Wally Schröder, geb. Götz

6. Februar 1902 Berlin
August 1941 Brandenburg-Görden

Im Rahmen meiner Forschungen zu unserer Familiengeschichte habe ich mich sehr viel mit meiner Oma Hildegard (*1925) unterhalten. Unter anderem berichtete Sie mir vom „Verschwinden“ ihrer Tante Wally Anfang der 1940er Jahre in den „Wittenauer Heilstätten“ und einer mysteriösen Sterbeerklärung, sie sei „bei der Verlegung mit dem Zug von Tieffliegern beschossen worden und dabei umgekommen“. Das Leben und die Todesumstände von Wally Schröder seien innerhalb der Familie immer tabuisiert worden.

Felten_Mathilde_Stolperstein.jpg Eine Internetrecherche bei der „International Claims List“ brachte mich auf Ihre Spur und führte schließlich zum Auffinden Ihrer Patientenakte im Bundesarchiv. Nun lässt sich ihr Lebens- und Leidensweg nachvollziehen, von dem ich nachfolgend berichten möchte: Als das zweite von 6 Kindern kam Margarethe Gertrud Wally Götz am 06. Februar 1902 in der Malplaquetstraße 11 in Berlin-Wedding zur Welt. Sie heiratete bereits als 18jährige Ihren Ehemann Herrmann Schröder und hatte mit ihm zwei Söhne, von denen einer 1943 in Russland gefallen ist. Meine Oma erinnert sich daran, dass ihre Tante Wally immer sehr seltsam und „besonders“ war. Viele aus dem Familienkreis sagten ihr „seherische Fähigkeiten“ nach. So war meine Oma als etwa 10jähriges Kind dabei, als Wally Schröder „Tisch- und Gläserrücken“ praktizierte, um Kontakt zu verstorbenen Familienmitgliedern herzustellen. Ab Mitte der 1930iger Jahre wurde diese „Marotte“ aber immer intensiver und Tante Wally zunehmend seltsamer. Aus Ihrer Patientenakte der „Wittenauer Heilstätten“ geht hervor, dass sie dort erstmals am 15. Juli 1935 aufgenommen wurde. Es wurde nach kurzer Zeit die Diagnose „Schizophrenie“ gestellt und in der Akte eine „hohe Fortpflanzungsgefahr“ dokumentiert. Aufgrund der damals geltenden Gesetze zur „Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ wurde Wally Schröder am 15. Januar 1936 im Krankenhaus Neukölln zwangssterilisiert. Nur sehr kurze zwischenzeitliche Entlassungen aus den „Wittenauer Heilstätten“ führten zu einer immer grösser werdenden Entfremdung von Ihrer Familie. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit Ihrer Mutter wurde Wally Schröder ab Oktober 1938 nun permanent in den Wittenauer Heilstätten untergebracht, wo sie auch nur noch sporadischen Besuch von Ihrer Mutter und einigen Geschwistern erhielt. Ihr Ehemann ließ sich im September 1939 von ihr scheiden; zu ihren Kindern hatte sie keinen Kontakt mehr. Am 19. Februar 1941 wurde sie zur Verlegung in die „Heil- und Pflegeanstalt Brandenburg-Görden“ vorgeschlagen und am 26. März 1941 dorthin verlegt. Ab diesem Zeitpunkt wurde die vorher sehr gewissenhaft geführte Patientenakte nur noch sehr notdürftig und schlampig gepflegt. Der letzte Eintrag stammt vom 12. August 1941; es ist daher davon auszugehen, dass sie an diesem Tage - oder kurz danach - ermordet wurde. Die Recherchen zu den Lebensumständen meiner Urgroßtante haben mich sehr berührt; es war mir ein Bedürfnis ihrer zu gedenken und diese Zeilen zu veröffentlichen. Marc Besch, Urgroßneffe Im Dezember 2012

nach oben