Anna Lehnkering

* 2. 8. 1915 Oberhausen/ Sterkrade -
† 7. 3. 1940 Grafeneck
Anna Lehnkering

Wie in vielen Familien wurde die Erinnerung an „Euthanasie“ und Zwangssterilisation auch in meiner Familie jahrzehntelang verschwiegen und verdrängt. Das änderte sich, als ich 2003 per Zufall den Namen meiner Tante Anna Lehnkering im Internet auf einer Liste [1] von Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktion fand. Schockiert erfuhr ich, dass man Anna 1940 in Grafeneck im Rahmen der „Aktion T4“ als „lebensunwert“ ermordet hatte. Die mühsame Rekonstruktion von Annas Lebensgeschichte erfolgte auf Grundlage der bruchstückhaften familiären Erinnerungen und vor allem mithilfe ihrer Patientenakten. Die Recherche begann mit Annas Akte aus dem Berliner Bundesarchiv. Diese enthielt neben der Sippentafel Annas Krankenblatt aus der Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, wo sie von Dezember 1936 bis zu ihrer Deportation nach Grafeneck im März 1940 Patientin war. Weitere erhellende Hinweise gab eine erst kürzlich entdeckte Patientenakte aus der Rheinischen Provinzial Kinderanstalt für seelisch Abnorme in Bonn, wo die 16-jährige Anna 1931/1932 untersucht wurde. Natürlich muss man die Patientenakten mit Vorbehalt lesen, denn es sind Quellen, die überwiegend Sprache und Sicht der Täter widerspiegeln. Dennoch – ohne diese Akten wäre die Erinnerung an Anna für immer vernichtet gewesen. So war vieles zwischen den Zeilen zu lesen, doch im Verlauf der Spurensuche kam ein Puzzleteil zum anderen und ergab das folgende Bild von Annas kurzem Leben:

Anna kommt während des 1. Weltkrieges am 2. August 1915 als drittes Kind des Friedrich Lehnkering und seiner Frau Anna in Sterkrade (heute Oberhausen) zur Welt. Anna, die in der Familie auch Änne genannt wird, hat zwei ältere Brüder, geboren 1911 und 1913 und einen jüngeren Bruder, geboren 1920. Ihre Eltern stammen aus gutbürgerlichem Milieu im Ruhrgebiet im Ruhrgebiet und betreiben dort eine Gaststätte. In Annas Patiententakte aus Bonn finden sich Hinweise auf ihre Entwicklung im Kinder- und Jugendalter. „Die Geburt verlief normal. Gehen und sprechen mit 13 - 15 Monaten. Bis zum 4. Lebensjahr entwickelte sich das Kind normal und sehr gut. Dann merkten die Eltern plötzlich, dass das Mädchen unruhig wurde. Es kam nachts an die Tür des Zimmers der Mutter und war dann sehr verängstigt. Wurde schreckhaft, zitterte häufig am ganzen Körper.“ Als verhängnisvoll für die Familie erweist sich die Alkoholkrankheit des Vaters, die vermutlich durch das berufliche Umfeld zusätzlich gefördert wird. Der frühe Tod des Vaters 1921 ist ein schwerer Einschnitt. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich der gesundheitliche Zustand der damals sechsjährigen Anna deutlich verschlechtert. Als Anna 16 Jahre alt ist, wird sie in der Kinderklinik in Bonn untersucht. Die Diagnose lautet „Schwachsinn erheblichen Grades“. In Bezug auf ihren schulischen Werdegang ist zu erfahren: „Wurde von der Volksschule nach kurzer Zeit der Hilfsschule überwiesen. Kam dort aber auch nicht gut mit. Blieb in der Schule bis zum 14. Lebensjahr. Versteht alles, was man ihr sagt. Ist willig, folgsam, verträglich. Kann lesen, schreiben und rechnen, das letztere nur sehr schlecht. Ihre Schul- und Allgemeinkenntnisse werden als sehr gering eingestuft werden. Ihre Gedächtnisleistungen liegen etwa auf dem Niveau eines elfjährigen Mädchens. Gleichzeitig wird vermerkt, dass sie charakterlich gutmütig und willig sei und wohl erzieherisch in keiner Hinsicht Schwierigkeiten bereiten dürfte.

Foto: Anna Lehnkering
Das Bild zeigt die vierjährige Anna mit ihrer Mutter 1919, etwa zu der Zeit als die Eltern eine Veränderung von Annas Entwicklung bemerken.

„Zu Hause kann sie ganz gut mithelfen. Kann auch Besorgungen und Einkäufe erledigen“, heißt es in der Akte. So verbringt Anna die nächsten Jahre im Elternhaus und verrichtet leichte Hausarbeiten, die in dem großen Geschäftshaushalt natürlich immer anfallen. Ihre jüngeren Brüder erleben sie in jener Zeit als ein liebes, sanftmütiges Mädchen, als hilfsbereite große Schwester, die gerne mit ihnen spielt. Bis zu Annas 19. Lebensjahr wächst sie alles in allem - trotz der vielen Arbeit und Hektik des Geschäftshaushalts - in einer behüteten Welt auf. Die 16-jährige Anna wirkt auf die Untersuchenden infantil und ängstlich. Sie wird als schüchtern, ruhig und zurückhaltend beschrieben und wirkt in allem, was sie tut und spricht außerordentlich langsam und antriebsarm. Gleichzeitig wird vermerkt, dass sie charakterlich gutmütig und willig sei und wohl erzieherisch in keiner Hinsicht Schwierigkeiten bereiten dürfte. (Ein Foto der 16-jährigen Anna aus der Bonner Patientenakte.) Am 2. November 1935 wird Anna auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Ev. Krankenhaus der Stadt Mülheim an der Ruhr zwangssterilisiert. Nur ein Jahr später - im Dezember 1936 – wird sie in die Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau eingewiesen. Die Diagnose dort unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Bonner Diagnose. Sie lautet: „Angeborener Schwachsinn. Ursache: Erblichkeit. Die geistige Störung ist von Anfang an als Schwachsinn aufgetreten.“ Zwischen Dezember 1936 und Februar 1940 gibt es viele Eintragungen in Annas Krankenakte, die ihren seelischen und körperlichen Verfall dokumentieren. Sie sind teilweise in einer unsäglichen Sprache verfasst, weit entfernt von dem, was wir heute unter einer medizinischen Fachsprache verstehen. Zwischen den Zeilen kann man lesen, wie verzweifelt Anna gekämpft und gelitten haben muss. Am Tag ihrer Aufnahme ist sie noch ruhig und verträglich. In den ersten Wochen weint sie viel, möchte nach Hause. Dann wird sie als zunehmend schwierige Patientin beschrieben. Es heißt unter anderem: Sie „verweigert die Arbeit, hetzt andere Kranke auf“, ist „unsauber“ und „muss zur Ordnung angehalten werden“. Sie „ist weder im Schälkeller noch in der Feldkolonne zu gebrauchen“. Wie verräterisch Sprache sein kann, zeigen Vermerke wie „sie plärrt, sie ist läppisch“. Der Gipfel menschenverachtender Bemerkungen ist die Notiz, dass Anna „lästig“ sei. Weder Anna noch ihre Familie ahnen, dass Hitler im Herbst 1939 verfügt hat, man könne unheilbaren Kranken den "Gnadentod" (Euthanasie) gewähren. Im Rahmen der „Aktion T4“ werden alle Heil-und Pflegeanstalten „planwirtschaftlich“ erfasst und erhalten zu „statistischen“ Zwecken Meldebögen, anhand derer die Patienten und Patientinnen zur Tötung ausgesucht werden. Anna erfüllt die Selektionskriterien ihrer Mörder perfekt: Sie gilt als erblich krank und unheilbar, ist eine schwierige Kranke - vor allem - sie leistet keine produktive Arbeit. Damit ist sie im Sinne der NS-Rassenhygiene ökonomisch unbrauchbar, eine „nutzlose Esserin“, die als „lebensunwerter“ Mensch zur Vernichtung freigegeben werden kann.


(Ein Foto der etwa 17-jährigen Anna im elterlichen Garten.)

Anna ist eine von fast 2.000 Patientinnen und Patienten, die innerhalb weniger Tage im Rahmen von Massenverlegungen aus Bedburg-Hau „verlegt" werden, um Platz für ein Marinelazarett zu schaffen. Man deportiert sie und mehr als 450 Frauen und Männer am 6./7. März 1940 nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Anna ist 24 Jahre alt, als ihr Leben am 7. März 1940 in der Gaskammer von Grafeneck ausgelöscht wird. Sie ist eine von etwa 300.000 Menschen, die den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen zum Opfer fielen. Das war kein „Gnadentod", sondern grausamer Massenmord. Die Opfer jedoch waren keine anonyme Masse. Sie alle hatten – wie Anna - Namen und Gesicht und jeder für sich ein einzigartiges, unwiederbringliches Leben. Es ist an der Zeit, die Geschichten dieser Menschen zu erzählen, um ihr Andenken zu ehren! Wenn aus ihrem Tod irgendetwas Gutes erwachsen könnte, dann die Gewissheit, dass sich Derartiges nie wiederholen darf!


Das Foto zeigt Anna 1935 vor dem Ev. Krankenhaus in Mülheim a.d. Ruhr, wo sie zwangssterilisiert wurde.

© Sigrid Falkenstein, im Mai 2011 Quellen: Weitere Informationen zu Anna, zur Familiengeschichte, dem Verlauf meiner Erinnerungsarbeit, sowie zur NS-„Euthanasie“ ganz allgemein sind auf der folgenden Seite zu finden: http://www.euthanasie-gedenken.de/ oder http://www.sigrid-falkenstein.de Literatur: Hermeler, Ludwig: Die „Euthanasie" und die späte Unschuld der Psychiater - Bedburg-Hau und das Geheimnis rheinischer Widerstandslegenden, Klartext Verl. 2002 Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat, Die Vernichtung lebensunwerten Lebens, Fischer Verl. 1983 Klee, Ernst: »Euthanasie« im Dritten Reich, Die Vernichtung lebensunwerten Lebens (erweiterte Neuauflage 2010) Stöckle, Thomas: Grafeneck 1940: Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Silberburg Verl. 2002 „Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940, Historische Darstellung, Didaktische Impulse, Materialien für den Unterricht, Bausteine: Texte und Unterrichtsvorschläge, Stuttgart, 2000 Internet Namensliste im Internet http://www.iaapa.org.il/46024/Claims http://www.gedenkstaette-grafeneck.de http://grafeneck.finalnet.de/

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