Sigrid Röhling

3. 4. 1941 Berlin
1943 Berlin

igrid Röhling wurde am 3. April 1941 in Berlin geboren; sie wurde nur zwei Jahre alt. Die letzten acht Monate ihres Lebens verbrachte sie in der Städtischen Nervenklinik für Kinder „Wiesengrund“ und ist dort auch gestorben.Ihr erstes Lebensjahr verlebte Sigrid bei der Familie. Schon kurz nach ihrer Geburt beobachteten die Eltern Krampfanfälle, die ab dem fünften Lebensmonat zunehmend stärker und häufiger auftraten; auch entwickelte sich Sigrid nicht altersgemäß.
Sigrids Vater war Fleischermeister, ihre Mutter arbeitete in der eigenen Fleischerei mit. Sigrid hatte eine vier Jahre ältere, gesunde Schwester. Die Mutter erwartete zum Zeitpunkt von Sigrids Aufnahme in der Klinik ihr drittes Kind.

Mit fünf Monaten kam sie deshalb für einige Tage zur Beobachtung ins Säuglingsheim Weißensee. Hier wurden eine geistige Behinderung (Debilitas) und Krampfanfälle festgestellt. Mit zehn Monaten wurde sie in der Kinderpoliklinik der Charité vorgestellt. Hier lautete die Diagnose „Idiotie“. Sigrid wurde dem „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ gemeldet. Wenig später wurde sie Ernst Wentzler vorgestellt, einem der drei Gutachter, die für den „Reichsausschuss“ Kinder hinsichtlich ihres „Lebenswerts“ begutachteten; „lebensunwerte“ Kinder wurden in eigens eingerichtete „Kinderfachabteilungen“ zur Tötung eingewiesen. Auf Veranlassung des „Reichsausschusses“ brachte die Mutter Sigrid im Alter von eineinhalb Jahren in die „Fachabteilung Wiesengrund“, aus der sie nicht mehr nach Hause zurückkehrte.
Es muss offenbleiben, ob die Mutter ahnte, was ihrer Tochter im „Wiesengrund“ bevorstand. Bekannt ist jedoch, dass Familien mit schwerbehinderten Kindern diskriminiert und unter Druck gesetzt wurden und in der damaligen Zeit ein erhebliches Durchhaltevermögen zeigen mussten, wenn sie sich der Behandlung ihrer Kinder in der Klinik widersetzten.
Der Pflegebericht beschreibt Sigrids letzte Monate: Von Anfang an war sie ein sehr unruhiges Kind, das über lange Zeiträume weinte. Häufig hatte sie Fieberschübe und musste sich erbrechen. Es traten Krampfanfälle auf, deren Schwere und Häufigkeit sich steigerten. Zwei Monate nach der Aufnahme in der Klinik wurde Sigrid auf den Heimkostensatz gesetzt, der viel geringer als der normale Kliniksatz war. Zuletzt verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Sie hatte keinen Appetit mehr, konnte kein Essen bei sich behalten, weinte stundenlang. Ihre Händchen wurden festgebunden, damit sie sich nicht zerkratzte.
Sigrid gehörte im „Wiesengrund“ zu den Kindern, an denen ein neuer Tuberkuloseimpfstoff erprobt wurde. Dazu wurden Kinder mit abgetöteten Tuberkelbazillen geimpft, um die Reaktion auf die Impfung zu beobachten. Die Impfstellen entwickelten sich zu stark eiternden Geschwüren, die den Kindern unsägliche Qualen bereitet haben müssen. Sigrid wurde mindestens einmal geimpft. Aus dem Pflegebericht geht hervor, dass die Impfwunde sich einen Monat vor ihrem Tod entzündete und stark eiterte.
Außerdem wurden bei Sigrid Luftencephalografien vorgenommen, eine schmerzhafte und gefährliche Untersuchungsmethode, die dazu diente, Röntgenaufnahmen des Gehirns machen zu können. Nach der zweiten Encephalografie erlitt Sigrid einen schweren Krampfanfall, an dem sie verstarb.
Nach ihrem Tode wurde ihr Körper obduziert. Der Mutter, die Informationen über das Sektionsergebnis wünschte, wurde mit entschuldigenden Worten mitgeteilt, dass der Bericht noch nicht vorliege, jedoch kein erbliches Leiden bestanden habe.

Die Biografie wurde von Viola Mönter erarbeitet.

nach oben