Karl Stefanski

23.3.1896
9.10.1940 Brandenburg an der Havel
Karl Stefanski

Mit dieser Geschichte möchte ich meinem Großvater Karl Stefanski ein Gesicht geben.

Irgendwo in Berlin kommt Karl zur Welt, am Montag, den 23. März 1896. Seine Eltern Caroline und Friedrich Wilhelm Stefanski, aus Labischin, das liegt etwa 190 km südlich von Danzig, sind mit Schaustellern unterwegs und schaffen es bis ins knapp 400 Kilometer entfernte Berlin. Vater Friedrich zieht weiter und stirbt mit 34 Jahren in Neumarkt/Schlesien. Caroline bleibt in Berlin, allein. Ihren Sohn gibt sie zu Pflegeeltern, heiratet noch einmal und stirbt 1930 in Berlin. Karl wird später vom frühen Tod des Vaters hören, kennt er seine Mutter mit ihren jüdischen Wurzeln?

Klara und Karl Hirsch, das sind für Karl die Eltern. Bei ihnen in Neuenhagen bei Berlin wächst er auf. Sie führen den Gasthof in der Nähe des Bahnhofs, aber Karl tritt nicht in ihre Fußstapfen. Mit 14 Jahren kommt man damals in die Lehre, für Karl also 1910. Er wird Sattler und lernt nähen. Sattel, Sattelzeug und Zaumzeug müssen immer exakt den Pferdeleibern angepasst sein und dürfen keine Druckstellen verursachen. In Neuenhagen, ganz in der Nähe der aufstrebenden Rennbahn Hoppegarten sind große Pferdeställe und eine Trainingsbahn. In Hoppegarten, in den Rennställen, da ist Karl zu Hause und verbringt dort die meiste Zeit.

Ein schöner junger, gesunder Mann sei er gewesen, lebenslustig, der seine Eltern um den Finger wickelt. Die arbeiten immer, können nicht Nein sagen, wenn er mal wieder Geld braucht, wie zum Beispiel für seine Geburtstagsfeier. Eine ganze Straßenbahn mietet er dafür und fährt mit seinen Freunden nach Hoppegarten, vielleicht am 23. März 1914?

Damit endet dann schon die kurze unbeschwerte Zeit im Leben von Karl Stefanski. Im August beginnt der I. Weltkrieg. Er wird Soldat, als Sattler vielleicht bei der berittenen preußischen Armee - wann, wo, wie lange - das bleibt unbekannt, alle Unterlagen verbrennen im Februar 1945 bei einem Luftangriff in Berlin. Im Frühjahr 1917 ist er an der damals hartumkämpften Ostfront mit Russland, 60 km entfernt vom damaligen Königsberg, in Mohrungen.

Dort lernt er Hedwig kennen und lieben. Das Paar verlobt sich, Karl muss weiter an eine andere Front oder ins Lazarett? Er wird verletzt, aber überlebt.Spätestens im März 1919 findet er seine große Liebe Hedwig in Berlin wieder, er ist inzwischen Vater einer einjährigen Tochter geworden, die bei Pflegeeltern lebt.

Das Hochzeitsfoto 1919

Karl und Hedwig heiraten am 3. Mai 1919 in Neuenhagen und ziehen in eins der Häuser in die Gartenstraße 32, das die Eltern Hirsch dem jungen Paar überlassen. Im Dezember 1919 kommt ihr Sohn zur Welt und wächst bei ihnen auf. Doch das „happy end“ ist von kurzer Dauer.

Bald nach seiner Rückkehr aus dem Krieg zeigen sich bei Karl psychische Auffälligkeiten. Schon beim Scheppern von Mülltonnen rennt er „Alarm“ schreiend in den Keller. Aus dem Sattler wird jetzt wohl ein Anschläger, also ein Bergmann, der im Bergbau in Rüdersdorf gearbeitet haben wird. Karl leidet wahrscheinlich an einem schweren Schädelhirntrauma. Ob er an der Front, untertage oder zweimal verschüttet wurde, lässt sich nicht mehr klären. 

Am 13. August 1926 wird Karl aufgrund eines Urteils des Kammergerichtes Berlin geschieden. Etwa gleichzeitig erfolgt die Einweisung in die „Städtische Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten“ in Berlin-Biesdorf. Vierzehn Jahre lang, den Rest seines Lebens, wird er hier verbringen. Diese „Griesinger-Einrichtung“ gilt als progressiv, praktiziert bereits Arbeitstherapie, hat Erholungseinrichtungen, große Parkanlagen, keine Mauern. Idyllisch? Keineswegs! Für den Patienten Karl gibt es keine Heilung, höchstens die damals üblichen Antiepileptika, wie Brompräparate und Phenobarbital, bekannt als Luminal. Zu viele reizbare epileptisch Kranke leben zusammen und Prügeleien sind an der Tagesordnung. Die typischen Erscheinungen der Hospitalisierung treten auf.

Weltwirtschaftskrise und Inflation lassen auch die Eltern Hirsch verarmen. Sie verlieren ihre Gaststätte und ein Haus. Erfährt Karl, dass die ihnen liebgewordene Ex-Schwiegertochter zu ihnen in die Kellerwohnung gezogen und 1936 verstorben ist? Als seine Tochter ihn findet, ist Karl nicht mehr ansprechbar. Sie erzählt später von diesem Besuch:

„Ihn besuchen hätte ich lieber bleiben lassen, es war schlimm. Er hatte einen Gummiring an und einen Lederhelm fest auf dem Kopf - 'weil er immer gegen die Wand schlagen würde mit dem Kopf'. 'Selbst soweit alles in Ordnung', begrüßt er mich. 'Ich bin deine Tochter', sage ich und er 'selbst alles in Ordnung, bringt mir Tabak und Zigaretten'. Ich bin geschockt und laufe weg.“

1940 trifft Karl die auf den  1.09.1939 datierte Euthanasie-Ermächtigung Hitlers  und stempelt ihn zum „lebensunwerten Geisteskranken“ „unnützen Esser“, „unbrauchbar“. Der stellvertretende Direktor der Anstalt Wuhlgarten stellt ihn am 8. August 1940 mit der Nr. 001251 auf die vom Stadtinspektor Raasch beglaubigte Verlegungsliste Nr. 4. Das 90 km entfernte Sammellager Neuruppin ist von der Heilanstalt Wuhlgarten aus schnell, unauffällig und direkt erreichbar über die eigenen Gleisanschlüsse der beiden Anstalten.

Am Mittwoch, den 14. August 1940 morgens gegen 9 Uhr, geht Karl zum letzten Mal die Allee in Wuhlgarten entlang, zusammen mit 57 Männer, 83 Frauen, 5 Pflegern und 9 Pflegerinnenund steigt in einen der drei bereit stehenden Zugwagen. Alles was er besitzt hat er dabei, exakt aufgelistet in den mitgeführten Unterlagen zusammen mit seiner Personal- und Krankenakte. Diese sollen „bestimmt“ übergeben werden, weil schon feststeht, dass er in wenigen Tagen weitergeleitet wird in „eine fremde Anstalt“. Nach zwei Stunden hält der Zug um 11.43 Uhr am Hauptbahnhof Neuruppin, wo das Pflegepersonal wechselt.

Anschreiben zur Transportliste, 1940. Quelle: BLHA, Rep. 55C Landesanstalt Neuruppin Nr. 34, Bl. 260

Ausstieg ist im Sammellager mit hohem roten Turm, dem „Roten Max“. Dort wird der Anschläger Karl Stefanski aus Berlin unter dem Aktenzeichen 17660 als Nr. 4 aufgenommen, bis sein allerletzter Weg organisiert, beglaubigt und präzise abgestimmt ist. Abgestimmt vom Direktor der Brandenburgischen Landesanstalt Neuruppin mit Stadtmedizinalrat Dr. Sütterlin oder Dr. Paulstich in der Zentrale in Berlin, sowie dem Oberpräsidenten der Provinz Mark Brandenburg in Potsdam und zuletzt Direktor Irmfried Eberl von der als Heilanstalt Brandenburg getarnten Tötungsanstalt in der Neuendorferstr. 90c in Brandenburg an der Havel. Auf der dreifach ausfertigten Transportliste Nr. 38 vom 29. September steht sein Name, zweimal auf Blatt 4 als Nr. 83 und einmal auf Blatt 5 als Nr. 65. Ab dem 2. Oktober wird der Transport vorbereitet für den Zeitraum 6. bis 10. Oktober. Die Überweisung für die Gepäckabfuhr nach Neuruppin wird „tunlichst umgehend“ in Höhe von 1,65 Reichsmark eingefordert und die Zustellung der Personalakten angewiesen.

Am 9. Oktober 1940 bekommt Karl einen Leukoplast-Streifen zwischen die Schulterblätter auf dem sein Name steht, für „seine Entlassung in die fremde Anstalt“. Zwei der berüchtigten Busse der GEKRAT, der Gemeinnützigen Kranken-Transport G.m.b.H., grau oder rot, mit zugeklebten Fenstern, holen die Verurteilten an diesem für die Jahreszeit zu kalten Oktober-Mittwoch ab. Nach zwei Stunden Fahrt steigen sie auf dem Gelände des alten Zuchthauses in Brandenburg an der Havel aus.

Es liegt völlig isoliert und abgetrennt von der Stadt, das Gelände mit hohen Backsteinmauern, runter gekommenen, grauen, abstoßenden Baracken - die einzige ausschließliche T4-Tötungsanstalt. Karl wird sofort in den Eingangsbereich der „Anstaltsscheune“ gebracht, wartet bis er sich nackt ausziehen muss, bekommt einen Stempel auf die Brust, seine Personalien werden überprüft, er wird dem diensthabenden Arzt vorgeführt und fotografiert. Dann geht er in den angeblichen Duschraum, wo es kein Wasser gibt. Unsichtbar, nicht zu riechen, strömt das Gas in den Raum. Karl stirbt einen qualvollen Tod. Danach wird der Raum gelüftet, seine Leiche mit den Unterlagen verbrannt. Nichts soll erhalten bleiben.

Bestätigung des Abtransportes in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel, 1940. Quelle: BLHA, Rep. 55C Landesanstalt Neuruppin Nr. 34, Bl. 262 vs

Noch am 9. Oktober erhält der Herr Landesmedizinalrat oder Herr Landesamtmann Stüwert in Potsdam per Eilboten die Meldung vom Vollzug der Ermordung. Den Eltern Hirsch wird der 23. August 1940 als Todestag gemeldet.

Ausschnitt aus der Transportliste. Nr. 83 – ein Menschenleben ist „abgehakt“. Die Bedeutung der handschriftlichen Ergänzungen ist unklar. Quelle: BLHA, Rep. 55C Landesanstalt Neuruppin Nr. 34, Bl. 271

Karl Stefanski, ermordet am 9. Oktober 1940, im Alter von 44 Jahren, wird in der Opfergedenkliste in Neuruppin und im Opfergedenkbuch in der Gedenkstätte in Brandenburg an der Havel als T4-Euthanasieopfer gewürdigt.

Die Eltern Hirsch am Grab von Karl, undatiert

Die Eltern Hirsch am Grab von Karl

Berlin, im Mai 2014

 Astrid Irion

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Literaturhinweis: 

Die Euthanasie-Anstalt Brandenburg an der Havel. Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus",
von Astrid Ley, Annette Hinz-Wessels, Berlin 2012.  (=Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Band 34.)
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