Irmgard Heiss

* 6. 4. 1897 Münster –
† 21. 4. 1944 Lemgo
Irmgard Heiss

„Ich weiß gar nicht, ob ich schon richtig gelebt habe, bewußt jedenfalls nicht, darauf warte ich noch. Nur krank stellenweise und gehemmt; und frei aber verpönt.“* Felten_Mathilde_Stolperstein.jpgIrmgard Heiss wird am 6. April 1897 als drittes Kind von Helene und Carl Stellbrink in Münster geboren. Ihre zwei älteren Geschwister sind Helene, geb.1892, und Karl Friedrich, geb. 1894. Carl und Helene Stellbrink haben geheiratet, nachdem Carls erste Frau, Caroline, im Kindbett gestorben war. Die zwei fast erwachsenen Kinder aus der ersten Ehe, Heinrich (1882–1900) und Hilda (1883–1961), sind schon in einer Ausbildung, als Irmgard zur Welt kommt. Hilda besucht das Lehrerinnenseminar; Heinrich wird seit seiner ersten Fahrt als Schiffsjunge auf dem Frachtsegelschiff „Bertha“ im Jahr 1900 vermisst: Das Schiff war gesunken. 1902 wird als letztes Kind des Ehepaares Stellbrink die Tochter Magdalena geboren, Irmgards jüngere Schwester. 1903 zieht die Familie in das neu erbaute Haus in Detmold. Der Vater, Carl Stellbrink, arbeitet in Münster als Zollbeamter im Dienste Preußens, ist aber aufgrund eines „Nervenleidens“ zeitweise in den Ruhestand versetzt.

1904 macht Irmgard eine Erkrankung durch, in deren Verlauf die Eltern sie fast aufgeben. Erst als diese Krankheit überstanden ist, wird Irmgard, nun schon acht Jahre alt, eingeschult. Irmgard besucht das Lyzeum in Detmold, gilt als gute Schülerin und musisch begabt, sie spielt gut Klavier. Sie ist beliebt, bleibt aber auffallend „für sich“. Irmgard sagt über sich, sie habe in der Schule viel geträumt, später habe sie die Lust am Lernen verloren. Die Eltern beschreiben sie als seit der Pubertät „widersetzlich“ und schwierig. 1911 wird Karl Friedrich, der Irmgard von den Geschwistern am nächsten steht, im Alter von sechzehn Jahren in das Internat des Evangelischen Johannisstiftes in Berlin-Spandau geschickt. 1915 bricht Irmgard trotz guter Leistungen die Schule vorzeitig ab und verlässt das Detmolder Lyzeum. Sie geht eine Verlobung ein, die sie aber später wieder löst. Im gleichen Jahr muss Bruder Karl Friedrich seine Ausbildung zum Pfarramt im Dienst in Übersee, die er im Diasporaseminar in Soest absolviert, unterbrechen: Er zieht als Soldat in den Krieg. 1916 besucht die 19-Jährige auf Wunsch der Mutter ein Lehrerinnenseminar. Ihre dortigen Ausbilderinnen halten viel von Irmgard, doch die Tochter bittet die Familie, sie dort wieder abzumelden. Felten_Mathilde_Stolperstein.jpgEs folgen verschiedene Versuche, auf eigenen Füßen zu stehen und das Elternhaus zu verlassen: In Halberstadt soll sie in einer Hauptmannsfamilie die Haushaltsführung erlernen. Im November 1916 ist sie wieder in Detmold, in der Hubertusstraße 10 gemeldet. Seit dem 12. April 1917 lebt Irmgard in Potsdam und arbeitet als Erzieherin in Stellung bei einer Familie. Für kurze Zeit wechselt sie nach Berlin, wo sie bei Privatstellen und im Postscheckamt arbeitet. Kriegsbedingt sind in diesen Jahren auch der Vater – als reaktivierter Beamter – und die Schwester Helene, die in einer Sparkasse eine Anstellung findet, in Berlin tätig. Im November 1917 geht Irmgard zurück nach Detmold und lebt wieder in der Hubertusstraße. Wiederum auf Wunsch der Mutter besucht sie nun die Handelsschule, die sie aber ebenfalls nicht abschließt. 1917 wird der Bruder Karl Friedrich als Soldat ernsthaft verwundet, erkrankt zusätzlich schwer und wird in Berlin im Lazarett behandelt. Er verlobt sich mit Irmgards enger Jugendfreundin Hildegard Diekmeier aus Detmold. 1919 antworte Irmgard auf eine Heiratsannonce und ehelicht gegen den Willen der Familie Hugo Heiss, einen Bergarbeiter. Die Familie empfindet Hugo Heiss als „unter ihrem Stand“ stehend. Irmgard zieht mit ihrem Mann in das zwischen Bochum und Dortmund gelegene Langendreer. 1920 wird Sohn Ewald geboren, 1923 folgt die Geburt des zweiten Sohnes, Hugo. 1923/24 erlebt das Ruhrgebiet die Besetzung durch Frankreich, es kommt dort zu Aufständen und durch die Inflation zu einer schwierigen Versorgungslage. Hugo Heiss wird arbeitslos und gerät mit dem Gesetz in Konflikt. Für einige Zeit muss er ins Gefängnis. Irmgard fährt mit ihren zwei kleinen Kindern nach Detmold und bittet im Elternhaus um Aufnahme. Sie ist erneut schwanger. 1925, am 25. Februar, wird Tochter Meta geboren. Auf der Wöchnerinnenstation fällt bei der Mutter eine große Unruhe auf; sie hat Angst, das Baby könne verhungern. Irmgard gerät mit dem Oberarzt über die Stillzeiten in Streit. Der Kreisarzt Dr. Carius überweist sie mit Datum vom 4. Mai 1925 in die Lippische Heil- und Pflegeanstalt Lindenhaus bei Lemgo. Meta wird in Bethel in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Irmgards Überführung ins Lindenhaus wird von Amts wegen angeordnet. Begründung: Es sei den Eltern nicht zuzumuten, ihre Tochter aufzunehmen, da diese unverträglich mit der Familie sei. Ihre Mutter berichtet beim Aufnahmegespräch im Lindenhaus von einer auffälligen Änderung der Gemütsstimmung Irmgards nach der Geburt der kleinen Meta. Irmgard erklärt in diesem Gespräch laut Krankenakte, sie habe viel hungern müssen und lebe in Scheidung. 1925 versucht Hugo Heiss, Irmgards Ehemann, Kontakt mit ihr aufzunehmen und sie, auch der Kinder wegen, zurückzugewinnen. Irmgard weist ihn ab, verweigert den Kontakt. Im Dezember stirbt Meta im Alter von acht Monaten in Bethel. Als die Ärzte des Lindenhauses Irmgard Heiss entlassen wollen, bittet sie erneut um Aufnahme in ihrem Elternhaus in Detmold, doch der Versuch schlägt fehl. Sie versucht nun für kurze Zeit, allein zu leben und sich den Unterhalt zu verdienen. Ihre Kinder sind in Bielefeld in Pflegefamilien untergebracht. Felten_Mathilde_Stolperstein.jpgAnfang 1926 wird sie, wiederum auf behördliche Anordnung, erneut im Lindenhaus eingeliefert. Der Vater, Carl Stellbrink, beginnt, mit den Ärzten zu korrespondieren, und erklärt entschieden, die Familie könne die Tochter nicht aufnehmen, sie müsse in jedem Fall in einer Anstalt untergebracht bleiben. Die Familie leitet ein Scheidungsverfahren ein, dem Irmgard nicht widerspricht. 1926 wird Irmgard Heiss nach Gütersloh verlegt, flieht aus der Anstalt und versucht, sich allein, unter falschem Namen (Anni Bentheim), durchzuschlagen. Sie arbeitet als Fabrikarbeiterin an verschiedenen Orten in Lippe. In dieser Zeit berichtet Irmgard in einem Brief an die Mutter von einem Besuch am Grab der kleinen Meta. Auf Befragung der Ärzte erklärt sie, sie wolle die Ehe mit Hugo Heiss auf keinen Fall fortsetzen, sondern sich ihren Lebensunterhalt allein verdienen. 1928 wird sie in Münster auffällig und daraufhin in schlechter gesundheitlicher Verfassung in Polizeigewahrsam genommen. Dort kommt sie mit einer schweren Bronchitis ins Krankenhaus, wo sie in selbstmörderischer Absicht einen Medikamentenschrank aufbrechen will. Daraufhin wird sie in die psychiatrische Einrichtung Marienthal überwiesen, wo Irmgard falsche Angaben über ihren Lebenslauf macht. Sie wird dort als unzugänglich, schwermütig und gefährdet beschrieben. Bei einem anschließenden Aufenthalt in der Anstalt Warstein hat sie Entfremdungserlebnisse und Visionen. 1929 leiten die Eltern ein Entmündigungsverfahren ein. Die ältere Schwester Helene wird ihr Vormund. Im Entmündigungsverfahren wird der Gutachter Dr. Friedländer vom Lindenhaus erklären, aus der früheren Diagnose „Psychopathie“ sei eine echte Schizophrenie geworden, eine „Dementia Präcox“. 1930 wird das Ehepaar Heiss geschieden. Hugo Heiss bemüht sich um das Sorgerecht für die Söhne. Doch die Großeltern Stellbrink und Helene als Vormund, fechten diese Möglichkeit mit allen Mitteln an. Karl Friedrich Stellbrink und Hildegard, die erst seit Kurzem vom anstrengenden Auslandspfarramt aus Brasilien zurück sind, erklären sich auf Bitten der Großeltern bereit, Ewald und Hugo in die Familie zu den eigenen drei Kindern aufzunehmen. Sie erwägen, auch Irmgard aufzunehmen, doch die Ärzte raten ihnen ab. Irmgard Heiss ist nun Patientin in Lengerich und wird dort die nächsten zehn Jahre verbringen. Karl Friedrich hält als Pflegevater der Söhne engen Kontakt zu den Ärzten. 1938 meldet die Einrichtung Irmgard auf Anfrage des Kreisarztes in Münster als „fortpflanzungsfähig“, aber „fortpflanzungsgefährlich“, doch zu einer Zwangssterilisierung der 41-Jährigen kommt es nicht mehr: „Die Sterilisierungswut der Gesundheitsbehörden ist ohnehin beträchtlich zurückgegangen, seit insgeheim die Vorbereitung zur Tötung Kranker auf Hochtouren laufen.“1 1940 muss der ältere Sohn Ewald gleich nach dem Abitur als Soldat in den Krieg und stirbt. 1941 wird die Patientin in einem Sonderzug gemeinsam mit anderen Langzeitpatienten in die Anstalt Weilmünster in Hessen verlegt. 1942 wird Karl Friedrich Stellbrink verhaftet und vor dem Volksgerichtshof abgeurteilt, da er, gemeinsam mit drei Kaplänen der Katholischen Herz Jesu Gemeinde, Predigten des Bischofs von Münster, von Galen, gegen die „Euthanasie“ vervielfältigte und verbreitete. Für alle vier Geistlichen lauten die Urteile: Tod unter dem Fallbeil. Am 10. November 1943 werden die Hinrichtungen in Hamburg vollstreckt Im Januar 1944 bekommen die Schwestern Helene und Hilda in Detmold aus Weilmünster die Nachricht über den sich dramatisch verschlechternden Gesundheitszustand ihrer Schwester. Die Nachricht ist zunächst an Karl Friedrich gerichtet. Die Schwestern fahren daraufhin nach Weilmünster. Laut Krankenakte übernimmt Hilda die Verantwortung dafür, die dem Hungertod nahe Irmgard mit nach Detmold zu nehmen. Mit der Pflege der schwierigen und todgeweihten Schwester überfordert, liefert Helene die Schwester am 21. April 1944 im Lindenhaus ab. Dort wird bald darauf eine Tuberkulose festgestellt. Am 3. Oktober 1944 stirbt Irmgard Heiss im Lindenhaus an Lungentuberkulose – eine Folge der Behandlung, der sie in der Hungeranstalt Weilmünster ausgesetzt gewesen war. Selbstzeugnis von Irmgard Heiss, Ausschnitt aus einem Brief an die Schwester : Lengerich, 7. 1. 1940 Liebes Lenchen, (…)Ich befinde mich auf ruhiger Station jetzt seit 4 Monaten und bin ohne Medikamente schon längere Zeit, also im ruhigen, abgeklärten Fahrwasser der leidlichen organischen und seelischen Gemütsverfassung angelangt. Ich habe ja auch zumeist nur harmlose Mittel bekommen, Baldrian, Brom. Die Kardiazolspritzenkur mit 20 Injektionen ist vorletztes Jahr sommerlich gewesen. – Meine große Statur erschwert, durch Abweichung vom normalen körperlichen Haushaltungs-Ernährungs-Index, mir das Lebenshaltungsprogramm. Ich habe Verhungerungsangst und werde versucht, unregelmäßige Nahrung übermäßig zu essen, wenn was da ist, mir zuzuführen, also ungesund zu leben u. dann die Folgen für Körper und Seele zu tragen. Verurteilt; die Verknappung, der kriegsmäßige Ausnahmezustand; ein großer Mensch braucht und verbraucht mehr u. lebt beschwerlicher, daher wohl hauptsächlich die Erregungszustände. Außerdem die geistige Isolierung als Sonderling, das enge Zusammenleben mit fremden Menschen, die Missverständnisse und Unverstand, alles Schwierigkeiten. Doch ehrlicher Wille, Menschenliebe, bezwingt alle Hindernisse. In dieser menschenreichen Öde doch auch rein menschliche, auch geistige Werte zu finden und zu achten, die heilige Natur ist ja überall und immer zu verehren, wohl? (...) Natürlich kann man nicht immer korrekt leben aber doch erstreben so wohl?! Ein richtiger Ausgleich von Ruhe und Bewegung, Seelentraining, auch Atemgymnastik u. Lebenswille u. Glaube, das ist not. Das hat mich früher hochgehalten u. mich mein schweres Schicksal tragen lassen u. wird mich hoffentlich wieder gesund u. leistungsfähig machen zu Eurer und meiner Freude u. der ganzen kleinen, unsichtbar großen Umwelt hier. Die Welt ist ja auch krank u. kommt nur nach ihrer endlichen vollkommenen Genesung und Erhaltung, nachdem sie übermütig u. frevelhaft die Werte des Friedens unterschätzte und nun ja auch gelernt hat daraus und den Folgen Wichtigkeit schenkt in Zukunft. (...) Na, das Künstlern ist mir immer noch anliegend aber mit Vorbehalt und tieferer Erkenntnis u. Erfahrung weiser Übersicht…wenn auch im Irrenhaus, es hilft über die Misere des Daseins hinweg so manches Mal. Aber ich möchte so gern auch wirklich nützlich sein, möchte bei Euch sein, überall der gute Geist, das Faktotum in Haus und Garten, für Euch wirken, technisch geistig, euch Freude u. nur Freude machen, aber ich muss hier bleiben, leider. So leb ich mit in der Ferne. Warum von Lübeck wohl nichts Schriftliches kam, keine Karte zu Weihnachten? Fritz steckt tief in Arbeit, der zweite Pastor fiel im Kriege jetzt vor Monaten. Hildegard hat auch ihre Last mit den Mädchen, dem großen Haushalt u. wird nicht jünger; was Gerhard** wohl macht und wo der Hugo steckt? Ich schrieb eine Geburtstagskarte zum 27. Dezember!? Handschuhe hab ich in Arbeit, die wolle bekam ich zufällig noch, ob ich auskomm? Ich hoffe es und möchte aber auch erst wissen wo der Junge steckt u. warum alles so schweigsam ist. (...) Autorin: Barbara Stellbrink-Kesy * Handschriftliche Randbemerkung von Irmgard Heiss im an sie gerichteten Brief ihres Sohnes Ewald vom 10. 6. 1939. 1 Götz Aly (Hrsg.): Aktion T4 1939–1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4, 2. Aufl., Berlin 1989. ** Sohn von Hildegard und Karl Friedrich, Irmgards Neffe„Ich weiß gar nicht, ob ich schon richtig gelebt habe, bewusst jedenfalls nicht, darauf warte ich noch. Nur krank stellenweise und gehemmt; und frei aber verpönt.“ *

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