Marie Friederike Zehender

6.12.1872 Besigheim
7.8.1940 Grafeneck

Marie wurde am 6. Dezember 1872 in Besigheim geboren. Ihr Vater Immanuel Zehender, Fischer von Beruf, und Bürger der Stadt Besigheim, wurde im Mai 1834 in Besigheim geboren. Auch sein Vater war schon Fischer von Beruf. Immanuel Zehender heiratete im September 1863 die aus Benningen am Neckar stammende Magdalena Holzwarth. Marie war die Jüngste der vier Kinder der Familie Zehender.

Im Alter von zwei Jahren verlor sie infolge einer Kinderkrankheit das Gehör. Ihr Name taucht nur ein einziges Mal in den Schulgeldlisten der Volksschule auf und zwar in 1879. Der Vater muss kein Schulgeld bezahlen, weil die Tochter „krank“ ist. Wahrscheinlich hat Marie die Besigheimer Schule nie von Innen gesehen. Ab Oktober 1884 wurde sie in der Werner‘schen Kinderheilanstalt in Ludwigsburg wegen Drüsenleidens, eitrigen Ohrenflusses, Augenentzündung und Entzündung der Beinhaut-Gelenke behandelt und im September 1885 von dort geheilt entlassen. Wie ihr Leben bis dahin wohl verlaufen war? Wurde sie weggesperrt? Musste sie der Mutter im Haushalt helfen? Hatte sie Freundinnen? Durfte sie spielen?
Direkt im Anschluss an ihre Behandlung in Ludwigsburg wurde sie in die Taubstummenanstalt Winnenden aufgenommen. Aus dem Krankenblatt: „… Sie war eine geistig gesunde, bildungsfähige Schülerin und lernte ordentlich schreiben, lesen und Gesprochenes gut absehen. Sie war immer körperlich gesund, hat aber nie menstruiert.“ Nach ihrer Konfirmation wird sie im April 1890 nach Hause entlassen. Zuhause - das war das Haus ihrer Mutter in der Vorstadt 5. Ein kleines Häuschen direkt an der Enz. Im Häuserbuch der Stadt Besigheim lesen wir nach: „Ehemaliges städtisches Waschhaus, errichtet 1768 auf einem Gartenplatz, der zum Bereich des einstigen Badhauses gehörte, 1863 in ein Wohnhaus umgebaut.“ Und: „1884. Johann Barth verkauft das Haus an die Ehefrau des Fischers Immanuel Zehender.“ Weiter: „1896. Frau Zehender verkauft das Haus an den Sohn, den Fabrikarbeiter jung Immanuel Zehender. Frau Zehender behält das Wohnrecht im Haus.“

Im Januar 1897 wird Marie in die Paulinenpflege (Asyl für taubstumme Erwachsene) in Winnenden aufgenommen. Ob es Marie zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich schlechter ging oder ob die Mutter sie versorgt haben wollte oder ob sich der Bruder weigerte seine behinderte Schwester aufzunehmen wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Maries Mutter am 3. Februar 1897 in Besigheim starb.

In der Paulinenpflege wird sie als normal, willig und arbeitsam beschrieben. Im Frühjahr 1902 änderte sich das positive Bild.

Aus dem Krankenblatt der Paulinenpflege:

„…zeigte sich ohne ersichtliche Ursache eine krankhafte Abneigung gegen eine Mitpatientin, sie schrie hinaus und wollte davon laufen sobald diese ins Zimmer kam und wollte namentlich nicht an einem Tisch mit derselben essen. Zeitweise zeigte sich Besserung, aber seit dieser Zeit verweigerte sie auch öfter die Nahrung, so daß man ihr das Essen gewaltsam mit dem Löffel eingeben mußte, sie warf auch ihr Essen schon auf den Boden, einmal sogar die ganze Suppenschüssel. Zeitweise ißt sie aber wieder und hat deshalb in der Ernährung nicht abgenommen. Sie verweigerte sie auch öfter die Arbeit, legte sich auf den Fußboden, wenn sie arbeiten soll, was früher nie vorkam. Der Schlaf ist vielfach gestört, sie schreit oft nächte weis zum Fenster hinaus, unartikulierte, heulende Töne, wenn sie ruhiger wird, lächelt sie dann blöde vor sich hin. Sie wird stetig bösartiger, seit ¼ Jahr stetig aggressiver gegen die Aufseherin und schlägt seit neuerer Zeit nach dem Inspektor, wenn er sie zur Ruhe weisen will.
Im Herbst 1902 zeigte sich eine Zeit lang sexuelle Erregung, sie lief einem jungen Burschen nach und provozierte ihn, sagte auch, sie wolle ein Kind, damit sie aus der Anstalt fortkomme. Seither nichts derartiges mehr beobachtet.
Körperliche Störungen kamen nie vor, nur sei eine Zeit lang ihr Leib sehr dick geworden.
Die körperl. Untersuchung ergibt keine Abnormität. Sie ist von kleiner Statur, kräftig gebaut, von gesundem Aussehen, maniakalisch erregt, beschäftigt sich aber zeitweise zb. mit Fenster putzen, was sie auch ordentlich besorgt.
Nachdem schon eine Aufseherin wegen der Schwierigkeiten mit ihr weggegangen ist und die derzeitige nun auch weggehen will, kann sie nicht mehr i.d. Anstalt behalten, sie muß daher in eine Irrenanstalt übergeben werden.“

1903 wird Marie mit Zustimmung ihres Vaters in die Heil- und Irrenanstalt Winnenden verlegt. Diagnose: Imbezillität

Sie wird so beschrieben:

Größe: 147cm
Statur: untersetzt
Haare: braun
Stirne: schmal
Augen: braun
Nase: lang u. gebogen
Mund: wulstig. kurz. Oberlippe
Ohren: gewöhnlich
Gesicht: länglich
Farbe: gutaussehend
Besondere Kennzeichen: Ist taubstumm.
Hat eine tiefe Narbe hinter der linken Hüfte. Drüsennarben
an beiden Seiten vom Hals u. auf dem Rücken.
Streckt den Klein- u. Goldfinger der rechten Hand nicht.

Im September 1904 wird Marie wieder mit Zustimmung des Vaters in die Heilanstalt Weinsberg verlegt. Sie bleibt dort bis Oktober 1921. Liest man die Eintragungen ins Krankentagebuch über Marie, muss man leider feststellen, dass Marie sowohl am Tag als auch in der Nacht mit Medikamenten ruhig gestellt wurde. Auch sogenannte „Bäder“ wurden ihr verordnet. Anscheinend wurde im Laufe ihres langen Aufenthaltes dort auch einfach vergessen, dass Marie nicht sprechen konnte. Am 1. Juli 1919 lesen wir: „…Treibt sich untätig, viel unverständliches vor sich hin plappernd umher.“ Oder im Oktober des gleichen Jahres: „Ihre sprachlichen Äusserungen sind unverständlich.“

Am 15. Oktober 1921 wird sie in die Landarmenanstalt Markgröningen verlegt.

Am 7. August 1940 wird Marie mit dem ersten Transport aus Markgröningen nach Grafeneck deportiert und dort am selben Tag vergast.

Im November 2014 wird ein Stolperstein für Marie in der Vorstadt 5 verlegt. Die Patenschaft übernimmt Bernhard Rumbolz.

Diese Biografie wurde von Margit Stäbler Nicolai verfasst.

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