Gertrud Grell, geb. Thielemann

* 24. 10. 1902 Dresden –
† 22. 2. 1944 Obrawalde

Grell_Gertrud_Stolperstein.jpgGertrud Thielemann wurde am 24. Oktober 1902 in Dresden geboren und evangelisch getauft, sie besuchte die Volksschule. 1927 heiratete sie im Alter von 25 Jahren und bekam zwei Jahre später eine Tochter. Frau Grell arbeitete als Stationsgehilfin im Luftwaffenkrankenhaus der Hermann-Göring-Kaserne in Berlin-Reinickendorf. Sie lebte in der Kienhorstraße 34 in Berlin-Reinickendorf.

Am 4. September 1943 wurde sie 41-jährig durch das Rudolf-Virchow-Krankenhaus in die Wittenauer Heilstätten (heute Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) eingewiesen und in Haus 4 aufgenommen.
Sie litt – so der Aufnahmebericht – unter Depressionen, außerdem bestand Suizidgefahr. Sie stand schon bei der Einweisung in die Klinik unter der Pflegschaft ihres Ehemanns, Walter Grell, der zu dieser Zeit Soldat war.
Der Wittenauer Oberarzt Dr. Behrendt stellte die Diagnose „Geistesstörung“. Zudem litt sie seit acht Jahren unter Schwerhörigkeit und Ohrengeräuschen. Es wurde eine körperliche Entkräftung festgestellt. Bei einer Körpergröße von 1,53 m betrug ihr Normalgewicht 56 kg; bei der Aufnahme wog sie 43 kg.
Den vorhandenen Unterlagen ist zu entnehmen, dass Gertrud Grell und ihre Angehörigen nicht damit einverstanden waren, dass sie in die Heilstätten überwiesen worden war. Gertrud Grell gab in ihrer Krankenakte vom 8. September 1943 an: „Sie sei nur, weil sie nicht schlafen konnte, verzagt gewesen; sie sei sehr unglücklich über die Verlegung nach hier.“ Der Schwager drängte auf ihre Entlassung. Fünf Tage später wurde sie gegen ärztlichen Rat in die Wohnung des Bruders entlassen.
Anscheinend ging es Gertrud Grell doch so schlecht, dass es ihren Angehörigen nicht möglich war, sie selber zu versorgen und zu pflegen. Am 1. Oktober 1943, ca. dreieinhalb Wochen später, brachte ihr Bruder sie wieder in die Wittenauer Heilstätten. „Sie redete wirr, sei schlaflos und leide unter Depressionen. Die Fliegerangriffe regten sie sehr auf.“ Sie wurde in die geschlossene Station aufgenommen.
Die Dokumentation lässt vermuten, dass Gertrud Grell unter Angstzuständen und starken Schuldgefühlen gegenüber ihrer Tochter litt. In einem Eintrag vom 26. Oktober 1943 heißt es: „Jammert viel und sagt, jetzt werde ich abgeholt und getötet, meine liebe Tochter, ich wollte dir nicht wehtun.“
Am 5. Januar 1944 wurde ihr Krankheitsbild wie folgt bewertet: „Endogene Depression, Prognose nicht ungünstig. Bedarf zunächst noch der Anstaltsbehandlung.“ Am 21. Januar 1944 versuchte Gertrud Grell, sich mit einem Löffel die Pulsader aufzuschneiden. Daraufhin begann man mit einer Elektroschockbehandlung. Eintrag am 10. Februar 1944: „Patient hat vier Schocks erhalten und sich auffallend gebessert, ist völlig geordnet und ruhig.“
Das Krankenhausareal wurde teilweise von Fliegerbomben getroffen. Die Angehörigen machten sich um die Sicherheit von Gertrud Grell Sorgen und baten um eine Verlegung der Patientin, weg von Berlin. Ihr Ehemann – zu dieser Zeit im Felde – wünschte wegen der dauernden Luftgefahr eine Verlegung nach auswärts. „Ehemann wäre mit einer Evakuierung einverstanden.“ – „Wird auf Wunsch des Ehemanns in die Provinz verlegt, mit dem Ziele der Entlassung.“
Am 11. Februar 1944 wurde Gertrud Grell in einem Frauentransport in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz deportiert. Die Nervenklinik Obrawalde war unter den Nationalsozialisten eine Tötungsanstalt in der mehrere Tausend psychisch kranke Menschen ermordet wurden.
Einziger und letzter Eintrag über den Tod von Frau Gertrud Grell am 22. Februar 1944 in Obrawalde: „Kam übersät mit kleinen und größeren Eiterpusteln hier an. Klagt öfter über heftige Schmerzen, war weinerlich, klagsam, könne nicht schlafen, heute Exitus letalis, Sepsis im Anschluss an Furunkulose.“ Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes darauf schließen, dass Gertrud Grell nach ihrer Ankunft in Obrawalde in einem dort tausendfach geübten Verfahren mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Die Biografie wurde von Carsten Baum erarbeitet.

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