Olga Lisitzki

*10.6.1889 Stegers Kreis Schlochau
24.7.1940 Brandenburg/Havel

Der Leidensweg von Olga Lisitzki wird durch einen glücklichen Zufall erst ans Licht gebracht: ihre Krankenakte befindet sich in einem zufälliggefundenen Lager von T4 Akten.

Olga Lisitzki war Arbeiterin. Ludwig Russ, der erste Mann von Olga, war 1916 gefallen, ihr erstes Kind, eine Tochter, starb an Unterernährung im ersten Weltkrieg.

Deshalb verwundert es umso mehr, dass sie 1917/18 einen russischen Kriegsgefangenen, Michael Lisitzki, kennen und lieben lernt. Eine Witwe beginnt eine Liebesgeschichte mit einem Gefangenen noch im Krieg und dazu auf dem Dorf, wo jeder sie kennt - eine starke Frau, die weiß was sie will oder eher traumatisiert durch die erlebten Verluste.

 Sie bekommen zwei Söhne. Erst danach heiratet Olga 1921 den inzwischen staatenlosen ehemaligen russischen Kriegsgefangenen. Die Familie zieht der Arbeit wegen relativ früh nach der Geburt des zweiten Sohnes nach Bochum. Hier besteht die Familie die Anforderungen und Probleme eines jungen Familienlebens nicht. Sie wohnen im Armenviertel von Bochum und sicher begegnen ihnen viele Vorurteile so frisch nach dem verlorenen Krieg. Olga geht mit den kleinen Kindern 1922 schon zurück in die Heimat und reicht die Scheidung ein.

Als allein erziehende Mutter sucht sie die Unterstützung ihrer Eltern und Schwester, lässt die Söhne bei den Großeltern und sucht Arbeit auf den Dörfern. Spätere Schilderungen u.a. vom evangelischen Pfarrer ihres Wohnortes Stegers vom 23.4.1926 deuten auf zunehmende psychische Auffälligkeiten. Ob es die hohe Arbeitslosigkeit auf dem Dorf ist, ihre zunehmende Überforderung oder eine psychatrische Erkrankung, die zu dem ständigen Arbeitsortwechsel führen, lässt sich nicht mehr klären. Im März1926 reist sie zu ihrer Cousine nach Eberswalde. Dort erscheint Olga Lisitzki wohl sehr aufgebracht auf dem Wohlfahrtsamt und verlangt nach Reisegeld, um "zum Reichspräsidenten" zu fahren. Als soeben geschiedene Witwe aus dem ersten Weltkrieg stehe ihr Witwenrente zu und da alle Behörden wohl bisher ihr das verweigert haben (und sie sicher in finanzieller Not ist) will sie nach Berlin fahren und ihre Rechte selber einfordern. (Später werden die Behörden feststellen, dass Olga Lisitzki bei ihrem Erscheinen hier in Eberswalde tatsächlich gerade 4 Wochen geschieden ist und damit ihr Ansinnen auf Witwenrente nicht unvernünftig ist). Ihr Auftreten muss so voller Wut und Not gewesen sein, dass sie jede Vernunft und jedes Benehmen vergisst. Dazu kommt ein massiv auffallendes pathologisches Verhalten. Ihre Aussagen sind wirr, sie gibt wohl an, Stimmen zu hören und ist sehr beleidigend. Die Polizei von Eberswalde wird eingeschaltet die sie am 22.3.1926 in die Anstalt Eberswalde einliefert. Als Einlieferungsgrund wird dokumentiert: "Die Untersuchte hat keinen ständigen Aufenthaltsort. Sie wird von hier aus auf alle mögliche Weise nach Berlin streben und dort womöglich in unrechte Hände geraten".

 

Eingang des Martin Gropius Krankenhauses Von Ralf Roletschek - Eigenes Werk, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10651794

Eingang des Martin Gropius Krankenhauses Von Ralf Roletschek - Eigenes Werk, GFDL 1.2, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10651794

Der Aufnahmearzt vermerkt, dass Olga Lisitzki Stimmen höre und verwirrt rede, wäre aber über Person, Zeit und Ort orientiert. Er diagnostiziert eine "einfache Seelenstörung"
Ab hier nun kann man das weitere: Leben von Olga nur durch die immer weniger werdenden Einträge des Pflegepersonals in ihrer Krankenakte verfolgen. Darin befinden sich auch verzweifelte Schreiben von Olga an das Landgericht Stettin mit der Bitte, ihre Kinder sehen zu dürfen. Auf die regelmäßigen Anfragen der Ämter, die für den Aufenthalt zahlen, nach dem Gesundheitszustand von Olga kommen kurze Zusammenfassungen der Anstaltsleitung mit der gleichzeitigen Bitte, den Klinikaufenthalt weiter zu genehmigen.

1931: "Frau Olga Lisitzki ist noch ganz von Wahnbildungen beherrscht und geistig hochgradig verwirrt. Sie befindet sich meistens in fröhlicher Stimmung, kümmert sich wenig um ihre Umgebung und ist verträglich. Die Kranke beschäftigt sich fleissig mit leichteren Arbeiten im Hause, sie ist sauber und befindet sich körperlich wohl. Weitere Anstaltsbehandlung ist geboten." [Krankenakte, Eberswalde, den 30.5.1931]

Die anfänglich monatlich, später jährlichen Eintragungen im Krankenblatt zeigen eine eigentlich ruhige Frau, die auch bei Krankheit verlässlich zur Arbeit auf dem Feld oder in die Wäscherei geht. Sie wird immer als fleißig und sauber beschrieben. Sie hört Stimmen, schimpft vor sich hin und möchte manchmal mit anderen Namen angesprochen werden. Sie lässt sich ungern untersuchen oder anfassen ("Widerspenstig. Wollte sich nicht baden lassen. Wird isoliert" Krankenakteneintrag von 1929). Manchmal wird sie ohne Vorwarnung aggressiv. Sie macht zwei Fluchtversuche oder verprügelt einige Male eine andere Patientin. Ob es einen Anlass gab wurde nicht beschrieben, das Verhalten wird immer der nun diagnostizierten Schizophrenie zugeschrieben. Unruhe und extreme Ruhe bis zur Stumpfheit wechseln sich ab. Ihr Schimpfen scheint lauter zu werden, eine Kommunikation scheint im Laufe der Jahre immer unmöglicher. Ob sie medikamentös oder mit anderen experimentellen Therapieversuchen behandelt wurde ist nicht dokumentiert. Am 13.6.1936 legte die Anstalt ein "Vorblatt für zu sterilisierende Kranke" an. Zur Zwangssterilisation kam es aber nicht mehr, da Olga Lisitzki als zu alt für einen solchen Eingriff galt.

Eine Beschreibung ihres Zustandes vom 12.6.1940: "...sie ist recht verkehrt, verwirrt und stumpf".

Die Einschätzung stammt aus einem Schreiben an den inzwischen fast erwachsenen Sohn Olga Lisitzkis, der sich nach Besuchszeiten erkundigt hatte. Die Anstaltsleitung teilte diese auch mit; sie sei täglich von 9-11 und von 15-17 Uhr besuchbar. Die Angehörigen hatten auch schon vorher, im Juli 1939, Kontakt gesucht und waren vom Personal gewarnt worden, dass eine Verständigung "nicht aussichtsreich erscheint". Eine Korrespondenz sei völlig zwecklos, weil Olga Lisitzki "stumpf und interesselos" sei. Dieses Schreiben war eine Antwort auf die sehr dringend formulierte Bitte des Sohnes von Olga Listizki, Otto, um Auskunft darüber, wie der Gesundheitszustand seiner Mutter sei und "am Leben ist". Auch noch eineinhalb Monate vor der Ermordung seiner Mutter hatte Otto dann noch einmal die Anstalt aufgefordert, "sofort Bescheid zu geben". Eine Antwort auf diesen Brief -sollte es sie überhaupt gegeben haben- ist nicht erhalten.

Am 24.7.1940 wurde von der Anstalt ein Vermerk angelegt, dass "[a]uf anordnung des Reichsverteidiungskommissars (...) die Witwe Olga Lisitzki heute endgültig entlassen" worden sei. Dies war ein Täuschungsmanöver, um den Abtransport nach Brandenburg an der Havel zu rechtfertigen. Dort wurde Olga Lisitzki am selben Tag in der Gaskammer ermordet. Der Familie wurde mitgeteilt, dass Olga Lisitzki in der Anstalt Eberswalde an Lungenentzündung verstorben sei. Erst 1999 erfuhr die Familie die Wahrheit.

Der geschiedene Mann Michael Lisitzki wurde 1933 in Bochum bei einem Verhör von der Polizei zu Tode geprügelt.

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