Alfred Julius Erich Altmann

* 3. Juli 1870 Adelnau -
† 1. Juni 1940 Brandenburg/Havel

Kaufmann

Eltern:
Karl Friedrich Wilhelm Altmann, Dr. phil., * 14. Mai 1824 in Pöpelwitz, † 11. Juli 1889 in Langenau, Pfarrer und Königlicher Superintendent, Heirat am 1. Dezember 1859 mit der verwitweten Judith Ida, geb. Heinersdorff, * 27. Oktober 1828, † 31. Oktober 1887 in Breslau, jüdischer Abstammung, zum evangelisch-lutherischen Glauben übergetreten, ausgebildete Sopranistin und Pianistin, vor ihrer Ehe Mitglied der Berliner Singakademie.

    Geschwister:
  1. Ida Albertine Dorothea Luise Altmann, * 6. Februar 1861, in erster Ehe verheiratet mit Arnold († 1892), Besitzer einer landwirtschaftlichen Maschinenfabrik, in zweiter Ehe mit Grosche, Maurermeister; Tochter aus erster Ehe Else Arnold, * 2. März 1893, Heirat mit Heinze, nach Argentinien ausgewandert.
  2. Wilhelm Albrecht Altmann, Prof. Dr. phil., * 4. April 1862 in Adelnau, † 25. März 1951 in Hildesheim; bis 1885 Historiker, Fachgebiet Geschichte des Mittelalters, Assistent bei Leopold von Ranke, Bibliothekar an den Universitätsbibliotheken in Breslau und Greifswald, ab 1900 Oberbibliothekar an der Musikabteilung der Königlich Preußischen Staatsbibliothek Berlin und von 1915–1927 deren Direktor; Musikbibliothekar, -schriftsteller und –kritiker; Heirat am 15. April 1888 in Berlin mit Marie Ursula Henriette, geb. Louis, * 16. Dezember 1867 in Berlin, † 10. Januar 1954 in Hildesheim.
  3. Reinhold Otto Georg Altmann, SR Dr. med., * 14. März 1865 in Adelnau, † 14. Juli 1934 in Breslau, Chefarzt am Knappschaftskrankenhaus Hindenburg (Schlesien), Oberstabsarzt d. R.; Heirat am 3. Februar 1893 mit Aenne, geb. Bennhold, † 13. Februar 1924.

Von Alfred Altmanns Bruder Wilhelm, meinem Urgroßvater, sind weder mündliche noch schriftliche Aussagen über seinen acht Jahre jüngeren Bruder bekannt. Über die musikalischen Aktivitäten in der Familie erzählte er jedoch, dass, wie in vielen Pastorenfamilien, auch bei den Altmanns Musik eine große Rolle gespielt habe. Sein Vater, Karl Friedrich Wilhelm Altmann, „spielte eine recht gute erste Violine, recht anständig Klavier, wusste eigentlich mit jedem Instrument umzugehen, sodass er in der von ihm eingerichteten Präparanden-Anstalt für Schullehrer auch ein Blasorchester einrichtete, er sang mit ausgesprochen schöner Bassstimme.“ Seine Mutter Judith „war stolz, in ihrer Vaterstadt Berlin Mitglied der Singakademie gewesen zu sein, sang viele Opernduette mit Vater, brachte noch kurz vor ihrem Tode das hohe A sehr schön heraus und war am Klavier unermüdlich, besonders wenn sie später mit mir [Wilhelm] (Viola) und Bruder Reinhold (Violoncello) Kammermusik trieb“.

Aus den Aufzeichnungen von Alfred Altmanns Bruder Reinhold ist bekannt, dass die älteste Schwester Ida nach dem Tod der Mutter im Jahr 1887 den Haushalt führte. Der Vater starb zwei Jahre später. Reinhold hatte bis zu seiner Hochzeit enge Verbindungen zu Ida und Alfred, der nach einer Kaufmannsausbildung eine gute Anstellung bei einer Bank bekommen hatte. Auch nach der Hochzeit von Reinhold blieb die familiäre Bindung bestehen.

Offensichtlich führten viele Faktoren zu der Erkrankung von Alfred, darunter der frühe Tod der Eltern, die Heirat der Geschwister, die Inflation und in deren Folge der Verlust der Ersparnisse, eine unglückliche Liebe.
Bruder Reinhold hielt es als erfahrener Arzt nach zwei Anfällen, die Alfred während eines Besuchs bei ihm erlitt, als notwendig an, seinen Bruder in stationäre neurologische Behandlung zu überweisen. Vermittelt hat dabei vermutlich sein Neffe Ulrich Altmann, mein Großvater, der in Breslau Pfarrer und Leiter der Evangelischen Zentralstelle Schlesiens war.

Die im Bundesarchiv befindliche Krankenakte, eine Mappe mit dem Aufdruck „Brandenburgische Landesirrenanstalt zu Görden“, enthält folgende Hinweise:

  • Alfred Altmann wurde am 14. Juni 1927 in die Städtische Heil- und Pflegeanstalt Buch aufgenommen und am 13. September 1933 nach Wittstock überwiesen worden (Aktenzeichen A 758).
  • In der Krankenanstalt Krankenstift Scheibe b. Glatz sei die „Behandlung ohne Erfolg“ verlaufen.
  • Die „Krankheitsdauer zuvor [hat] mindestens 8 Jahre“ betragen, die Behandlung in Buch wurde als vierte Behandlung gewertet.
  • Alfred Altmanns Vormund sei Pastor Altmann aus Breslau, wohnhaft in der Monhauptstraße 8, gewesen. [Anm. Ulrich Altmann, mein Großvater, 1950 verstorben]
  • Eine Anamnese habe ergeben: „Schizophrenie (einfache Seelenstörung)“; sein Vorleben sei „sehr solide“ gewesen.
  • Über sein Verhalten und seinen Charakter gibt die Akte folgende Auskünfte: Alfred Altmann sei „als Kind ruhig [gewesen], ging auf Gymnasium bis prim.; dann zur Bank nach Berlin, [hat] gut gearbeitet“, die „Mutter der Mutter [hat] selbst seelische Störungen“ gehabt, er „selbst [ist] sehr solide“, ein „ruhiger und harmloser Kranker“; von ihm seien „keine Klagen“ zu hören, er „spricht viel vor sich hin“, „grüßt freundlich: ‚Lassen Sie es sich gut gehen!‘“, er habe ein „zerfahrenes Wesen, aber ruhig“, er „erzählt viel vom Kaufmann“, sei „oft ohne Orientierung“ und „tritt nicht hervor“.
  • Im Jahr 1935 heißt es, es sei ein „versandeter schizophrener (paranoider) Endzustand“ festzustellen, Alfred äußere einen „vollkommen schizophrenen Wortsalat“, seine „chronische Dauerhalluzination [ist] im allg. unverändert“.
  • Über das Jahr 1937 schreibt die Akte, Alfred Altmann „beschäftigt sich nicht“, er sei „sehr zerfahren“.
  • Für das Jahr 1938 überliefert die Akte, Alfred Altmann „hält sich ruhig, spricht vor sich hin, hält sich sauber“, erhalte jedoch „keine Post, kein Besuch“.
  • Eine der letzten Eintragungen aus dem Jahr 1939 lautet: „sitzt ziemlich stumpf, kann aber noch Fragen beantworten: Frage nach Brüdern: Wilhelm, sei in Greifswald, Beruf: Geschichte, Reinhold: Arzt [stimmt!]“. [Anm.: Er wusste offensichtlich weder, dass Wilhelm inzwischen Bibliothekar und in Berlin noch dass Reinhold im Jahr 1934 verstorben war.]
  • Die Krankenakte schließt mit dem Vermerk: „16 5.1940 auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars aus der Anstalt abgeholt.“

Im Tagebuch meines Großvaters Ulrich Altmann ist vermerkt:
„Alfred Altmann am 1.6.1940 in Brandenburg an der Havel gestorben.“

In Brandenburg an der Havel teilte der Historiker Dr. Hauer mir folgendes mit:
„…herzlichen Dank für Ihre mail mit der Datei zu Alfred Altmann und seinen Angehörigen. Wie versprochen habe ich im Taschenkalender von Dr. I. Eberl, dem damaligen Leiter der Brandenburger Gasmordanstalt, nachgeschaut. Unter dem 16.5.1940 (dem letzten Wittstocker Vermerk in der Krankenakte) hat Eberl nichts eingetragen. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass an diesem Tag kein Transport nach Brandenburg kam. Auch Transporte aus Neuruppin bzw. aus der Landesanstalt Görden in die Brandenburger Tötungsanstalt, von denen wir wissen, dass sie stattfanden, sind bei Eberl nicht vermerkt. Da Sie die Krankenakte Ihres Urgroßonkels im Bestand des R 179 des Bundesarchivs Berlin gefunden haben, der Eintrag "auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars ..." als letzter Eintrag in Wittstock vermerkt wurde und die Forschung heute weiß, dass auch von Wittstock direkt Patienten in die Tötungsanstalt Brandenburg verlegt wurden, ist davon auszugehen, dass auch Alfred Altmann diesen Weg gehen musste und dass sein Todesdatum sehr wahrscheinlich der 16. Mai 1940 und nicht der 1. Juni 1940 ist. Falls wir bei unseren Recherchen auf Hinweise stoßen, die das Schicksal von Alfred Altmann weiter erhellen können, teilen wir Ihnen das natürlich mit.
Mit freundlichen Grüßen
Friedrich Hauer“

Autor: Michael Schoeneich

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