Jakob Müller

23.2.1921 Elz
15.5.1943 Hadamar
Foto Jakob Müller aus dem Ausmusterungsschein im Alter von ca. 19 Jahren

Jakob Müller wurde am 23. Februar 1921 in Elz geboren. Seine Mutter war Rosa Müller geb. Friedrich, der Vater war der am 5. Oktober 1883 in Elz geborene Reichsbahnschaffner Edmund Müller.

Foto Jakob Müller aus dem Ausmusterungsschein im Alter von ca. 19 Jahren

 Foto Jakob Müller aus dem Ausmusterungsschein im Alter von ca. 19 Jahren. Archiv des LWV Bestand 12 AN 1173

Jakob Müllers Vater war schwer herzkrank, wurde krankheitsbedingt pensioniert und verstarb am 14. März 1939 im alten Limburger Krankenhaus am Roßmarkt. Jakob Müller, der keinen Beruf erlernt hatte, war zunächst im Landesaufnahmeheim Idstein untergebracht und dort in der Landwirtschaft tätig. Mit Wirkung vom 8. April 1939 wurde er in die Idsteiner „Heilerziehungsanstalt“ Kalmenhof verbracht, wo er auf dem Hofgut Gassenbach landwirtschaftliche Tätigkeiten verrichtete. 

Persönliche Unterschrift Jakob Müllers aus dem Fragebogen zur „Intelligenzprüfung“. Archiv des LWV Bestand 12 AN 1173

Persönliche Unterschrift aus dem Fragebogen zur „Intelligenzprüfung". Archiv des LWV Bestand 12 AN 1173.

Bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten im April 1933 war der Kalmenhof satzungsgemäß dem Reformgedanken in der Jugendpflege sowie einer interkonfessionellen Erziehung verpflichtet. Mit dem Jahr 1933 wird der Kalmenhof zu einem Ort des Terrors an dem Misshandlung, Hunger, Vernachlässigung, Zwangssterilisation und schließlich die systematische Tötung vieler hundert Anstaltspfleglinge zur täglichen Praxis werden.1 Am 6. Juni 1939 flieht Jakob Müller aus dem Kalmenhof, wird jedoch in Lindenholzhausen aufgegriffen und nach Idstein zurück gebracht. Infolge dieses Vorfalls und eines abermaligen Fluchtversuches kommt es zu Handgreiflichkeiten mit einem Pfleger.

Jakob Müller muss daraufhin in die Krankenstation eingeliefert werden. Im Beobachtungsbogen wird beschrieben, dass er teilnahmslos und apathisch wird, jegliches Interesse an seiner Umwelt verliert und sogar die Nahrungsaufnahme verweigert.2 Zwischenzeitlich erfolgt offenbar eine deutliche Verbesserung im Befinden von Jakob Müller; in einer Befragung zu seinen Zukunftsplänen gibt er am 9. August 1939 an, er wolle in den Arbeitsdienst, oder aber in die Landwirtschaft „dann habe ich ein Ziel"3. Weiterhin ist in der Akte vermerkt, dass er sich an den im Haus notwendigen Reinigungsmaßnahmen gut beteilige.

Am 23. November 1939 erfolgt die Verlegung von Jakob Müller vom Kalmenhof in die Landesheilanstalt Eichberg. Begründet wird diese Maßnahme mit einer sich vorgeblich verschlechternden seelischen Erkrankung, die das weitere Verbleiben auf dem Kalmenhof nicht möglich mache, da der Kranke in eine Einrichtung mit „Wachstation" verbracht werden müsse. Mit Vollendung des 19. Lebensjahres am 23. Februar 1940 sollte gem. § 72 Abs. 2 Reichsjugendwohlfartgesetz die für Jakob Müller angeordnete Fürsorgeerziehung beendet sein.

Während das Amtsgericht Hadamar der Witwe Rosa Müller ein entsprechendes Schreiben übermittelt und sie auf die Entlassung ihres Sohnes dringt, argumentieren die Verantwortlichen im Bezirksverband Nassau auf der Grundlage einer angeblich beginnenden seelischen Erkrankung gegen eine Verlängerung der Fürsorgeerziehung und für die dauerhafte Einweisung in eine Anstalt.

 

Schreiben Rosa Müller zwecks Herausgabe ihres Sohnes vom 13. März 1940 (Abschrift) Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

Schreiben Rosa Müller zwecks Herausgabe ihres Sohnes vom 13. März 1940 (Abschrift) Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

In diesem Zusammenhang erfolgt in einer Aktennotiz vom 23. April 1940 auch ein Hinweis auf die „Uneinsichtigkeit" der Angehörigen im Hinblick auf die Schwere der Erkrankung des Jakob Müller. Für diesen wird, trotz der Intervention seiner Mutter, die dauerhafte Anstaltsunterbringung angeordnet. Der Landrat des Landkreises Limburg übernimmt mit Wirkung zum 6. Mai 1940 die Kostenerstattung für die Anstaltsunterbringung von Jakob Müller nach dem Satz für „Ortsarme". Jakob Müller, der gerne in den Arbeitsdienst wollte, wird mit Wirkung vom 15. Juni 1940 als „untauglich" ausgemustert.

 

Ausmusterungsschein Jakob Müller (RAD) Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

Ausmusterungsschein Jakob Müller (RAD) Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

Am 1. Februar 1941 richtet Rosa Müller ein vermutlich von der lokalen Situation in Elz geprägtes Schreiben an den „Sehr geehrten Herr Doktor" in der Anstalt Eichberg. Abermals bittet sie, in nahezu flehentlichem Ton um die Entlassung ihres Sohnes in die „Freiheit" damit er „wieder einmal in die Volksgemeinschaft kommt".
Als Hintergrund dieses Versuches, die Entlassung ihres Sohnes zu bewirken, muss auch die regional spezifische Situation um die Hadamarer Tötungsanstalt auf dem Mönchberg mit einbezogen werden: Am 13. Januar 1941 waren die ersten Patientinnen und Patienten vom Eichberg in die Tötungsanstalt verbracht und noch am Tage ihrer Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet worden.

 

Schreiben Rosa Müller wegen Entlassung ihres Sohnes aus der Anstalt Eichberg vom 1. Februar 1941. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

 Schreiben Rosa Müller wegen Entlassung ihres Sohnes aus der Anstalt Eichberg vom 1. Februar 1941. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

 

Bis Ende Januar waren bereits 600 Menschen4 auf diese Weise nach Hadamar verbracht und getötet worden; die Verbrennung der Leichen erfolgte anschließend in einem eigens dafür eingebauten Krematoriumsofen im Keller der Anstalt. Der beißende Rauch wurde in der Umgebung wahrgenommen und seitens der Bevölkerung dem Geschehen in der Tötungsanstalt zugeordnet, sodass bekannt war, was in der ehemaligen Heilanstalt vor sich ging. Bevölkerung und Angehörige in der Umgebung um Hadamar waren demnach bereits im Januar 1941 genauestens darüber informiert, welches Schicksal Patienten von Heilanstalten bevorstand. Die mittels roter Postbusse5 durchgeführten Krankentransporte aus den Zwischenanstalten Weilmünster, Herborn, Eichberg und dem Kalmenhof passierten zum Teil die Ortsdurchfahrt Elz. Die Scheiben der Fahrzeuge waren verhängt oder mit Farbe undurchsichtig gemacht worden; dennoch war in der Bevölkerung bekannt, welche Personengruppen sich in den Fahrzeugen befanden.6

Am 18. August 1941 erhält Rosa Müller eine Besuchserlaubnis und kann ihrem Sohn, dem es auch nach Einschätzung der Anstaltsleitung zu diesem Zeitpunkt „ganz gut"7 geht, einen Besuch in der Anstalt auf dem Eichberg abstatten. In der Zeit der Krankenmorde war dies eher eine Ausnahme, da Besuche die versuchte Geheimhaltung der Morde gefährden konnten. Die letzten beiden Todestransporte vom Eichberg nach Hadamar vor Beendigung der Gasmordphase erfolgten am 18. und 19. August 1941.8
Am 6. Oktober 1941 versucht Jakob Müller wiederum aus der Anstalt zu fliehen, wird jedoch aufgegriffen und am 7. Oktober wieder zurück auf den Eichberg gebracht.
Aus den spärlichen Einträgen in der Krankenakte ist ersichtlich, dass in den Jahren 1941 bis 1943 faktisch keine Pflege der Patientinnen und Patienten auf dem Eichberg erfolgte. Weder Angaben über den Gewichtsverlauf, wie zu Beginn der Aktenführung, noch Dokumentation von Pflegemaßnahmen sind notiert. Nur wenige Zeilen im Jahr 1943 dokumentieren den sich verschlechternden Gesundheitszustand Jakob Müllers, über den es noch in den Jahren 1941 und 1942 hieß, er helfe „fleißig bei der Hausarbeit".

Die „Verlegung" nach Hadamar zum Zwecke der Ermordung erfolgt vor dem Hintergrund des sich rapide verschlechternden Gesundheitszustandes des Patienten, der wiederum im Kontext der in den Anstalten verabreichten „Hungerkost", und den nicht stattfindenden Pflegemaßnahmen gesehen werden muss.

 

Auszug Krankenakte Jakob Müller mit spärlichen Einträgen Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

 Auszug Krankenakte Jakob Müller mit spärlichen Einträgen Archiv LWV Bestand 12 AN 1173

 

In den Jahren bis 1943 hatte Rosa Müller mehrere briefliche Versuche unternommen, Ihren Sohn auf legalem Weg zu sich nach Hause zu holen. Das letzte Anschreiben an die Anstaltsleitung auf dem Eichberg erfolgt am 24. Januar 1943 und wird vier Tage später abschlägig beschieden „Eine Entlassung ist noch nicht möglich"9  Mit Schreiben vom 20. April 1943 wird Jakob Müllers Mutter darüber informiert, dass ihr Sohn wegen „Platzmangels" in die Anstalt Hadamar verlegt werde. Am 15. Mai 1943 erfolgt seitens des Pflegers Philipp Blum der Akteneintrag über den Tod Jakob Müllers um 11.45 Uhr an „Rippenfellentzündung, Herzschwäche, Geisteskrankheit".10

 

Information zur „Verlegung“ von Jakob Müller am 20. April 1943. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 44

Information zur „Verlegung" von Jakob Müller am 20. April 1943. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 44

Tatsächlich wurden die Patientinnen und Patienten in der „Heilanstalt" Hadamar in den Jahren 1942 bis 1945 durch Vernachlässigung, Verhungernlassen oder durch überdosierte Medikamentengaben ermordet. Als ideologische Grundlage der Morde galten den Ärzten und Pflegekräften  sozialdarwinistische Prinzipien von Arbeitsfähigkeit und dem für den einzelnen Patienten zu erbringenden Pflegeaufwand.

 

Quellen und Literatur

Archiv des LWV Bestand 12 AN. 1173
George, Uta; Lilienthal, Georg; Roelcke, Volker; Sandner, Peter; Vanja, Christina (Hg.) Hadamar Heilstätte – Tötungsanstalt – Therapiezentrum (2006)
125 Jahre Kalmenhof – Facetten seiner Geschichte Hg. Vitos Kalmenhof gGmbH (2013).
Roer, Dorothee; Henkel, Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986)
Sandner, Peter. Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (2003)
Weimar, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982)

  • 1. Dazu: 125 Jahre Kalmenhof – Facetten seiner Geschichte Hg. Vitos Kalmenhof gGmbH (2013).
  • 2. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 44.
  • 3. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 40.
  • 4. Roer, Dorothee; Henkel, Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S.367
  • 5. Zeugenaussage der Clara Schröder im Eichberg-Prozess. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32442 Bl. 60f
  • 6. Weimar, Erhard. Chronik der Gemeinde Elz (1982) S. 99 f. Anmerkung: Der Elzer Chronist nennt das Jahr 1939 als Beginn der Transporte, was nicht den Tatsachen entspricht. Die Berichte der Bevölkerung zur Durchfahrt der Busse sind noch in der mündlichen Tradition der Elzer Überlieferung lebendig. Dies zumal die Ortsdurchfahrt in Elz in der Höhe des heutigen Rathauses vor dem Abriss einer dort befindlichen Häuserzeile wesentlich schmaler war als heute ersichtlich.
  • 7. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 32.
  • 8. Roer, Dorothee; Henkel, Dieter (Hg.) Psychiatrie im Faschismus. Die Anstalt Hadamar 1933-1945 (1986) S.367.
  • 9. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 35 ff.
  • 10. Archiv LWV Bestand 12 AN 1173 Bl. 5.
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