könnte ein Hinweis auf eine Hautreaktion nach einer Überdosis Luminal sein. Die Antwort auf die Frage der Todesursache ist für eine rechtliche Beurteilung wichtig. Handelte es sich um Mord im juristischen Sinne? Wichtig ist die Antwort auch, um zu wissen, wie Fritzchen gestorben ist. Für die moralische Bewertung der Handlungen, der Mordtaten der verantwortlichen Ärzte und Pflegekräfte, ist die Antwort auf diese Frage nachrangig und unwichtig.

 

In den Jahren danach

 

Der Schmerz der Eltern, denen Fritzchen weggenommen wurde. 

Der Schmerz, ihn verloren zu haben.

Der Schmerz über seinen Tod.

Diesen Schmerz, der einem die Kehle zuschnürt und sprachlos werden lässt,

diesen Schmerz spürten seine Geschwister Heini und Ursel.

Eine Wunde, die nicht verheilen konnte und Fragen,

fragen nach Fritzchen, so schwer machte.

 

Lüneburg 1950 oder 1951


Fritzchens Eltern und seine Geschwister besuchten sein Grab auf dem Nord-West-Friedhof in Lüneburg. Fassungslos standen sie vor seiner Grabstelle und den vielen kleinen Gräbern von anderen Kindern.

 

Lüneburg 25.08.2013 „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben“

 

Am 25.08.2013 wurde die Gedenkanlage für die Opfer der Lüneburger NS-Psychiatrie auf dem Nord-West-Friedhof eingeweiht.

Im Rahmen der Gedenkfeier erfolgte die Beisetzung der Hirnschnitte von 12 Kindern, die in der Lüneburger „Kinderfachabteilung“ ermordet und deren Körper zu Forschungszwecken missbraucht und geschändet wurde.

 

Marianne Begemann           (03.12.1929 - 20.12.1941)

Rosemarie Bode                    (27.04.1935 - 04.02.1942)

Waldemar Borcholte             (22.06.1931 - 02.02.1942)

Friedrich Daps                       (04.10.1933 - 21.03.1942)

Heinrich Herold                     (31.03.1943 -20.01.1942)

Elsa Knust                              (19.02.1928 - 03.03.1942)

Herta Ley                                (09.10.1930 - 03.02.1942)

Hans-Herbert Niehoff           (30.10.1933 - 30.03.1942)

Helmut Quast                         (22.01.1930 - 01.03.1940)

Heinz Schäfer                        (16.08.1937 – 23.02.1942)

Eckart Willumeit                     (21.06.1928 – 18.02.1942)

Werner Wolters                      (01.05.1938 – 15.01.1942)

 

An einem sonnigen Augusttag wurden diesen Kindern nach über 70 Jahren ihr Name und ihre Würde zurückgegeben. Auf den zwei farbenprächtig gestalteten Urnen leuchteten zwischen Regenbogen, Sonne und Blumen die Namen der Kinder. Die Urnen sind an der Gedenkanlage beigesetzt worden, ganz in der Nähe des alten Gräberfeldes, auf dem Fritzchen und viele andere Kinder begraben wurden. Fast 70 Jahre nach Fritzchen Einweisung in die “Kinderfachabteilung“ am 31.08.1944, konnten wir, seine Geschwister, seine Nichte, seine Neffen sowie seine entfernteren Verwandten, im Rahmen der Gedenkfeier Abschied nehmen. Was den Eltern von Fritzchen im Januar 1945 verwehrt wurde, war uns möglich, und das macht uns sehr froh.

 

Ein Ort der Würde, des Gedenkens und der Erinnerung.

Ein Ort des Schmerzes, der Trauer und des Trostes.

 

Die jungen Kirschbäume, die die Gedenkanlage umsäumen, werden wachsen. Sie werden wachsen, so wie Kinder größer werden. Im Frühjahr werden die Knospen sprießen und ihre zarte, weiße Blütenpracht entfalten. Im Sommer werden die Kirschen wachsen, rot leuchten und zum Naschen verführen. Im Herbst werden die bunten Blätter hinabfallen auf das Grau der Steine und sie in einen farbenprächtigen Laubteppich verwandeln.   Im Winter, wenn der Schnee fällt, werden die Bäume und Steine in ein weißes Licht getaucht. 

Gedenkstein der Opfer der Lüneburger Provinzial Heil- und Pfelgeanstalt


Erinnerungsspur 2013

Ich habe einen der Stolpersteine für die Familie Eisenstaedt und ihren kleinen Sohn Berl gespendet. Die Familie lebte in Kreuzberg, heute Erkelenzdamm 9, 10999 Berlin. Der Vater Kurt Eisenstaedt, die Mutter Käthe und ihr Sohn Berl wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert. Berl war 2 Jahre alt. Ausgelöst durch die Verlegung der Stolpersteine am 28.03.2013 wurde eine alte Erinnerung an die Erzählung meiner Oma Wilma Alten wieder in mein Bewusstsein gespült - die Erinnerung an einen anderen kleinen Jungen. 

 Ich war im Alter von vielleicht 4 Jahren bei meiner Oma Wilma zu Besuch, und ich durfte in ihrem großen Ehebett schlafen. 

Der Opa wurde ins Nachbarzimmer ausquartiert. An einem Abend, es war bereits für meine Verhältnisse unglaublich spät, fragte sie mich, ob wir Fotos ansehen wollen. Na klar wollte ich das. Meine Oma stand auf und holte aus dem Schlafzimmerschrank einen großen Pappkarton, der bis oben angefüllt war mit Fotos, und dann begann eine lange Nacht. Meine Oma hat mir die Fotos gezeigt und erzählt – über die Menschen, die auf den Fotos zu sehen waren und Geschichten aus ihrem Leben. Ein Foto zeigte einen kleinen Jungen und meine Oma sagte nach meiner Erinnerung „das ist der liebe Fritzchen, dem haben die Nazis etwas Böses angetan, den haben sie getötet.“ Und meine Oma wirkte sehr traurig.

 Nachdem ich diese Sätze so klar erinnerte, habe ich angefangen, nach Fritzchen zu fragen.

 

Uta Wehde, November 2013

Mein herzlicher Dank gilt Frau Dr. Carola Rudnick von der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ in Lüneburg für ihre Unterstützung bei der Recherche der Geschichte von Fritzchen Wehde, meinem Onkel 2. Grades. 

 Eine annotierte und mit einer Zeitleiste versehene Version dieser Biografie können Sie hier ansehen 

 

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