Gertrud Stockhausen, geb. Stupp

* 30.11.1900 Neurath -
† 27.05.1941 Hadamar
Gertrud Stockhausen

Als Mutter des weltberühmten Komponisten Karlheinz Stockhausen ist sie vermutlich eines der bekanntesten unbekannten Opfer der national-sozialistischen „Euthanasie". Gertrud Stockhausen wurde am 27. Mai 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

Gertrud Stupp wird am 30. November 1900 in Neurath, Kreis Grevenbroich, geboren und in Frimmersdorf, einer Nachbargemeinde von Neurath, an Heiligabend katholisch getauft. Als viertes von acht Kindern wächst sie auf dem Bauernhof ihrer Eltern Maria Gertrud, geb. Schnitzler, und Christian Stupp auf.

Schon als Kinder werden Gertrud und ihre Geschwister in die landwirtschaftliche Arbeit auf dem Hof eingebunden. Doch Gertrud, die in ihrer Familie als sehr musikalisch beschrieben wird, erhält als einziges Kind auch Klavierunterricht vom Dorforganisten und hat so einen frühen Zugang zur Musik.
Im Alter von 21 Jahren absolviert Gertrud Stupp ein Haushaltsjahr im ca. 70 km entfernten Geistingen bei Hennef auf dem Hof der Familie Honecker. Dort soll sie die Führung des Haushalts erlernen, um sich später gut um eine Familie kümmern zu können.

1922 lernt sie dann auf einer Zugfahrt den angehenden Lehrer Simon Stockhausen kennen. Der 1899 in Herchen im Siegkreis Geborene wächst ebenfalls auf dem Bauernhof seiner Eltern auf, jedoch in weitaus ärmlicheren Verhältnissen als Gertrud. Trotz seiner finanziell schwierigen Lage, heiraten Gertrud und er 1927 in Frimmersdorf. Nach der Hochzeit zieht das Ehepaar in eine kleine Lehrerwohnung nach Rheidt, wo Simon Stockhausen als Hilfslehrer tätig ist.

Gertrud Stockhausen. Quelle: Archiv der Stockhausen-Stiftung für Musik, Kürten.
Ein Jahr später, am 22. August 1928, kommt ihr erstes Kind Karlheinz zur Welt. Die Geburt des später weltberühmten Komponisten soll „schwierig" gewesen sein. Gertrud habe nach der Entbindung, die in Mödrath bei Kerpen in einem Kreiswöchnerinnenheim stattfand, unter starken nervlichen Belastungen gelitten und behauptet, man habe ihr Kind mit einem anderen vertauscht. Die Ursache für ihren Zustand sei wohl eine Kind- oder Wochenbettpsychose gewesen.
1929, am 3. Dezember, wird die Tochter Anna Katharina in der Wohnung der Eltern in Dansweiler geboren. Anders als die erste Geburt verläuft diese ohne Komplikationen.
Innerhalb des nächsten Jahres zieht die vierköpfige Familie zweimal um. Simon Stockhausen wird als Lehrer immer wieder an neue Schulen versetzt.

Von Dansweiler über Alzen gelangt die Familie 1930 nach Morsbach.

Simon Stockhausen integriert sich immer wieder in den neuen Gemeinden. In Alzen ist er Mitglied des Männergesangvereins „Edelweiß" und studiert mit der Kolpingfamilie Theaterstücke ein. Zudem geht er, trotz seiner angespannten finanziellen Verhältnisse, häufig zur Jagd. Gertrud Stockhausen jedoch scheint sich kein stabiles soziales Umfeld aufbauen zu können. Die oftmals als still und zurückgezogen beschriebene Mutter kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, während ihr Ehemann tagsüber in der Schule unterrichtet.

Der Ehemann Simon Stockhhausen in seiner Jägertracht
1931 wird Gertrud Stockhausen mit ihrem dritten Kind, Hermann Josef, schwanger. Am 22. Mai 1932 kommt „Hermännchen", wie der Sohn in der Familie genannt wird, in Morsbach zur Welt. Wie der Patientenakte von Gertrud Stockhausen zu entnehmen ist, sei auch diese Geburt „normal" verlaufen.
Im Oktober des gleichen Jahres zieht die nun fünfköpfige Familie nach Bärbroich, da Simon Stockhausen an die dortige Schule versetzt wird. Das Ehepaar und die drei Kinder bewohnen eine Haushälfte des Lehrerhauses, direkt neben dem Schulgebäude. Gertrud kümmert sich weiterhin um den Haushalt und ihre drei Kinder, besonders der fünf Monate alte Hermann Josef benötigt intensive mütterliche Zuwendung.

Im Dezember 1932 verschlechtert sich Gertrud Stockhausens nervlicher und gesundheitlicher Zustand. Seit Hermännchens Geburt zeigen sich bei ihr zunehmend Anzeichen einer psychischen Erkrankung, ihre alltäglichen Aufgaben als Hausfrau und Mutter von drei kleinen Kindern kann sie immer weniger bewältigen.
Die Krise spitzt sich gegen Ende des Jahres zu, es kommt zu einer psychischen und damit auch sozialen Katastrophe. Einige Tage vor Weihnachten erleidet Gertrud Stockhausen einen Nervenzusammenbruch. Karlheinz Stockhausen und seine Schwester Anna Katharina sind zu diesem Zeitpunkt vier und drei Jahre alt. Die Kinder erinnern sich deutlich an die Nacht, in der ihre Mutter versucht, sich vom ersten Stock der Wohnung aus dem Fenster zu stürzen. In das Gedächtnis des Jungen brannten sich zahlreiche Details des Selbstmordversuchs ein, vor allem die Treppe, auf der die Mutter in weißem Nachthemd stand und der Vater sie am Arm festhielt. Die Mutter habe geschrien: „Lasst mich doch sterben!" Noch in derselben Nacht wird Gertrud Stockhausen von einem Krankenwagen abgeholt.

Am 21. Dezember 1932 folgt dann, mit der Diagnose Schizophrenie, ihre Internierung in der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen bei Langenfeld. Neun Jahre lang wird sie dort, weitgehend ohne Kontakt zur Familie und isoliert von der Außenwelt, festgehalten. Die einzige Quelle, die ihren Aufenthalt in der Heil-und Pflegeanstalt dokumentiert, ist ihre Patientenakte, die im Bundesarchiv Berlin ausfindig gemacht werden konnte. Aufzeichnungen in der Akte zufolge besuchte die Familie Gertrud Stockhausen innerhalb der ersten zwei Jahre, doch dann brach der Kontakt ab. Es folgte 1937 die Scheidung ihres Ehemannes Simon Stockhausen, der zuvor der NSDAP beitrat und ein Jahr später erneut heiratete.

In den Berichten der Patientenakte erscheint Gertrud Stockhausen als sehr aggressive und erregte wie auch angriffslustige Patientin, die sich nicht der Ordnung füge. Je länger sie sich isoliert fühlen musste, desto destruktiver verhielt sie sich. Damit entsprach ihr Verhalten so sehr den Rastern des nationalsozialistischen Gesundheitswahns, dass man hinter den Berichten, wie in vielen anderen Fällen auch, eine Absicht vermuten kann.
Am 27. Mai 1941 wird Gertrud Stockhausen „gemäß Anordnung des Herrn Reichsverteidigungskommissars in eine andere Anstalt verlegt", so die letzte Eintragung in die Patientenakte. Mit dieser Standardformulierung beschönigte die „T4" die Ermordung der Kranken. Mit 89 weiteren Männern und Frauen wird Gertrud Stockhausen von Galkhausen nach Hadamar deportiert und noch am selben Tag dort im Keller der NS-Tötungsanstalt mit Giftgas ermordet.

Heute erinnert ein Stolperstein in ihrem letzten freiwillig gewählten Wohnort Bärbroich im Bergischen Land an das NS-Opfer Gertrud Stockhausen. Vor dem ehemaligen Lehrerhaus wurde er am 7. Februar 2014 im Beisein der Familie, Enkel, Nichten und Neffen von Gertrud Stockhausen, verlegt.

Stolperstein für Gertrud Stockhausen

 Die Erkenntnisse über Gertrud Stockhausen sind in meiner Recherchearbeit "Das kurze Leben und lange Sterben der Gertrud Stockhausen. Die Geschichte eines Opfers der NS-'Euthanasie'" niedergeschrieben. Lisa Quernes  Selbstverlag 2013c, Montabaur. Die Arbeit wurde noch nicht publiziert.

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