Ernst Köhler

* 5. 1. 1899 Buenos Aires –
† 22. 8. 1940 Grafeneck
Ernst Köhler 1940

Köhler_Ernst 1940.jpgWer ist dieser Onkel Ernst? Ich habe ihn nie kennengelernt, er war bereits fünf Jahre tot, als ich 1945 nach Kriegsende geboren wurde. Das Einzige, was ich von Onkel Ernst besitze, sind ein paar Fotos, Tagebuchnotizen, seine Taufurkunde der „Deutschen Evangelischen Kirche zu Buenos Aires“, viele Dokumente, darunter eine kleine „Belobungskarte“ der Elementarschule, und ein kleines Ölbild, das er gemalt hat. Es zeigt einen Blumenstrauß in einer dunklen, fast schwarzen, bauchigen Vase. Der Hintergrund ist schwarzgrün. Die Blumen – es ist ein Sommerblumenstrauß – sind alle in sehr gedämpften, eher dunklen Farben gehalten.

Meine Großeltern Friedrich und Marie Köhler wanderten um 1894 nach Buenos Aires aus. Dort wurde Ernst als drittes von vier Kindern am 5. Januar 1899 geboren. Doch bereits 1901/02 kam die Familie Köhler wieder zurück nach Stuttgart.

Köhler_Ernst um 1920.jpgErnst ging bis 1915 in die Schickhardt-Realschule, anschließend besuchte er ein Jahr die Höhere Handelsschule, wo er 1916 erfolgreich seinen Schulabschluss machte. 1917 kam er zum Militär und nahm am Ersten Weltkrieg teil. In dieser Zeit erkrankte er an der „Kopfkrippe“ (Hirnhautentzündung). Danach arbeitete Ernst als Bankbeamter bei der Spar- und Giro-Kasse Stuttgart und bei der Königlich Württembergischen Hofbank. Anfang der Zwanzigerjahre zog die Familie Köhler nach Hedelfingen in die Schwanenstraße 1.
Ernst lebte ein normales und unauffälliges Leben. 1932/33 aber veränderte sich sein Verhalten zunehmend, bis für die Familie unübersehbar war, dass Ernst sehr krank ist. Es blieb der Familie keine andere Wahl, als Ernst ins Bürgerhospital Stuttgart einweisen zu lassen. Dort und im Christophsbad verbrachte er, mit Unterbrechungen, die folgenden Monate. Er schrieb viele Briefe, von denen die meisten nie abgeschickt wurden. In einem Brief aus dem Bürgerhospital vom 21. November 1934, kurz vor seiner Einweisung in die Heilanstalt Weissenau, schrieb er an seinen Bruder:

„Lieber Bruder Wilhelm!
[…] Glücklich wäre ich, wenn ich eine dauernde Arbeit bekommen könnte, um dem Staate und dem Volke noch nützlich sein zu können! […]
Nun schließe ich mit herzlichen Grüßen, auch an die Geschwister in tr. Liebe
Dein Bruder
Ernst“

Am 8. Dezember 1934 wurde Ernst Köhler in die Heilanstalt Weissenau bei Ravensburg verlegt. Dort besuchte ihn Wilhelm, mein Vater, regelmäßig. Im Juli 1940 reiste Wilhelm nochmals mit dem Zug von Stuttgart nach Ravensburg, um seinen Bruder auf der Weissenau zu besuchen, nicht ahnend, dass dies sein letzter Besuch sein sollte. Dort machte Wilhelm im Park der Klinik dieses (letzte) Foto von seinem Bruder Ernst.

Bald darauf erhielt Wilhelm aus Brandenburg die Nachricht vom Tod seines Bruders, datiert auf den 8. September 1940.
Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen war Ernst Köhler zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Wochen tot. Vergast in Grafeneck. Das Samariterstift Grafeneck war bis Herbst 1939 in kirchlicher Trägerschaft. Dann wurde es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, in eine Mordanstalt mit Gaskammer umgebaut.
Tatsäch war Ernst Köhler am 22. August 1940 in Grafeneck ermordet worden.

Köhler_Ernst_Stolperstein 2006.jpgWilhelm versuchte bis zu seinem Tod 1989 mehr über das Schicksal seines Bruders zu erfahren. Er erstattete bereits im Herbst 1945 bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt Strafanzeige gegen Unbekannt. Aufgrund von Medienberichten war sich mein Vater schon damals sicher, dass sein Bruder ermordet wurde. Ein langes zähes Warten begann, denn die deutsche Justiz hatte nach 1945 kein Interesse, die Naziverbrechen aufzuklären. Dies änderte sich erst Ende der 1980er-Jahre langsam. Mein Vater war darüber sehr verbittert.
Die ganze Wahrheit erfuhr ich erst im Jahr 2000 nach weiteren jahrelangen Recherchen.

Goswinde Köhler-Hertweck, Januar 2009

Eine vollständige Dokumentation der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen mit 30 beispielhaften Schicksalen von Stuttgarter NS-Opfern, für die Stolpersteine gelegt wurden, erschien unter dem Titel:
Stuttgarter Stolpersteine – Spuren vergessener Nachbarn. Ein Kunstprojekt füllt Gedächtnislücken. Herausgegeben für die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen von Harald Stingele und dem Bürgerprojekt AnStifter, 3. Aufl., Stuttgart: Markstein Verlag 2011, ISBN 978-3-7918-8033-4, 16,90 Euro.

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