Else Netzband, geb. Rost

* 21. 8. 1888 Berlin –
† 24. 3. 1944 Obrawalde

Netzband_Else.jpgElse Rost wurde am 21. August 1888 in Spandau geboren. Dort besuchte sie auch die Volksschule bis zur 4. Klasse (damals schloss man die Schule mit der 1. Klasse ab). Das Lernen war ihr schwergefallen, schreiben hatte sie kaum gelernt, rechnen ein wenig mehr.

Bei ihrer ersten psychiatrischen Aufnahme am 2. Februar 1937 in die Heil- und Pflegeanstalt Berlin-Buch glaubte Else Netzband, sich im Jahr 1933 zu befinden, und gab an, 59 Jahre alt zu sein. Ihr unehelicher Sohn sei 31 Jahre alt, verheiratet, habe keine Kinder. Das Jahr ihrer Eheschließung konnte sie nicht nennen, nur, dass es im Monat Mai gewesen und dass sie etwa fünf Jahre verheiratet gewesen sei. Ihre Scheidung lag angeblich fünf oder sechs Jahre zurück. Nach der Scheidung hatte sie vier Jahre am Hökerwagen im Obstverkauf gearbeitet; den Wagen hatte sie selbst ziehen müssen. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hatte sie keine eigene Wohnung und lebte im städtischen Obdachlosenheim in der Nordmarkstraße in Berlin-Wedding.
Die Aufnahme in Berlin-Buch erfolgte, weil sie an einer „Involutionspsychose“, also einer psychischen Störung im höheren Lebensalter, „bei angeborenem Schwachsinn“ litt. Im Aufnahmebericht heißt es: „Die Kranke sitzt mit depressivem Gesichtsausdruck im Wagen. Sie antwortet auf Anrede nicht.“ Auch bei der Befunderhebung am folgenden Tag war sie regungslos, blieb stets in der gleichen Haltung sitzen und schien keinen Anteil an ihrer Umgebung zu nehmen. Auf die Fragen des Arztes war sie jedoch bereit zu antworten. Sie wähnte sich in einem Kinderheim und bat, für immer bleiben zu dürfen. In den Verlaufseintragungen wurde vermerkt, dass sie sehr unruhig, laut und auch unrein war; außerdem verließ sie ständig das Bett. Als sie etwas ruhiger geworden war und den Wunsch nach Beschäftigung geäußerte hatte, wurde sie in ein anderes Haus verlegt und konnte in der Schälküche arbeiten.
Im Dezember 1937 kam der Sohn, Paul Rost, zu Besuch; die Ärzte notierten, dass er einen schwachsinnigen Eindruck machte; deswegen gestatteten sie Else Netzband keine Beurlaubung zu ihrem Sohn. Im April 1938 wurde Else Netzband stuporös (Zustand ohne erkennbare psychische und körperliche Aktivität); sie war somnolent (schläfrige Form gestörten Bewusstseins), ihr Zustand wurde als akinetisch (bewegungslos) beschrieben. Erst ab Juni ging es ihr besser. Ihr Verhalten war freier, sie antwortete wieder auf Fragen, konnte allerdings zu der durchgemachten Erkrankung keine Angaben machen. Für eine organische Ursache ihrer Beschwerden wurde kein Anhaltspunkt gefunden.
Im März 1940 stellte der Sohn einen erneuten Antrag auf Beurlaubung seiner Mutter, diesmal mit Erfolg. Auf Initiative der Säuglingsfürsorge Wedding wurde Else Netzband jedoch bald darauf in die Anstalt zurückgebracht. Man hatte festgestellt, dass der Sohn mit seiner Frau und einem Säugling in einem 18 m² kleinen Kellerraum lebte. Dort standen nur zwei Betten, als Beleuchtung diente eine Kerze. Frau Netzband, so die Auskunft, lebte in ständigem Streit mit der Schwiegertochter, die wenige Tage vor ihrer Niederkunft stand. Hilfestellung bei der Geburt des Kindes lehnte die Familie ab.
Am 24. April 1940 wurde Else Netzband von Berlin-Buch aus in die Pflegestelle zu Frau Alisch in die Hermsdorfer Straße 8 in Reinickendorf gegeben. Zwei Monate später wurde sie zur weiteren Betreuung in die Heil- und Pflegeanstalt Herzberge überwiesen, verblieb aber in ihrer Pflegestelle, obwohl sie – so ein Eintrag in ihrer Akte – „wenig Lust zur Arbeit“ hatte und deshalb für eine Pflegestelle an sich wenig geeignet schien. In den folgenden Eintragungen, die erst wieder im Februar und März 1943 vorgenommen wurden, heißt es: „Folgt nicht den Anweisungen, sollte verlegt werden.“ In dieser Zeit war sie einmal aus ihrer Pflegestelle fortgelaufen, nach Buch gefahren und hatte gebeten, dort bleiben zu dürfen.
Am 1. April 1943 wurde Else Netzband von „Heilherz“ in die Verwaltung der Wittenauer Heilstätten übernommen. Sie verblieb zunächst in der Pflegestelle bei Frau Alisch, die sie aber am 1. Februar 1944 in die Anstalt Wittenau zurückbrachte, weil Else Netzband häufiger in Erregungszustände geraten war, besonders bei Bombenalarm. Sie sei „nicht mehr tragbar für die Pflege“. Else Netzband selbst berichtete dagegen, dass sie einen bösen Arm habe. Eine Untersuchung ergab eine Unterarmfraktur, die schon über zwei Wochen bestand. Auf die Frage, warum sie bei Alarm so unruhig gewesen sei, antwortete sie: „Weil ich die Blinde immer zur Arbeit bringen musste.“ Außerdem habe sie einholen und Zimmer aufräumen müssen. Auf die Frage, mit wem man Krieg habe, antwortete sie: „Mit dem Führer.“
Am 24. Februar 1944 wurde sie zur Verlegung nach Obrawalde vorgeschlagen und am 1. März 1944 mit einem Sammeltransport dorthin gebracht. Am 22. März wurde eine „Grippe“ diagnostiziert; am 24. März 1944 starb Else Netzband an einer angeblichen „Herzschwäche bei Grippe“. Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes aber darauf schließen, dass die pflegebedürftige Frau kurz nach ihrer Ankunft in Obrawalde in einem dort tausendfach geübten Verfahren mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Die Biografie wurde von Christina Härtel erarbeitet.

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