Marie Schlienz

21.1.1867 Holzgerlingen
4.6.1940 Grafeneck

Marie wird am 21. Januar 1867 in Holzgerlingen geboren, auch dort getauft und konfirmiert. Ihr Vater war Leonhard Wanner geboren im August 1829. Von Beruf war er Tuchmacher, wie auch schon sein Vater. Ihre Mutter war Christine Katherine geborene Lorenz aus Musberg stammend. Marie hatte fünf Geschwister.

1885 findet sich die Familie Wanner erstmals im Cannstatter Adressbuch. Die Familie wohnte in der Olgastraße 8. Leonhard Wanner wird als Kostgeber aufgeführt, nicht mehr als Tuchmacher. Aber schon zwei Jahre später wird er nicht mehr erwähnt. Dafür aber seine Frau Christine als Wäscherin und Maries Bruder Jakob, von Beruf Geometer.
Am 2. Oktober 1890 heiratet Marie in Zuffenhausen Wilhelm Friedrich Schlienz, von Beruf Hilfswärter bei der Bahn, geboren am 26. November 1863 als Sohn des Weingärtners Johann Jakob Schlienz und der Elisabeth geborene Siegel in Zuffenhausen.
Das Ehepaar Schlienz wohnte bis 1892 in Zuffenhausen. Tochter Emilie wurde am 3. Juli 1892 aber schon in Cannstatt geboren. Auch im Adressbuch von Cannstatt findet sich im Jahr 1892 schon Friedrich Schlienz, Hilfswärter, Karlstraße 65.
Der Umzug von Cannstatt nach Besigheim muss zum Jahreswechsel erfolgt sein, denn ab Januar 1896 wird das Familienregister der Schlienz in Besigheim geführt.
Von der Urenkelin wissen wir, dass die Familie anfangs im Bahnwärterhaus gewohnt hat. Später dann, laut Meldekarte der Stadt Besigheim, wohnte die Familie in der Friedrichstraße 5 in Besigheim.

Erstmals wurde Marie Schlienz am 30. Oktober 1905 in Weinsberg aufgenommen. Die Diagnose: Katatonie. Aber schon am 17. August 1906 wird sie als „gebessert“ nach Hause entlassen.
Die zweite Aufnahme erfolgte ein Jahr später am 15. Juni 1907 mit gleicher Diagnose. Zudem wird festgestellt, dass sie erblich belastet sei. Sie bleibt bis zum 15. Februar 1919 in Weinsberg. Während dieses Aufenthalts lässt sich ihr Ehemann Friedrich Schlienz von ihr scheiden. Laut Landgerichtsurteil Heilbronn wurde die Ehe rechtskräftig am 14. Februar 1911 wegen „unheilbarer Geisteskrankheit der Ehefrau“ geschieden. Im gleichen Jahr heiratete Friedrich Schlienz im September 1911 Karoline Wilhelmine geborene Joos aus Besigheim stammend. Im September 1912 wird in Besigheim Tochter Elsa und 1917 Sohn Friedrich Paul geboren.
Im Februar 1919 wird Marie Schlienz in gebessertem Zustand nach Hause entlassen. Leider gibt es keine Unterlagen, wo Marie gewohnt hat. Sicher nicht bei ihrem Ehemann. Die Ehe war geschieden und Friedrich Schlienz hatte wieder geheiratet und auch zwei Kinder. Im Personenstandsregister der Stadt Besigheim findet sich Marie Schlienz ab April 1919. Wir gehen davon aus, dass Marie bei ihrer Tochter Emilie, die inzwischen verheiratet war, in der Aiperturmstraße 5 untergekommen ist. Auch die Urenkelin berichtet, dass ihre Großmutter immer wieder von dem engen Verhältnis zu ihrer Mutter (also zu Marie) erzählt hätte.
Im April 1922 wird sie zum dritten Male auf Ansuchen der Angehörigen wieder in Weinsberg aufgenommen. Die Diagnose lautet dieses Mal Schizophrenie.
Ende Juni 1927 fragt das Stadtschultheißenamt Besigheim in Weinsberg an, ob Marie Schlienz noch in der Heilanstalt verbleiben müsse. Die Antwort kommt wenige Tage später: „…sie steht ganz unter dem Einfluß ihrer Wahnideen & und ist dringend anstaltsbedürftig.“
Im Patientenblatt von Weinsberg finden sich nur spärliche Angaben. Bei einer Körpergröße von 1,52 m wog Marie nur 40 kg. Die Augenfarbe war braungrau, die Haarfarbe braunschwarz und die Hautfarbe gelblich.
Am 04. Juni 1940 wird Marie mit weiteren 63 Frauen aus Weinsberg nach Grafeneck deportiert. Sie wird dort noch am selben Tag vergast. Das „offizielle“ Todesdatum lautet auf den 23. Juni 1940.
Es existiert ein Brief vom 29. Juli 1940 von Eugen Aichinger (Schwiegersohn von Marie) an die Heilanstalt Weinsberg. Zu diesem Zeitpunkt, also fast zwei Monate nach der Ermordung Maries, wusste die Familie noch nichts vom Tod der Mutter.

Brief des Schwiegersohnes an die Anstalt Weinsberg
Brief des Schwiegersohnes an die Anstalt Weinsberg
Quelle:
Archiv

Im November 2014 wird ein Stolperstein für Marie in der Aiperturmstraße 5 verlegt. Die Patenschaft übernimmt die Urenkelin Christl Aichinger.

Transkription des Briefes:
An die Direktion der Heilanstalt Weinsberg
Nachdem ich zwei Pakete mit Kleidern von meiner Schwiegermutter (Marie Schlienz, geb Wanner) erhalten habe möchte ich anfragen, ob sie noch lebt oder wo sie sich befindet? Meine Frau war vor drei Wochen in der Heilanstalt und wollte sie besuchen, bekam aber zur Antwort, man wisse zur Zeit nicht wo die Kranke sich befindet…...
Besigheim 29. Juli 1940 Eugen Aichinger

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