Anna Lorenz, geb. Rauscher

* 25. 4. 1893 -
† 5. 7. 1940 Pirna/Sonnenstein

Lorenz_Anna_1908.JPGAnna Rauscher wird am 25. April 1893 als uneheliches Kind der Schneidermeisterin Rosa Rauscher in St. Joachimsthal/Böhmen (heute Jáchymov/Tschechien) geboren.

Sie wächst in dem deutschsprachigen Bergbaustädtchen auf und besucht um 1908 für ein bis zwei Jahre in Prag eine höhere Schule, vermutlich eine Handelsschule.
Anschließend kehrt sie nach St. Joachimsthal zurück, sucht Arbeit und findet eine Anstellung als „Fräulein im Büro“ bei der Firma Böhme im 30 km entfernten Scheibenberg in Sachsen. Dort lernt sie Albert Lorenz kennen, der als Kaufmann im Büro der Firma arbeitet. Die beiden verlieben sich, verloben sich und heiraten am 26. Juni 1911.
Im Mai 1912 kommt die Tochter Lucie zur Welt. Zwei Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, vermutlich im Sommer 1916, wird Albert zum Kriegsdienst eingezogen und kommt als Soldat nach Belgien an die Front. Anna lebt mit ihrer Tochter Lucie und ihrer Mutter Rosa in der Wohnung in Scheibenberg.
Irgendwann in dieser Zeit erkrankt Anna. Heute würde man ihren Zustand wohl als schizophrene Psychose bezeichnen. Im Dezember 1917 schreiten die Behörden ein (der Auslöser für diesen Schritt ließ sich nicht ermitteln). Am 26. Dezember 1917 erhält Albert ein Telegramm: „Frau schwer krank. Sofortige Einlieferung Landesirrenanstalt Zschadraß nötig. Bürgermeister Scheibenberg.“ Albert wird von der Front beurlaubt, kehrt nach Scheibenberg zurück und bringt seine Frau in die 90 Kilometer entfernte Landesheil- und Pflegeanstalt in Zschadraß.

Dort lebt Anna unter extrem schlechten Bedingungen. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs mangelt es in psychiatrischen Anstalten an Ärzten, Pflegern und Schwestern, an Nahrung, an Seife und warmem Wasser. Im Jahr 1918 stirbt jeder vierte Insasse in Zschadraß an den Folgen der katastrophalen Zustände. Anna überlebt, magert aber stark ab.
Annas Erkrankung ist damals noch nicht heilbar. Es gibt noch keine Medikamente („Psychopharmaka“) und die Psychiatrie als Wissenschaft steht noch am Anfang. Patienten erhalten Beruhigungs- und Schlafmittel, Dauerbäder oder arbeiten, wenn sie können, auf dem Anstaltsgelände zum Beispiel im Garten und den Werkstätten mit.

Zunächst hoffen die Ärzte bei Anna auf eine Selbstheilung, die bei etwa einem Drittel der schizophrenen Patienten innerhalb eines Jahres von alleine eintritt. Doch die Selbstheilung bleibt aus. Anna wird zu einem chronischen Fall.
Albert unternimmt nach Kriegsende mehrere Anläufe, um seine Frau aus der Anstalt zu holen. Die Ärzte raten ihm mit der Begründung ab, Annas Zustand habe sich nicht verbessert.
Unterdessen verschlechtert sich die Beziehung zwischen den beiden. Anna erklärt ab 1919 immer wieder, dass sie sich von ihrem Mann scheiden lassen wolle, weil er sie in die Anstalt gebracht habe. Stattdessen wolle sie den König von Sachsen heiraten, schließlich sei sie am sächsischen Fürstenhof erzogen worden.
Ihr Größenwahn begleitet sie noch viele Jahre. Sie gibt sich selbst Adelstitel, behauptet, dass sie viele Schlösser besitze. Heute verstehen Psychiater Größenwahn als Versuch, das durch die Schizophrenie zerbrochene Ich wieder aufzubauen. Kranken mit einer unklar gewordenen inneren Welt gibt das Sicherheit.

Albert versteht das alles nicht. Er lässt sich im Sommer 1920 nach einer beruflichen Zwischenstation im Harz wieder im Erzgebirge nieder, dieses Mal in Lauter. Im Haushalt leben jetzt seine Tochter Lucie, seine geschiedene Schwester Martha sowie deren halbwüchsiger Sohn Albert. Anfang 1922 holt er seine Frau gegen ärztlichen Rat und auf eigene Verantwortung aus der Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß heraus.
In Lauter wird Anna sofort schwanger, Anfang Oktober kommt ihr Sohn Erich zur Welt. Offenbar ist die Situation in der Familie so schwierig, dass Albert seine Frau Anfang 1923 wieder in die Psychiatrie bringt, dieses Mal in die Universitäts- und Nervenklinik Leipzig. Er hofft, dass die Fachärzte dort seiner Frau helfen können und bezahlt wochenlang einen höheren Beitragssatz, damit Anna in der Klinik bleiben und weiter untersucht werden kann.
Doch die Ärzte sehen keine Chancen auf Heilung. So kommt Anna wieder in eine Landes- und Pflegeanstalt, dieses Mal nach Dösen im Stadtsüden von Leipzig. In Leipzig leben inzwischen Annas Mutter Rosa sowie einige Geschwister von Albert. Anna bekommt regelmäßig Besuch.

1924 lässt Albert sich von seiner Frau scheiden. Seiner Tochter Lucie gegenüber begründet er das damit, dass er seinen Kindern eine neue Mutter suchen will. Dem Sohn Erich wird erzählt, seine Mutter sei bei der Geburt gestorben. Er erfährt erst als Jugendlicher durch einen Zufall, dass und wo sie lebt. Sein Vater verbietet ihm jeden Kontakt mit der Mutter, der Junge fügt sich. Seine ältere Schwester dagegen schreibt der Mutter regelmäßig Briefe und schickt ihr Päckchen zu den Geburtstagen und zu Weihnachten. Auch Anna schreibt an Lucie. Zehn dieser warmherzigen, liebevollen Briefe aus den Jahren 1920 bis 1936 sind erhalten. Sie zeigen, dass die Patientin trotz ihrer psychischen Erkrankung mit ihren Kindern guten Kontakt halten konnte. Sie will immer wissen, wie es ihnen geht, ob sie im Winter rodeln können oder der Osterhasen genug Schokolade gebracht hat.
Im Jahr der Scheidung wird Anna nach Untergöltzsch verlegt. Dort ist sie sehr unruhig. Albert erhält Ende 1924 gehäuft Rechnungen über zertrümmerte Fensterscheiben, zerrissene Kopfkissen und zerbrochenes Geschirr (obwohl die beiden geschieden sind, bezahlt Albert weiter den Unterhalt). Vielleicht ist diese Unruhe ein Symptom ihrer Erkrankung, vielleicht rebelliert sie damit aber auch gegen das System. Seit Jahren lebt Anna in großen Schlafsälen ohne Privatsphäre, zusammengepfercht mit anderen unruhigen Patienten. Es gibt für sie keine Perspektive mehr für ein Leben außerhalb der Anstalt. Die Chancen auf eine späte Genesung sind gering. Ungeheilt wird sie nicht zu ihrem nun geschiedenen Mann zurückkehren können.

1928 wird Anna wieder verlegt, dieses Mal in die Landesheil- und Pflegeanstalt Hubertusburg. Dort erlebt sie die Weltwirtschaftskrise, die in den Anstalten zu drastischen Sparmaßnahmen führt: Fleisch wird rationiert, statt Kaffee gibt es Kaffee-Ersatz, Personal wird reduziert und die Wochenarbeitszeit der verbleibenden Kräfte erhöht. Man kann vermuten, dass Anna diese Einschränkungen zu spüren bekommt. Doch in den beiden erhaltenen Briefen an ihre Kinder klagt sie nicht darüber.
1932 wird Anna Lorenz nach Arnsdorf verlegt. Diese Heil- und Pflegeanstalt galt in Sachsen als Verwahranstalt für chronisch Kranke. Anna ist nun ein „hoffnungsloser“ Fall. Die Anstalt teilt mit, der Gesundheitszustand habe sich nicht geändert. Sie äußere eine Menge „phantastischer Wahnideen“ und beschäftige sich meist mit Stricken.
Sie schreibt weiter Briefe an ihre Kinder, aus der Zeit bis 1936 sind noch sechs Stück erhalten. Mal sinniert sie über die „Lorausch Weltenkörper“, auf denen sie nun zu Hause sei, mal ist sie ganz mit der realen Welt verbunden, gratuliert ihrem Sohn Erich zur Konfirmation oder schickt herzliche Weihnachtsgrüße.

Aus den letzten vier Jahren ihres Lebens ist lediglich bekannt, dass sie körperlich weiterhin relativ gesund war.
Am Morgen des 5. Juli 1940 wird sie in der Anstalt Arnsdorf von einem grauen Bus abgeholt, nach Pirna gebracht und vermutlich noch am gleichen Tag ermordet. Ihre Tochter Lucie erhält zwei Wochen später ein Trostschreiben und eine gefälschte Todesurkunde aus Grafeneck in Württemberg, in der als Todesursache „Herzmuskelschwäche“ eingetragen ist. Die Familie fordert die Urne aus Grafeneck an und setzt sie in Zwickau bei. Das Grab existiert heute nicht mehr.

Mehr Informationen: www.danielamartin.de

Daniela Martin, „… die Blumen haben fein geschmeckt“. Das Leben meiner Urgroßmutter Anna L. (1893–1940), Dresden: Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft 2010 (Reihe Lebenszeugnisse – Leidenswege, Heft 21), 8,50 Euro, ISBN 978-3-934382-23-7.

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