Emma Dröse

* 17. 11. 1901 Manchenguth (Ostpreußen) –
† 20. 1. 1943 Obrawalde

Droese_Emma_Stolperstein.jpgIch bekomme die „Akte“ von Emma Dröse in die Hand, ein dünner, altrosafarbener Papierschnellhefter, auf dem in Handschrift ihr Name steht, eine Aktennummer und „Obrawalde aufg. 29. 12. 42“. Eine Rune markiert das Datum ihres Todes am 20. Januar 1943. In meinen Händen halte ich eine Blattsammlung, Teil eines Lebens, die Lebensgeschichte einer 42-jährigen Frau, stigmatisiert als geisteskrank, mehrmals in Kliniken eingewiesen und – im übertragenen Sinne zum Tode verurteilt – in Obrawalde zu Tode gebracht. Wie kann ich heute, ausgehend von nur wenigen Angaben ihres Lebens, die zudem mit knappen Notizen auf ihre Krankheit fokussiert vor mir liegen, das Bild einer Frau zeichnen und sie wieder gegenwärtig werden lassen?

Emma Krajewski wurde am 17. November 1901 in Manchenguth, damals Ostpreußen, geboren. Sie besuchte die Volksschule und arbeitete danach zwölf Jahre lang als Köchin. Nach Berlin kam sie 1920, neun Jahre später heiratete sie und war seitdem Hausfrau. Zum Zeitpunkt ihrer polizeilichen Zwangseinweisung in die Wittenauer Heilstätten war Emma Dröse Mutter dreier kleiner Kinder und wohnte mit ihnen und ihrem Mann in einer Gartenkolonie in Berlin-Reinickendorf.
Die Gesprächsnotizen in den Unterlagen legen die Vermutung nahe, dass die familiäre Situation von Spannungen geprägt war und die Ehepartner seit einiger Zeit in Scheidung lebten. Emma Dröse spricht davon, dass ihr Mann sie misshandelt habe: „Wenn ich woanders gegangen, dann hätte ich mein Leben gerettet, und so hat er mich gefoltert auf die schrecklichste Art und Weise, um mich herunter zu kriegen.“
Im Sommer 1942 wurde sie zweimal stationär im damaligen Erwin-Liek-Krankenhaus zur Behandlung aufgenommen. Auch dort wurde festgestellt, dass die „schlechten ehelichen Verhältnisse“ dazu beigetragen hätten, die in der Klinik erworbene Besserung zunichte zu machen: „Bei Pat. Handelt es sich um ausgesprochen psycho-neurotische Erscheinungen. Auslösend dürften die misslichen häuslichen Verhältnisse gewesen sein. Wir hatten keinen Anhaltspunkt für ein organisches Leiden. Ein Wiederauftreten der Beschwerden scheint uns sehr wahrscheinlich. […] würden dann zu einer Einweisung in eine psychiatrische Klinik raten.“
Es drängt sich der Eindruck auf, dass für Frau Dröse eine Gesundung als möglich erachtet wurde, dies aber aufgrund der als ausweglos wahrgenommenen familiären Situation nicht im Sinne der Patientin zu Ende gedacht wurde.
Am 10. November 1942 setzte ihr Ehemann die Zwangseinweisung in die Wittenauer Heilstätten durch. Ein vorab von ihm verfasster Brief an das Gesundheitsamt mit der Bitte, seine Frau zwecks ihres Gesundheitszustandes, „so schnell wie möglich aus meiner Häuslichkeit zu entfernen“, ist den Unterlagen beigefügt. Er schreibt, dass seine Frau immer öfter unter Tobsuchtsanfällen leide und er Angst um sich und seine Kinder habe, „da irgend mal etwas passieren kann und somit auch mir zur Last gelegt werden könnte“.
Im Aufnahmebericht des Krankenhauses werden deutliche Zeichen von Misshandlungen vermerkt, („am ganzen Körper blaue Flecken, auf dem Rücken Kratzwunden“), auf die im weiteren Verlauf nicht mehr eingegangen wird. Diagnostiziert wird hingegen eine „klimakterische Psychose“; Emma Dröse wurde demnach nicht aufgrund sozialer Bedingungen psychisch auffällig, sondern wegen einer konstruierten, biologisch begründeten Krankheit. Nicht die häusliche Gewalt ist hier die Ursache für ihre Angsterkrankung, vielmehr wird die Krankheit zur Bedrohung für die Familie umgedeutet.
In der Akte befindet sich weiterhin ein Aufnahmeprotokoll, welches ein Gespräch mit Emma Dröse wiedergeben soll. In diesem Gespräch berichtet sie davon, dass ihr Mann sie geschlagen und sie davon einen Nervenschlag bekommen habe, der sie nicht mehr schlafen lasse. Sie bitte um Erlösung, dem Protokoll zufolge verlangte Emma Dröse: „Geben Sie mir Chloroform.“
Die über einen Zeitraum von zwei Wochen kurz gefassten Notizen verweisen darauf, dass Frau Dröse körperlich und seelisch immer mehr verfiel, sie musste zum Essen angehalten werden und äußerte den Wunsch zu sterben. Ende November 1942 wurde sie innerhalb der Heilstätten in ein anderes Haus verlegt. Inzwischen hatte sie wohl den Versuch, sich anderen Menschen mitzuteilen, aufgegeben, denn sie wurde nun als „taubstumm“ bezeichnet und verweigerte die Nahrung; dennoch, so wird am 30. November 1942 notiert, sei sie für einfache Arbeiten geeignet.
Am 11. Dezember 1942 wurde ihre Verlegung nach Obrawalde vorgeschlagen; der Transport fand am 29. Dezember 1942 statt. Bis auf einen Eintrag vom 18. Januar 1943: „bettlägerig, wird nach Haus 2 verlegt“ wurden in Obrawalde keine Maßnahmen mehr protokolliert. Der letzte Eintrag ist auf den 20. Januar 1943 datiert: „Exitus let.: Entkräftung nach dauernder Nahrungsverweigerung.“ Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes es als sicher annehmen, dass die nicht arbeitsfähige Frau in Obrawalde in einem dort tausendfach geübten Verfahren vergiftet oder dem Hungertod preisgegeben wurde.

Die Biografie wurde von Manuela Meyer erarbeitet.

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