Bertha Heckendorf, geb. Westphal

* 10. 2. 1887 Julienbruck (Ostpreußen)
† 20. 4. 1943 Obrawalde

Berta Westphal wurde am 10. Februar 1887 in Julienbruck im Kreis Labiau/Ostpreußen (russ. Polessk) geboren und evangelisch getauft; ihr Vater war Landwirt. 1910 heiratete sie einen Postboten, mit dem sie sechs Kinder hatte; die älteste Tochter starb bereits im Kindesalter. Sie lebte in der Zermatterstraße 18 in Berlin-Reinickendorf.

Am 27. März 1942 wurde Berta Heckendorf in die Nervenklinik der Charité aufgenommen. Die Ärzte diagnostizierten das „Zustandsbild einer Demenz (hochgradige Form)“. Die Angaben zur Anamnese stammen von dem Ehemann, der Frau Heckendorf zur Aufnahme brachte, sowie von zwei Kindern, die zu einem späteren Zeitpunkt befragt wurden.
Der Ehemann berichtete, dass seine Frau schon immer still gewesen sei und wenig Kontakt zu anderen Menschen gehabt habe. Im Jahr 1916, der Ehemann war zur Armee eingezogen, seien zwei ihrer Brüder im Krieg gefallen; außerdem starben die älteste Tochter, die Mutter und ein weiterer jüngerer Bruder im selben Jahr. Nach Angaben des Ehemannes war sie danach verändert. Briefe, die er von ihr erhielt, hätten „nicht mehr Hand und Fuß“ gehabt. Auch habe sie sich seitdem in ärztlicher Behandlung befunden. Nach der Geburt des letzten Kindes 1926 habe sich der Gesundheitszustand sehr verschlechtert. Vorher hätte sie noch den Haushalt versorgt, was dann nicht mehr möglich gewesen sei. Der Ehemann reichte die Scheidung ein, wofür er ein ärztliches Attest benötigte.
In den Angaben der zweitältesten Tochter und eines Sohnes wurde die Beziehung der Eltern als problematisch beschrieben. Der Vater habe alles Geld vertrunken und die Mutter geschlagen. Sie habe neben der Versorgung des Haushaltes mit Näharbeiten zusätzlich Geld verdient. Nach der Geburt des letzten Kindes sei die Mutter sehr schwach gewesen. Dennoch habe sie immer den Haushalt versorgt und sich um die Kinder gekümmert, später auch um die Enkelkinder.
Der Vater habe bei einem dienstlichen Aufenthalt in Polen eine junge Witwe kennengelernt, die er als Wirtschafterin holte. Danach verließ die Tochter das Haus, da es mit der Wirtschafterin immer Zank gab. Die Mutter musste sich in ihrer Kammer aufhalten und schien nicht viel zu essen zu erhalten, da sie immer begierig alles aß, was ihr bei Besuchen mitgebracht wurde. Der Vater und die Wirtschafterin teilten sich das Schlafzimmer.
Auf Interventionen der Kinder, dass die Mutter zu wenig zu essen bekäme und alles eingeschlossen sei, habe der Vater angegeben, dass sie alles aufessen oder das Geschirr zerschlagen würde. Dies konnten die Kinder nicht nachvollziehen, da die Mutter immer für die anderen gesorgt hatte.
Berta Heckendorf wurde am 20. April 1942 auf Wunsch des Ehemannes in die Wittenauer Heilstätten verlegt. In der ärztlichen Bescheinigung wurde die Aufnahme in eine geschlossene Station folgendermaßen begründet: „psychische Veränderung, die vorwiegend das Willens- und Affektleben beeinträchtigt. Sie vernachlässigt sich und ihre Umgebung und gefährdet sich dadurch selbst, da sie sich in einem sehr schlechten Allgemeinzustand befindet.“
Am 3. Oktober 1942 schlugen die Ärzte der Wittenauer Heilstätten Berta Heckendorf für eine Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz, rund 150 km östlich von Berlin, vor. Am 6. Oktober 1942 erfolgte die Verlegung in einem Sammeltransport mit der Eisenbahn.
Aus der Zeit in Obrawalde gibt es in der Krankengeschichte nur zwei Einträge, einer vom Todestag, dem 20. April 1943, aus dem hervorgeht, dass die Patientin während des Aufenthaltes sechs Kilogramm abgenommen habe und an einer Bronchitis erkrankt sei. Als Todesursache wurde Herzschwäche bei Bronchitis angegeben. Tatsächlich lassen die Umstände darauf schließen, dass Berta Heckendorf in Obrawalde in einem dort tausendfach geübten Verfahren mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Die Biografie wurde von Marion Locher erarbeitet.

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