Arnold Krings

18. Dezember 1898 Camberg
3. Februar 1941 Hadamar

Arnold Krings wurde am 18. Dezember 1898 geboren. Seine Eltern waren die aus Camberg stammende Katharina Krings geb. Stumpf und Alban Krings. Die Eltern hatten im Jahr 1888 geheiratet; Arnold Krings war somit das erste Kind der Familie. Alban Krings übernahm die Kolonialwarenhandlung, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Frankfurter Straße (heute Nr. 8) von der Familie seiner Frau betrieben wurde.

Briefkopf Firma Alban Krings (1924) Quelle BA Berlin R 179 4173

Briefkopf Firma Alban Krings (1924) Quelle BA Berlin R 179 4173

 

In der Patientenakte wird Arnold Krings eine normale Entwicklung im Kindesalter bescheinigt, auch in der Schule habe er „mittelmäßig gelernt" und sei „nicht sitzen geblieben" . Scheinbar wurden bei Arnold Krings aber bereits im Jugendalter Auffälligkeiten im Verhalten festgestellt.
Nach dem Schulabschluss ging Arnold Krings nach Köln und begann eine Lehre als Kaufmannsgehilfe. Die Ausbildung wurde vorzeitig beendet, sein Vater musste ihn nach eigenen Angaben zurückholen da er sich der „Wegnahme von Likör, Wurst und Chocolade" schuldig gemacht hatte. Sein Vater wirkte darauf hin, dass juristische Konsequenzen wegen des Vorfalls unterblieben und beschäftigte Arnold Krings fortan im elterlichen Geschäft.

Innenansicht Reformhaus Krings in Bad Camberg (1927) mit Inhaber (stehend rechts) Quelle: STAC 132.00

Innenansicht Reformhaus Krings in Bad Camberg (1927) mit Inhaber (stehend rechts) Quelle: STAC 132.00

Im ersten Weltkrieg wurde Arnold Krings zum Militär eingezogen. Während dieser Zeit soll Arnold Krings in psychiatrischer Behandlung gewesen sein.[1] Der Patientenakte sind Angaben zum Grund der Behandlung nicht zu entnehmen; demzufolge ist nicht nachweisbar, ob er womöglich durch Kriegshandlungen traumatisiert wurde.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war überaus angespannt, wiederholt kam es zu Übergriffen seitens des Sohnes, insbesondere unter Einfluss von Alkohol. Diesen entnahm Arnold Krings nach Angaben seines Vaters ohne Genehmigung aus dem elterlichen Ladengeschäft.

Nach einem neuerlichen, diesmal ernsthaften Vorfall im September 1924 wurde der „Maler Arnold Krings“ durch die Camberger Polizeiverwaltung am 11. September 1924 in die Landesheil- und Pflegeanstalt auf dem Eichberg im Rheingau eingewiesen. Der in Camberg praktizierende Arzt Dr. med. Goldschmidt unterstützte die Einweisung durch ein schriftliches Attest:

„Ich bitte um Anstaltsaufnahme  des Herrn Arnold Krings, der seit einiger Zeit an psych. Störungen leidet, und besonders in der letzten Zeit an Reizzuständen (nicht leserlich) das Leben der Eltern und seiner Umgebung bedroht.“

Die Einweisung in die Anstalt auf dem Eichberg erfolgt aufgrund der Diagnose „Dementia Praecox.“ Später wird bei Arnold Krings als Erkrankung „Schizophrenie“ vermerkt.

Einweisung Arnold Krings durch die Polizeibehörde Camberg BA Berlin R 179/24173 Bl.34

 

Für die Familie muss die Entwicklung des ältesten Sohnes eine Enttäuschung gewesen sein. Nicht nur dass Arnold Krings den für ihn vorgesehenen Lebensweg nicht so einschlug, wie vorgesehen; auch spielte sich die Entwicklung vor den Augen einer Kleinstadtöffentlichkeit ab, in der die Kaufmannsfamilie Krings eine (auch politisch) nicht unerhebliche Rolle spielte.

Das von der Familie Krings betriebene Ladengeschäft wurde in den 20er Jahren zum Reformhaus umgewandelt; Camberg wurde in der Zeit der Lebensreformbewegung Kurstadt und viele der im Kurbetrieb benötigten Spezial-Lebensmittel wurden über das an der Hauptstraße gelegene Reformhaus bezogen. 

Die Camberger Honoratioren im Taunusklub (um 1904) Alban Krings zweiter von rechts stehend hintere Reihe.

Der Briefwechsel zwischen dem Vater Alban Krings, den behandelnden Ärzten der Heilanstalt Eichberg und dem Sohn Arnold dokumentieren den Verlauf einer schweren seelischen Erkrankung, die eine Anstaltsunterbringung als zwingend erscheinen lassen.
Unmittelbar nach der Einweisung verfasst Arnold Krings am 24. September 1924 einen ausführlichen Brief an seine Eltern, in dem er bedauert „Daß ich Euch diesen Kummer bereiten muß" er stellt in Aussicht, dass er den Entschluss gefasst habe sich „zu bessern u. zwar als ordentliches Glied einer christlichen Familie, meine Unarten vollends abzulegen, um vor Gott u. Euch zu bestehen u. nützlich zu bewähren. Ich werde also die erste Gelegenheit wahrnehmen, mich mit Gott, der Kirche und euch auszusöhnen; dazu Eure Verzeihung u. Segen zu erbitten."
In dem ausführlichen Brief wird deutlich, dass Arnold Krings andere Vorstellungen von seiner beruflichen Zukunft hatte als seine Eltern; offenbar wollte er künstlerisch tätig sein, zumal auch sein Vater in einem Schreiben davon berichtet, dass Arnold eine Kunstakademie besucht habe. Er bittet seine Eltern um die Zusendung eines Ölgemäldes des „zuletzt geschaffenen Fr. von Schütz´schen Anwesens" sowie einer „Zeichnung des Limburger Doms", die er vor „kurzem noch" angefertigt habe.
Während die Gedankenführung bei dem im Jahr 1924 verfassten Brief klar nachvollziehbar ist und Arnold Krings die Hoffnung äußert, nicht lange in der Anstalt verbleiben zu müssen: „wie gesagt bin ich zu ehrgeizig, um hier lange auszuhalten" verdeutlicht ein an den „Herrn Oberpfleger Herbert" gerichtetes Schreiben, welches Arnold Krings im März 1926 verfasste, eine deutliche Veränderung in der Fähigkeit, einen stringenten Gedankengang schriftlich niederzulegen.
Der Vater Alban Krings schickt wiederholt, insbesondere in der Weihnachtszeit, Briefe mit der Bitte um Auskunft über den geistigen und körperlichen Gesundheitszustand seines Sohnes an die Heilanstalt. Die Schreiben sind in akkurater Handschrift verfasst und verdeutlichen das Bemühen, die notwendige Förmlichkeit gegenüber der Anstaltsleitung walten zu lassen.
Dennoch sind in den Briefen kaum Zeichen einer tatsächlichen emotionalen Anteilnahme zu finden. Für die Vermutung einer grundsätzlichen Entfremdung zwischen den Eltern und ihrem Sohn spricht auch die Tatsache, dass es keine Hinweise auf stattgefundene Besuche in der Akte gibt. Vielmehr legt Alban Krings brieflich dar, dass er aufgrund der Witterungsverhältnisse und wegen seines fortgeschrittenen Alters nicht reisefähig sei.

Brief (Ausschnitt) von Alban Krings an die Direktion der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg vom September 1924. Patientenakte Franz Aloys Arnold Krings BA Berlin R 179/24173 Bl.26.

Die in der Krankenakte vorgenommenen, im Laufe der Jahre immer knapper werdenden Einträge legen einerseits Zeugnis einer fortschreitenden Erkrankung dar, sind aber auch Beleg für die im Anstaltswesen um sich greifende NS-Ideologie sowie die Sparpolitik des Bezirksverbands Nassau, die schließlich im systematischen Krankenmord mündet.
Im März des Jahres 1927 wird Arnold Krings durch den Direktor der Landesheil- und Pflegeanstalt auf dem Eichberg als „voraussichtlich unheilbar" eingestuft. Die Diagnose lautet „Verblödungsirresein". Infolge dieser Diagnose erfolgt die Überweisung in eine weitere Pflegeanstalt.
Am 31. März 1927 wird Arnold Krings in die St. Josephsanstalt in Hadamar (Barmherzige Brüder von Montabaur) gebracht, wo er die nächsten zehn Jahre verbleibt. Die Akte wird in diesen Jahren regelmäßig geführt und zeichnet das Bild eines Patienten, der zunehmend in seiner eigenen Welt lebt. Er sei am Beginn des Aufenthaltes „häufig sehr erregt, auch nachts laut, wird dann immer stumpfer und interesseloser, hat keine Wünsche mehr, läuft planlos im Saal umher, nur noch ganz selten einmal erregt und aggressiv, hat immer noch Größenideen, behauptet „Gott Arnold" zu sein."
Schließlich erfolgt am 14. Mai 1937 eine weitere Verlegung auf Anordnung des Landeshauptmanns in die Landesheilanstalt Herborn. Als ursächlich dafür wird angegeben, dass Arnold Krings seine Mitpatienten in der Einrichtung wiederholt belästigt habe.
Mit dem Eintreffen in Herborn sind kaum mehr Einträge in der Krankenakte zu verzeichnen, in der zuvor regelmäßig und differenziert Angaben über den Gesundheitszustand des Patienten gemacht wurden.
Der vorletzte Eintrag vom 5. März 1938 berichtet: „Patient schläft ohne Wache, beschäftigt sich etwas mit Hausarbeiten und spielt auch Karten, ist im allgemeinen ruhig und zufrieden, schreit nur manchmal plötzlich laut auf."
Am 30. August 1938: „Geistig und körperlich gegenüber den früheren Eintragungen in keiner Weise verändert."
Erst am 28. Januar 1941 erfolgt der nächste, kaum leserliche Eintrag zum Befinden des Patienten, dessen vorgebliche „Entlassung" für den 3. Februar 1941 auf dem Deckel der Akte vermerkt wird.

Formblatt zwecks Vorbereitung der „Verlegungen“ nach Hadamar; hier für die Vorbereitung des 1. Transportes vom Eichberg am 13. Januar 1941

Arnold Krings wird am 3. Februar 1941 mit einem Gekrat-Bus aus der Zwischenanstalt Herborn nach Hadamar verbracht. In der Tötungsanstalt Hadamar hatte der systematische Krankenmord am 13. Januar 1941 begonnen. Aus der Anstalt Herborn wurden, gemeinsam mit Arnold Krings noch weitere 74 Patientinnen und Patienten nach Hadamar „verlegt". Alle Opfer wurden zunächst fotografiert und anschließend einer ärztlichen Untersuchung unterzogen, die tatsächlich nur dazu diente, eine glaubhafte Todesursache zu konstruieren, die später den Angehörigen mitgeteilt werden sollte. Die Opfer wurden anschließend in den als Duschraum getarnten Keller der Mordanstalt geführt und dort durch Kohlenmonoxydgas ermordet. Wie die letzten Stunden im Leben von Arnold Krings ausgesehen haben mögen lässt sich aus der Zeugenaussage der Überlebenden Clara Schröder erschließen, die eine „Rückstellung" vor der Vergasung erlebte und im Eichberg-Prozess (1946) aussagte.
„Am 17. März 1941 wurde ich mit zahlreichen anderen Kranken nach Hadamar verlegt. ... Der Transport erfolgte mit 2 oder 3 großen rotgestrichenen Omnibussen, die voll besetzt waren. Die Fenster waren verhängt, sodass wir nichts sehen konnten. In Hadamar wurden wir hinter dem Frauenflügel ausgeladen und durch einen gedeckten Gang in das Innere des Gebäudes überführt. ... Im Frauenflügel kamen wir in einen Wachsaal, in dem nur noch eine Reihe Betten stand, während im übrigen Bänke aufgestellt waren. In einer Ecke lagen alte Militärmäntel. Wir mussten uns auskleiden und wurden über den Flur in ein großes Zimmer geführt, den früheren Speisesaal, wo zwei oder drei junge Ärzte saßen. ... Aus diesem Raum kam ich unmittelbar in das anstoßende Arztzimmer, wo ein einzelner Arzt im weißen Kittel saß. ... Die anderen mit uns nach Hadamar verlegten Kranken mussten, wie ich mich noch erinnere, die im Wachsaal liegenden Militärmäntel überziehen und wurden in das Bad geführt. Wo sich dieses Bad befand, weiß ich nicht. Es wurde ihnen ausdrücklich erklärt, sie müssten jetzt baden und kämen dann ins Bett."
Arnold Krings wurde nicht „zurückgestellt", sondern mit den anderen Opfern aus Herborn in die Gaskammer geführt und ermordet.

Gaskammer der Mordanstalt Hadamar  Foto: Hartmann-Menz

Gaskammer der Mordanstalt Hadamar  Foto: Hartmann-Menz

 

Die Leichen der Opfer wurden verbrannt. Den Angehörigen wurde eine gefälschte Todesursache mitgeteilt. Auch der Todesort sowie das Datum wurden verändert um den Mord zu verschleiern und die Pflegekosten für weitere zwei Wochen vereinnahmen zu können. Den Angehörigen von Arnold Krings wurde die Nachricht über den Tod von Arnold Krings an einer „natürlichen Todesursache“ aus Hartheim/Linz zugestellt, wo sich das Opfer niemals aufgehalten hat.

 

 

 




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