Rupprecht Villinger

12.11.1914 Stuttgart
18.06.1940 Grafeneck
Foto Rupprecht Villinger

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Rupprecht Villinger wurde am 12. November 1914 in Stuttgart geboren. Getauft am 26. Dezember in Stuttgart. Konfirmiert wurde er am 30. März 1930 in Besigheim.

1922 -1930 Volksschule Besigheim
03.03.1931 Aufnahme in die Anstalt Stetten.
21.10.1933 Austritt – er soll zur Behandlung zu Dr. Becker nach Heilbronn.
14.11.1933 Aufnahme in die Nervenheilanstalt Schussenried.
18.06.1940 verlegt

Mit gleichem Datum findet er sich in einer Liste, die Patienten, die an diesem Tag nach Grafeneck verlegt wurden, enthält. In dieser Liste ist als Diagnose Schizophrenie angegeben, seine Arbeitsfähigkeit mit 80%. Rupprecht Villinger ist im Gedenkbuch der Gedenkstätte Grafeneck aufgenommen. Er wurde am 18.06.1940 aus Schussenried deportiert und am selben Tag in Grafeneck ermordet.

Rupprecht wird als viertes Kind in die Familie Villinger geboren. Die Familie lebte im 1910 von Dr. med. Eberhard Villinger und seiner ersten Ehefrau Helene gebauten Haus in der Bahnhofstraße 17 in Besigheim. Dr. Eberhard Villinger war das jüngste der elf Kinder des Christian Gotthilf Villinger, Apotheker in Besigheim. Dieser Villinger war ein bedeutender Bürger der Stadt Besigheim. Die Apotheke, bzw. das Haus steht noch immer am Besigheimer Marktplatz. Die Ehefrau war eine Marie Weitbrecht, Pfarrerstochter aus Hegenlohe stammend. Helene Blum, die Mutter von Rupprecht, hatte acht Geschwister. Ihr Vater war Prälat und Feldprobst Otto Blum.

Während der Schwangerschaft erkrankte Rupprechts Mutter schwer. Zwei Wochen nach seiner Geburt verstarb Helene Villinger. Sie hinterließ vier Kinder und einen sicher überforderten Ehemann. Rupprecht blieb ein Jahr im Säuglingsheim in Stuttgart. Dort kümmerte sich besonders Oberin Irmgard Zipperling um ihn. Auch nach der Entlassung
von Rupprecht brach der Kontakt zwischen Eberhard Villinger und Irmgard Zipperling nicht ab. Sie heirateten 1916. Sohn Eberhard wird 1917 geboren. Liebevoll nannte Irmgard Villinger Rupprecht „Ruppel“. Sie hatte eine ganz besondere Beziehung zu ihm.

Rupprecht Villinger mit seinem Vater 1914
Rupprecht Villinger mit seinem Vater 1914
Quelle:
Privat

Irmgard Villinger schreibt in ihren Erinnerungen „Mein Weg“ über Rupprecht:

„Er konnte nie ganz klar die Zusammenhänge des Geschehens begreifen, wohl aber, wie verschärft, die Einzelheiten. Er lernte spät sprechen, aber sein ganzes Mienenspiel, sein Körper sprachen und er liebte die Worte, die er selbst formte. Mit dem um drei Jahre jüngeren Bruder entwickelte er sich soweit gut, brachte es aber mit fünf Jahren noch nicht dazu, einige Worte nachzusprechen. Bis ich merkte, wie ganz anders alles in ihn eindrang….Es war deutlich zu erkennen, wie in seinem Verstand ein Fehler war, sein Fühlen und Wollen war von besonderer Reinheit und Kraft. An seinen Aussprüchen, dem sicheren Erkennen der Menschen durch die ausgeprägte Sympathie und Antipathie empfand ich überraschende Fähigkeiten. Neben seinem ungeheuren Fleiß, Ordnungssinn und Pflichttreue war aber das Schönste sein reines Herz voll großer Liebe mit einem Wissen, das nicht aus dem Verstand kam. Er wusste früh, dass er anders war wie andere – litt unter dem oft Genecktwerden in der Schule – aber er stand darüber und sein kleiner
Bruder schützte ihn oft. So war seine Kindheit glücklich - - - und nun der Bruch bei seiner Reife. Auch jetzt gab es immer wieder gute Tage, Wochen, in denen seine Angstidee ihn freiließ, aber mit grausamer Deutlichkeit mussten wir die Kraft und Macht des Wahnes kennenlernen und erlebten die Gewalt der Dämonie und ihre übermenschlichen Kräfte. Es war ein langer, schwerer Weg, auf dem wir alles Erdenkliche versuchten, immer deutlicher war aber die Entwicklung des Verfolgungswahnes aus der Pfropfschizophrenie zu erkennen. Sein Bleiben im Elternhaus war unmöglich. Nach verschiedenen Zwischenstationen kam er nach Schussenried in die Nervenheilanstalt.“ und: „Er war kein schlechter Schüler in der Volksschule mit seinem sicheren Gedächtnis und seiner fehlerlosen Orthographie, selbst im Rechnen und Aufsatz hat er den Durchschnitt erreicht.“

Folgender Brief fand sich noch als Abschrift bei den Unterlagen in Stetten:

Stetten i. Remstal, 9.April 1931.

Liebe Mutter und l. Schwester!

Ich danke Euch vielmals für das kleine Osterpaket. Manches habe ich schon daraus gegessen. In Stetten geht es mir gut. Von gestern bin ich in der Gärtnerei angelangt und habe als erstes mit meinem Schlafkollegen, welcher aus Amerika stammt, Mist und Erde getragen. Diese Sache ist nicht gerade immer angenehm, denn der Mist stinkt ja. Gestern Nachmittag begann ich mit der Arbeit. Montags und Donnerstags gehen wir beide erst nach dem Umgang (Visite) in die Gärtnerei, weil hier der Hauptumgang ist, bei welchem Herr Inspektor mitgeht. Er ist von Haus aus Pfarrer, nebenher noch Inspektor. Diese Arbeit in der Gärtnerei strengt die Muskeln an, welches aber gar nichts ausmacht. Nur keine Angst bei der Arbeit haben. Wenn man schnell arbeitet, kann ich in 3 Jahren am 8. April 1934 schon meine Gesellenprüfung gemacht haben, hoffentlich klappt alles bis dahin. Den Mist holen wir mit einer Tragbahre, welche wir zum mindesten einmal unterwegs abstellen, sonst geht die Tragbahre kaput, wenn man sie fallen lässt, und es wäre schade darum. Am Anfang scheint die Arbeit schwer zu sein, aber welches später gar nicht mehr stimmt. Am Karfreitag besuchte mich der Vater und Bruder Bernhard. Ich freute mich sehr darüber. Meinen Osterhasen durfte ich schon blicken. Etwas hab ich noch. Zu Ostern bekam ich auch eine Karte von Grossvater und der l.Tante. Diese Ostern waren sehr schön erlebt. Zu Weihnachten habe ich von Martha und Schwager Hans einen aus 4 Bogen bestehenden Zeppelin bekommen, welchen Vater auch mitbrachte. Ich habe ihn ausgeschnitten und Herr S. hat ihn zusammengeklebt. Am Dienstag hängten wir ihn an die Decke, den Faden hat Herr S. kunstvoll an den Zeppelin befestigt. Den mittleren Teil ist am schwierigsten zusammenzukleben gewesen, bis dieser Teil sass, brauchten wir ½ Stunde gut dazu. Diesen Zeppelin haben in Löchgau Röckers auch, dort habe ich ihn im Modell zuerst gesehen. Diesen Monat fährt vielleicht Graf Zeppelin nach Amerika, so etwas habe ich in der Zeitung gelesen. Ob diese Amerika- Reise ausgeführt wird, weiss ich nicht ganz genau. Die Inschrift ist ganz dupfengleich, wie es auch auf dem richtigen „Graf Zeppelin“ steht.
Herzliche Grüsse
Euer dankbarer Rupprecht

Im Hauptbuch der Nervenheilanstalt Schussenried wird Rupprecht Villinger unter der

„fortlaufenden Nummer 4162 geführt. Tag des Eintritts: 14. November 1933; evangelisch, ledig. Verpflegungsklasse III; Krankheitsdauer vor der Aufnahme: 3 Jahre; Krankheitsursache: erbliche Belastung, Schädigung vor Geburt; Krankheitsform: Schizophrenie (Pfropfschiz.); Tag und Art des Austritts: 18. Juni 1940 versetzt“

In vielen Briefen an seine Geschwister berichtet Dr. Villinger auch über seinen Sohn Rupprecht. Im Folgenden einige Auszüge:

Januar 1931...und fuhren dann um halb drei nach Esslingen um Rupprecht zu besuchen. Es ging ihm wieder besser als die Woche zuvor….

September 1937 …Rupprecht ist ruhiger, aber doch noch stark verwirrt. Möglicherweise ersuchen wir es nächstens mit einer hormonal umstimmenden Behandlung. Ob man
nicht auch zur Behandlung mit Cardiazol übergehen soll ist zu überlegen…

Januar 1940 …Rupprecht fängt wieder an Karten zu schreiben, wenn auch noch etwas wirr, doch er schreibt es gehe ihm besser…

19. Juni 1940 …Über unser familiäres Ergehen will euch Irmgard gerne selbst mündlich berichten, wenn ihr sie eine Nacht beherbergen wollet. Sie käme mit dem Zug und will anderntags nach Schussenried weiter fahren, um Rupprecht zu sehen, der sehr unruhig und verwirrt ist…

29. Juni 1940 …Leider hat Irmgard ihren Besuch bei euch nicht ausführen können. Die Direktion in Schussenried hat auf unsere Ankündigung Rupprecht zu besuchen mitgeteilt, dass er in eine unbekannte Anstalt verlegt worden sei. Min.Rat Staehle vom Innenministerium, den ich anrief, tat unterrichtet und versprach sich zu erkundigen. Nachmittags erhielten wir Nachricht, dass er nach Brandenburg an der Havel gekommen sei. Ihr könnt euch denken, dass uns diese dunkle Verlegung recht aufregt und Kopfzerbrechen macht. Es kamen mit R. von Schussenried etwa 70 Patienten weg. Wenn wir nicht Irmgards Besuch angemeldet hätten, hätten wir offenbar von der Verlegung nichts erfahren, höchstens wäre vielleicht eine Rechnung von der neuen Anstalt
eingegangen. Ich habe ja meine Vermutungen über diese Maßnahmen, wir können vielleicht noch drüber sprechen…

19. Juli 1940 …Was wir fürchteten, Rupprechts Tod, ist rasch wahr geworden. Die Nachricht, die ich in Abschrift beilege, kam heute morgen. Wie viele mögen von der „Verlegung“ ihres Angehörigen in eine andere Anstalt erstmals durch die Todesnachricht erfahren! Uns bleibt nichts übrig, als uns in das Unabänderliche zu schicken und zu hoffen, dass die „Bemühungen der Ärzte und des Pflegepersonals“ menschlich waren… Die Begründung der sofortigen Einäscherung ist natürlich fadenscheinig, bei einer septischen Angina besteht ja keine Seuchengefahr…

26. Juli 1940 …Für euren Teilnahmebrief danken wir vielmals. Die Teilnahme naher und entfernter Verwandten und Bekannten ist gross und herzlich. Ich hörte in den letzten Tagen noch von weiteren gleichen Fällen. Direktor Römer von der Heilanstalt Illenau habe sich geweigert mitzumachen und sich sofort krank gemeldet. Auch in Baden „werden“ sehr viele Kranke gestorben…

11. August 1940 …Die Tage seit Eintreffen der Todesnachricht aus Brandenburg waren fast ebenso aufregend wie die Wochen der Ungewissheit davor. Sehr viele Bekannte waren sofort im Bilde, als sie die Nachricht erhielten. Das ganze Land scheint von den Vorgängen erfüllt zu sein. Die Vorbereitungen zur Leerung der Anstalten wurden offenbar schon im Frühjahr 1939 begonnen, möglicherweise schon in Gedanken an Krieg oder Feind im Land. Alles ist ja bis ins Kleinste ausgedacht. Die mit der Vernichtung beauftragten oder für sie neu eingerichteten Anstalten (wie Grafeneck) sind mit besonderen Standesämtern versehen worden, in denen nur diese „Seuchentodesfälle“ registriert werden. Grafeneck hat über 300 Einträge. Rupprechts Sterbeurkunde trägt die Nummer 244. Ich hörte, dass in ganz Deutschland rund 3000 Kranke „gestorben“ sind. Werner schrieb mir, er habe anfangs die Gerüchte für Lügen und böswillig gehalten, habe aber gleichzeitig mit unserer Todesnachricht durch einen deutschen Anstaltsleiter in Polen so bestimmte Einzelheiten gehört, dass an den Vorgängen kein Zweifel mehr sei.
Direktor Römer in Illenau tat nicht mit. Er wird ein weisser Rabe bleiben, die anderen Direktoren tun fröhlich mit. Die Psychiater sägen den Ast auf dem sie sitzen mächtig an, das schon vorher vorhandene Misstrauen gegen die Anstalten wird fast unüberwindlich werden, wenn die Austilgung der Kranken so schematisch ins Werk gesetzt wird wie jetzt.
Ich bin durchaus für eine gesetzlich festgelegte Euthanasie im Sinn von Hoche und Binding, also in den Fällen von Verblödung auf irgend welcher Grundlage und unheilbaren
körperlichen Leiden, aber nur mit Zustimmung der gesetzlichen Vertreter der Geisteskranken oder der Kranken selbst. Grafeneck sei mit Stacheldraht umgeben und von SS bewacht, die Aufregung in den Nachbargemeinden sei gross. Aber auch in den Anstalten bei den Kranken selbst, es zittere in Weinsberg alles, wenn der grosse Omnibus wieder vorfahre. Die Urne kam in Helenes Grab. Nachmittags lasen wir aus Rupprechts Tagebüchern vor, die er in besseren Tagen führte. Prof. v. Kapff will in unserer Sache persönlich mit Frick sprechen, Wert wird es nicht haben, wenn man den Teufel bei seiner Großmutter verklagt…

24. August 1940 …Unsere Irrenanstalten leeren sich weiterhin. In Weinsberg sind etwa 300 Betten frei!! Werner schrieb mir, die Aufregung unter den Psychiatern aller Schattierungen sei gross. Bethel habe sich geweigert mitzumachen. Bethel wurde von dem Oberpräsidenten unterstützt. Nun werde für die Provinz Westfalen eine Sonderregelung eingeführt. Man kann also auch in diesem Fall anders, wenn Widerstände auftreten. In den Gemeinden unserer Anstalten und in diesen bei Kranken und Personal soll eine grosse Erregung herrschen. Was man sich ausmalen kann. Eines schönen Tages wird der Club der Anstifter sich äussern müssen. Auf seine Begründung kann man gespannt sein…

23. Oktober 1940 … Dass du dich an Werner gewendet hattest hörte ich von ihm selbst. Ich stehe in gelegentlicher Verbindung mit ihm wegen des Vorgehens gegen die Geisteskranken. Inzwischen geht die Austilgung hemmungslos weiter. In der Anstalt Weinsberg sind von den rund 600 Betten nur noch 141 in dieser Woche belegt gewesen! Vertraulich!! Damit kein Kranker seinem Schicksal entgeht, hat jetzt das Innenministerium untersagt, dass Kranke ohne Genehmigung des Inn.min. aus der Anstalt weggenommen oder in eine andere verlegt werden, angeblich um die öffentliche Ruhe und Sicherheit beim Abtransport nicht zu gefährden…

Unter großer Anteilnahme der Besigheimer Bevölkerung und der Familien Villinger wurde im September 2010 ein Stolperstein für Rupprecht vor dem ehemaligen Haus der Familie in der Bahnhofstraße 17 in Besigheim verlegt. Sehr viele Nachkommen der Besigheimer Villingers kamen aus allen Teilen Deutschlands, sogar aus Brüssel und der Schweiz, angereist um Rupprecht zu gedenken. Die Patenschaft für den Stein hat Heiner Blasenbrei-Wurtz übernommen.

Diese Biografie wurde von Margit Stäbler Nicolai verfasst.

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