Mathias Scholl

*16.12.1860 Oberlöstern
† 21.3.1945 Hadamar (Hessen)

Mathias Scholl – Opfer der „Euthanasie" aus Hadamar.

Auf dem Hadamarer Mönchberg wurden in den Jahren 1941 bis 1945 annähernd 15.000 Menschen Opfer der NS-Rassepolitik. Der überwiegende Teil der Opfer stammte aus der näheren und weiteren Umgebung und wurde, oftmals nach längeren Transporten aus dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches, in die Tötungsanstalt verbracht.
Der ungewöhnliche Fall des in unmittelbarer Nähe der Tötungsanstalt lebenden Hadamarer Bürgers Mathias Scholl zeigt auf, dass es von der systematisierten Einweisungs- und „Verlegungs"praxis über und aus anderen Anstalten in die Tötungsanstalt Hadamar auch Ausnahmen gab.

Auf dem Hadamarer Mönchberg wurden in den Jahren 1941 bis 1945 annähernd 15.000 Menschen Opfer der NS-Rassepolitik. Der überwiegende Teil der Opfer stammte aus der näheren und weiteren Umgebung und wurde, oftmals nach längeren Transporten aus dem Gebiet des damaligen Deutschen Reiches, in die Tötungsanstalt verbracht.
Der ungewöhnliche Fall des in unmittelbarer Nähe der Tötungsanstalt lebenden Hadamarer Bürgers Mathias Scholl zeigt auf, dass es von der systematisierten Einweisungs- und „Verlegungs"praxis über und aus anderen Anstalten in die Tötungsanstalt Hadamar auch Ausnahmen gab.

Der zum Zeitpunkt seiner Ermordung auf dem Mönchberg hochbetagte Mathias Scholl wurde offenbar aufgrund ökonomischer Erwägungen in seinem privaten Umfeld in die Tötungsanstalt verbracht. Durch persönliche Beziehungen zwischen dem Hadamarer Mordpersonal und dem familiären Umfeld des Opfers scheint eine stillschweigende Übereinkunft darüber getroffen worden zu sein, den ehemaligen Geschäftsführer des Hadamarer Kalkwerks zu ermorden.

 Postkarte (um 1940) Blick auf Stadt Hadamar von Südosten mit Kalkwerk im Vordergrund. Quelle: Archiv Hartmann-Menz

Postkarte (um 1940) Blick auf Stadt Hadamar von Südosten mit Kalkwerk im Vordergrund. Quelle: Archiv Hartmann-Menz

Ob hierbei auch politische Überlegungen eine Rolle spielten, kann nicht bewiesen werden. Allerdings liegt dies nahe, da Mathias Scholl an einer zentralen Stelle in Hadamar lebte und über Jahre Zeuge der Durchfahrt der Gekrat-Busse sowie der Geschehnisse auf dem Mönchberg geworden war. Darüber hinaus dürfte er gewusst haben, dass aus seinem Wohnumfeld heraus enge Beziehungen zu den Tätern auf dem Mönchberg gepflegt wurden. Seine Ermordung erfolgte 5 Tage vor dem Einmarsch der US-Armee in Hadamar, wodurch eine Zäsur in der systematischen Tötungspraxis auf dem Mönchberg, nicht aber ihr tatsächliches Ende markiert wird.
Mathias Scholl wurde am 16. Dezember 1860 in Oberlöstern (Kreis Merzig/Saar) geboren. Seine Eltern waren Maria Scholl, geborene Scherer und Peter Scholl, die später in Saarbrücken lebten.

Gemeinsam mit seiner Frau, Auguste Elisabeth Scholl geb. Bensemann, wohnte Mathias Scholl in der Neuen Chaussee 3 in Hadamar, unmittelbar am Fuße des Mönchbergs.

 

Ehemaliges Wohnhaus Familie Scholl Neue Chaussee 3 Hadamar Foto: Hartmann-Menz

Ehemaliges Wohnhaus Familie Scholl Neue Chaussee 3 Hadamar Foto: Hartmann-Menz

Lageplan: Wohnhaus Familie Scholl – Laufdistanz zur Tötungsanstalt Mönchberg Quelle: Google Maps (2015)

Lageplan: Wohnhaus Familie Scholl – Laufdistanz zur Tötungsanstalt Mönchberg Quelle: Google Maps (2015)

In der Region Merzig, wo Mathias Scholl geboren worden war, lebten viele Menschen vom Bergbau. Mathias Scholl war der Besitzer und Geschäftsführer des Kalkwerks in Niederhadamar, in dessen unmittelbarer Nähe er lebte. Insbesondere zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine erhöhte Nachfrage und damit Produktion 1 des dort abgebauten Kalks (Baukalk, Düngekalk sowie Steine.)

In der Gestapo-Kartei Frankfurt finden sich zwei Einträge zu Mathias Scholl: Am 19. 7. 1932 war „Sch. ... beschuldigt ... aus Niederhadamar im August 1931 aus dem Kalkwerk Scholl Sprengstoff gestohlen zu haben. Sch. wurde von dem Schöffengericht in Limburg am 28. Januar 1932 freigesprochen."2
In einem weiteren Verfahren gegen den „Reichsdeutschen" Mathias Scholl, zu dessen „politischer Einstellung" nichts vermerkt ist, wird dieser beschuldigt, „Vermögenswerte verschoben" zu haben. „Nicht zutreffend" 3 ist in der Kartei vermerkt. Hierbei handelt es sich um den letzten Eintrag.

Am 19. März 1945 wurde Mathias Scholl, zu diesem Zeitpunkt im 85. Lebensjahr stehend, auf Betreiben seiner Nichte auf den Mönchberg gebracht, weil er vorgeblich erkrankt war. Am 21. März 1945, wenige Tage vor der Befreiung der Anstalt durch die US-Armee, soll Mathias Scholl an „Lungenentzündung" gestorben sein. Er wurde auf dem Friedhof in Hadamar beerdigt.

Zu diesem Sachverhalt und der Frage, ob bei Mathias Scholl tatsächlich eine Erkrankung vorlag, die den Eintritt des Todes innerhalb von deutlich weniger als 48 Stunden nach Verbringung auf den Mönchberg plausibel machen könnte, wurden im Hadamar-Prozess eine Vielzahl von Aussagen 4 unterschiedlichster Beteiligter getätigt. Am Vorabend des 19. März 1945 habe sich Mathias Scholl mit etlichen weiteren Personen im Bunker befunden, da ein Luftangriff zu befürchten war; „feindliche Flugzeuge" seien über der Stadt gekreist. Der 85-jährige habe nach Aussagen der Zeugen Bensemann und Heidrich einen altersgerecht geistig frischen und keineswegs kranken Eindruck gemacht.
Im Verlauf eines im Bunker stattgefundenen Gesprächs, welches sich auf die Charaktereigenschaften eines Kindes bezog, das den Gesprächsteilnehmern bekannt war, habe Mathias Scholl nach Aussagen des Zeugen Heidrich überaus schlagfertig reagiert. Gegen ein Uhr morgens sei das spätere Opfer in seiner Wohnung zu Bett gegangen, während die Zeugen im Bunker verblieben. In der Nacht sei Mathias Scholl nach Auskunft seiner Nichte gestürzt und demzufolge sei es notwendig gewesen, ihn in ein „Lazarett" zu bringen. Im Brüderhaus in der unmittelbaren Nachbarschaft sei kein Platz frei gewesen und demzufolge seien „3 Männer vom Berg" gekommen, die den vorgeblich Erkrankten auf einer Bahre dorthin brachten, wo er in einem „Einzelzimmer" untergebracht werden sollte. Einer der befragten Zeugen erklärte, er habe sich geweigert, beim Transport mitzuhelfen, da sich auf dem Mönchberg bekanntlich kein „Lazarett" befinde. „Einzelzimmer" existierten in der Tötungsanstalt Hadamar ohnehin nicht – es dürfte sich bei dieser Sprachregelung um den indirekte Hinweis darauf gehandelt haben, dass Mathias Scholl unmittelbar in jenes Zimmer verbracht wurde, in dem die zur Tötung vorgesehenen Patienten und Patienten untergebracht wurden.

Während die Angehörige des Opfers Scholl darauf beharrt, der Onkel sei geistig verwirrt und schwer krank gewesen, gibt der katholische Geistliche Göbel zu Protokoll, es habe ihn gewundert, warum der Verstorbene, der noch wenige Tage zuvor die Beichte abgelegt habe, nicht verabredungsgemäß zum Empfang der hl. Kommunion erschienen sei, wie es für den 21. März 1945 nach der Messe im Haus der Barmherzigen Brüder verabredet war.

Bei der Vernehmung der beiden Nichten des Opfers, Frau M. und Frl. Scholl spielten sich tumultartige Szenen ab, da Frl. Scholl mit allen Mitteln versuchte, die Aussage ihrer Cousine zu verhindern. Wiederholt wird vorgetragen, dass insbesondere die Angehörige Scholl eine enge Freundschaft zu der Krankenschwester Irmgard Huber gepflegt habe, eine der Hauptangeklagten im Hadamar Prozess.5

Zudem sei sie mit dem Anstaltsleiter Wahlmann6 befreundet gewesen und habe diesen auch noch nach seiner Verhaftung im Gefängnis besucht; in beiden Fällen bekennt sich die Vernommene auf Nachfrage positiv zu den Haupttätern und beschreibt Wahlmann als einen „äußerst guten Menschen"7 auch den „Kranken gegenüber", was sie jederzeit unter Eid bekräftigen würde. Die Angeklagte Huber selbst, auf den Fall des „Rentners Mathias Scholl angesprochen, schildert den Vorgang im Detail so, wie von der Nichte Scholl dargelegt. Der ihr „persönlich bekannte" Greis sei bereits krank eingeliefert worden und „von einem unnatürlichen Tod kann bei ihm keine Rede sein."8

Mathias Scholl ist als Opfer im Gedenkbuch der Gedenkstätte Hadamar eingetragen. Im Sterberegister seines Geburtsortes Oberlöstern wird der 21. März 1945 als Todestag und als Sterbeort Hadamar angegeben.9 Die Umstände der Ermordung von Mathias Scholl sind im Abgleich mit den Opfern der 1. und 2. Mordphase auf dem Hadamarer Mönchberg in mehrerlei Hinsicht unüblich. Einmal handelt es sich um einen der überaus seltenen Fälle einer „Direkteinweisung" in die Tötungsanstalt,10 um deren Funktion die Bevölkerung bereits seit der Zeit der Gasmorde wusste. Die vielfältigen Aussagen im Mordfall Scholl sowie die aus der Mitte der Bevölkerung bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt gestellte Anzeige gegen die (Mit-) Täterinnen legen nahe, dass sich hier im Rahmen des Hadamar-Prozesses auch ein in die NS-Zeit zurückreichender, politischer Konflikt innerhalb der Hadamarer Bevölkerung Bahn bricht. Dies, zumal es der über lange Jahre im KZ Buchenwald inhaftierte Heinrich Colombel ist, der am 16. November 194611 Kontakt mit der Staatsanwaltschaft Frankfurt aufnimmt und auf den engen Kontakt zwischen dem Tötungsarzt Wahlmann und jener Mittäterin hinweist, die die Ermordung Mathias Scholls offenbar in die Wege geleitet hat jedoch straffrei bleibt. Irmgard Huber wird für die ihr zur Last gelegten Tötungsdelikte, deren Ausführung sie so beharrlich bestritt wie die Beteiligung am Tod Mathias Scholls, zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt.

 

 

  • 1. Stahl, Karl Josef. Hadamar Stadt und Schloss. Eine Heimatgeschichte (1974) S. 255 f. Stahl verweist darauf, dass die Besitzer des Kalkwerks häufig wechselten und nennt neben Mathias Scholl die Namen weiterer Betreiber des ursprünglich durch einen Privatunternehmer gegründeten Kalksteinbruchs.
  • 2. Die Akte des Verfahrens befindet sich nicht im Bestand des Hauptstaatsarchivs.
  • 3. Karteikarte der Gestapo Frankfurt zu Mathias Scholl HHStaWi Abt. 486 AZ
  • 4. Auf Veranlassung von Heinrich Colombel, langjähriger politischer Gefangener im KZ Buchenwald und wohnhaft in der Alten Chaussee in Hadamar, überprüft die Staatsanwaltschaft Frankfurt die Kontakte der Nichte des Opfers Mathias Scholl zu im Hadamar-Prozess angeklagten Täterinnen und Tätern. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061/Bd. 5 und 6 S. 110 ff
  • 5. Vgl. Sandner, Peter. Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (2003) S. 731.
  • 6. Vgl. Klee, Ernst. Das Personenlexikon zum Dritten Reich (3. Aufl. 2011)  S. 652
  • 7. HHStaWi Abt. 461 32061 Bd. 6 S. 111.
  • 8. HHStaWi Abt. 461 32061 Bd. 6 S. 135.
  • 9. Telefonische Auskunft Helmut Grein, Kreisarchiv Saarlouis vom 25. März 2015.
  • 10. Vgl. Schmitt von Blittersdorf (u.a.) Die historische Entwicklung der Landesheilanstalt Hadamar im deutschen Faschismus von 1933-1945. Frankfurt am Main 1985 S. 229.
  • 11. Anschreiben Heinrich Colombel an die Staatsanwaltschaft Frankfurt. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32062 Bd. 6 S. 110.
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