Ruth Pappenheimer

8. November 1925 Frankfurt/Main
23. Oktober 1944 Kalmenhof (Idstein)
Ruth Pappenheimer

 

Am 23. Oktober 1944 fertigt das Standesamt Idstein eine Sterbeurkunde für die am 8. November 1925 in Frankfurt am Main geborene Ruth Pappenheimer aus. Verantwortlich für die darin enthaltenen, unrichtigen Angaben zeichnet der seit Mai 1944 im Idsteiner Kalmenhof als Anstaltsarzt beschäftigte Mörder der jungen Frau, Hermann Wesse.

Ruth Pappenheimer im Alter von etwa 15 Jahren Foto: Privat

Ruth Pappenheimer im Alter von etwa 15 Jahren Foto: Privat

Das Dokument weist als Todesursache des „Anstaltspfleglings unbekannter Eltern", der um 10.00 Uhr morgens verstorben sei, „Bronchopneumonie, Herz- und Kreislaufschwäche" aus. Bewusst falsche Angaben zur Todesursache entsprachen gängiger Praxis bei den vielen hundert in der „Kinderfachabteilung" des Idsteiner Kalmenhofs Ermordeten.1 Tatsächlich wurde Ruth Pappenheimer in der „Kinderfachabteilung“ des Krankenhauses am Idsteiner Kalmenhof durch zwei im Abstand von mehreren Stunden verabreichten Morphiumspritzen planvoll getötet. Der Mörder Ruth Pappenheimers führt im Prozessgeschehen der Jahre 1946/1947 aus, Ruth Pappenheimer sei „völlig asozial“ gewesen.2

Sterbeurkunde Ruth Pappenheimer Quelle: Lagis Hessen

 Sterbeurkunde Ruth Pappenheimer Quelle: Lagis Hessen

 In der für Ruth Pappenheimer ausgefertigten Sterbeurkunde fällt die Angabe zu den vorgeblich „unbekannten Eltern“ auf. Die familiäre Herkunft des Fürsorgezöglings Ruth Pappenheimer war, wie aus allen zur Verfügung stehenden Akten hervorgeht, durchaus bekannt. Ihre Mutter war evangelischen, der Vater jüdischen Bekenntnisses.
Infolge dessen war sie in der NS-Zeit mit dem rassistischen Etikett „Mischling“ belegt. Im Geltungsbereich des Bezirksverbands Nassau, in dem 1943 in Hadamar eine Tötungsabteilung3 für „nicht-arische“ Fürsorgezöglinge eingerichtet worden war, zog dieser Umstand hohen Verfolgungsdruck nach sich.

Krankenhaus des Kalmenhofes, in dem Ruth Pappenheimer am 20. Oktober 1944 ermordet wurde. Foto: Hartmann-Menz 07/2015

Krankenhaus des Kalmenhofes, in dem Ruth Pappenheimer am 20. Oktober 1944 ermordet wurde. Foto: Hartmann-Menz 07/2015

 Herkunft

Ruth Pappenheimer4 war die Tochter des aus Dornheim bei Groß-Gerau stammenden Julius Pappenheimer5, der am 5. März 1892 geboren und am 11. Juli 1942 nach Sobibor deportiert und dort ermordet wurde.
Die Eheschließung der Eltern erfolgte am 5. August 1925, rund drei Monate vor der Geburt Ruths, des ersten Kindes der Familie. Zur Mutter Ruths, der am 20. 1897 geborene Marta, geborene Noll-Hussong, liegen wenige Informationen vor.
Seit Juni 1926 war die Familie Pappenheimer in Sprendlingen gemeldet. Über Langen zog sie nach Frankfurt am Main. Dort war Julius Pappenheimer als Kaufmann tätig.
Kurz nach der Geburt (26. März 1928) des zweiten Kindes der Familie, Alfred,6 erkrankte Marta Pappenheimer schwer, weswegen ihre Tochter Ruth ab dem dritten Lebensjahr vorwiegend bei ihrer Großmutter in der Krifteler Straße 103 im Frankfurter Gallusviertel lebte. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise war Julius Pappenheimer über einen längeren Zeitraum ohne Beschäftigung.
In seiner Devisenakte gibt er an, Wohlfahrtsempfänger" gewesen zu sein7. Seit dem Jahr 1933 war er nach eigenen Angaben als Arbeiter, später bei der Frankfurter Firma Teves beschäftigt.
Aus der Fürsorgeakte der Tochter Ruth ist zu schließen, dass das Zusammenleben in der Familie wegen der unterschiedlichen Glaubenszugehörigkeit und aufgrund der politischen Ausrichtung, insbesondere der Großmutter mütterlicherseits, problembehaftet war. Neffe und Nichte Julius Pappenheimers, in den Jahren 1925 und 1930 geboren, erinnern sich an gemeinsame Unternehmungen, jedoch auch von Verunglimpfungen, welchen Ruth seitens ihrer Großmutter aufgrund ihrer Abstammung von einem jüdischen Vater ausgesetzt war.
Die Großmutter soll unter dem Einfluss eines Bekannten gestanden haben, der im gleichen Haus wie die Familie Noll-Hussong im Frankfurter Gallusviertel wohnte und als frühes Mitglied der NSDAP politisch und ideologisch agierte. Nach Angaben des im Jahr 1925 geborenen Neffen von Julius Pappenheimer habe die Großmutter ihre Enkelin Ruth insbesondere dann wegen ihrer jüdischen Herkunft beschimpft, wenn diese sich ihrer Auffassung nach nicht angemessen verhalten habe.8

Ruth Pappenheimer und ihr Cousin Julius im Karnevalskostüm gegen Ende der 20er Jahre Foto: privat

Ruth Pappenheimer und ihr Cousin Julius im Karnevalskostüm gegen Ende der 20er Jahre Foto: privat

 Das soziale Leben der Großfamilie habe sich in Sprendlingen, also bei den Eltern von Julius Pappenheimer9 abgespielt, wohin man am Sonntag vom Frankfurter Hauptbahnhof aus „für zehn Pfennige“ mit der Bahn gefahren sei. Dieser Ausflug sei der Höhepunkt der Woche gewesen. Auch habe man die jüdischen und christlichen Feiertage gemeinsam begangen. Julius Pappenheimer habe auch die Patenschaft für seinen Neffen übernommen, der im gleichen Jahr wie dessen Tochter Ruth geboren wurde. Marta Pappenheimer verstarb am 6. März 1933 im Frankfurter Bürgerhospital.10 Daraufhin wurde die Familie getrennt. Ruth Pappenheimer lebte fortan in Frankfurt bei ihren Großeltern, der Bruder Alfred in Sprendlingen bei den Großeltern väterlicherseits.
Im Oktober 1933 wurde Julius Pappenheimer gemeinsam mit seinem Bruder Albert verhaftet und in das KZ Osthofen verbracht.11

Marta Pappenheimer mit den Kindern Ruth (mittig) und Alfred (vorne) um das Jahr 1932 Foto: privat

Marta Pappenheimer mit den Kindern Ruth (mittig) und Alfred (vorne) um das Jahr 1932 Foto: privat

 Frankfurt am Main - Dokumente aus der Fürsorgeakte

Die von der Frankfurter Behörde für Ruth Pappenheimer angelegte, umfangreiche Fürsorgeakte12 enthält neben einer Vielzahl amtlicher Schriftstücke auch Aufzeichnungen und Briefe der Großmutter Ruths, Elsa Noll-Hussong, sowie persönliche Dokumente, die eine Rekonstruktion von Persönlichkeit und Lebensweg der Heranwachsenden ermöglichen.
Ruth Pappenheimer, die im Alter von sieben Jahren nach dem Tod der Mutter Halbwaise geworden war, erwähnt in einem Schreiben13, sie sei aufgrund der Erkrankung ihrer Mutter seit dem dritten Lebensjahr bei ihren Großeltern aufgewachsen und habe keinen Kontakt zu ihren anderen Verwandten gepflegt.14 Diese Angaben, möglicherweise unter dem Einfluss der Großmutter mütterlicherseits getätigt, müssen unter Berücksichtigung der im Jahr 2013 zugänglich gewordenen Fotografien als weitgehend gegenstandslos angesehen werden.

Der gesamte Schriftverkehr zu Fragen der Fürsorgeerziehung und späterer Unterbringung des Mädchens wird über die Großmutter (mütterlicherseits) Ruths, Elsa Noll-Hussong, wohnhaft in Frankfurt/Main, Kriftelerstraße 103 abgewickelt, die mit der Betreuung des Kindes offenbar überfordert war. Sie habe es aber, so erklärt sie in einem Schreiben an „Fräulein Jost“, die zuständige Betreuerin der Frankfurter Fürsorgestelle, wegen des „Gedenkens an die früh verstorbene15 Tochter bei sich behalten wollen. Der Vater, Julius Pappenheimer wird als regelmäßiger Ansprechpartner der Fürsorgebehörde nicht benannt, nur einmal16 findet er Erwähnung in der behördlicherseits vorgebrachten Forderung nach finanzieller Beteiligung bei der Unterbringung seiner minderjährigen Tochter. Hinweise, ob der Vater in Kontakt zu seiner Tochter stand, finden sich in den Akten nicht.
Schwierigkeiten in der Erziehung des Kindes, das den Großeltern „als kleines Kind und später als Schulkind manche Freude gemacht habe“15 scheinen, glaubt man den Angaben der Großeltern, früh aufgetreten zu sein. Retrospektiv werden diese im Beschluss des Amtsgerichts17 zur Überantwortung Ruth Pappenheimers in die vorläufige Fürsorgeerziehung mit „Dickköpfigkeit“, häufigem, scheinbar grundlosem Lügen sowie einem Hang zu „Phantasie-Lügen“ und Zwecklügen“ beschrieben. Ähnliche Vorwürfe, geäußert in einem Schreiben der Arbeitgeberin Ruths während ihres Pflichtjahres18, verdeutlichen, dass es im Verlauf dieser Beschäftigung zu Konflikten gekommen sein muss; diese, wie alle weiteren Angaben zu den vorgeblichen Verfehlungen, die Ruth Pappenheimer im Beschluss über die Unterbringung in Fürsorgeerziehung zugeschrieben werden, sind objektiv nicht überprüfbar:
In der Frankfurter Hellerhof-Schule, die Ruth Pappenheimer nach „acht vollendeten Schuljahren“14 verließ, soll sie „einen höchst unanständigen Briefwechsel über sexuelle Dinge geführt … darin tonangebend gewesen sein und viele Kinder verdorben haben“.15
Die Schülerakte19 ist zur Klärung dieses Sachverhaltes nicht mehr heranzuziehen; gleiches gilt für das vorgebliche Fälschen der Betragensnote in einem Zeugnis, das Ruth Pappenheimer zur Last gelegt wird.20
Die auf behördliche Nachfrage eingereichte schriftliche Beurteilung21 durch ihre ehemalige Arbeitgeberin, Sofie Zimmer, zeichnet ein überaus negatives Bild von Ruth Pappenheimer, die im Haushalt der Familie Zimmer ihr Pflichtjahr abzuleisten hatte. Ruth, auf die sie versucht habe, „erzieherisch … einzuwirken“, habe einen „verlogenen und unaufrichtigen“ Charakter. „Aus Mitleid“ habe sie das Mädchen bei sich aufgenommen, sie sei von der Großmutter Ruths gebeten worden, das Kind wie „ihr eigenes“ zu behandeln, weswegen sie, „wenn es zu toll wurde, ihr auch einmal Eine übergewischt habe.“22
Als Beispiel für die „Verlogenheit“ führt sie u.a. an, das Mädchen habe „solange gewühlt bis die Arbeitsfront kam und glaubte, sie in Schutz nehmen zu müssen“.23 Sofie Zimmer beklagt sich in dem Schreiben an das Jugendamt nicht nur über die mangelnde „körperliche Hygiene und Sauberkeit“ des Mädchens und moniert, die aufgetragene Arbeit sei zwar erledigt worden, jedoch nur, wenn sie „scharf dahinter her war.“ Ruth sei ihr gegenüber immer „kriechend freundlich“ gewesen, „hinter ihrem Rücken“ jedoch habe dies „anders ausgesehen“.
Im Vordergrund bei den vermeintlichen, Ruth Pappenheimer zur Last gelegten Verfehlungen stehen nicht etwa Mängel bei den zu erfüllenden Pflichten im Haushalt: „Das Hässlichste … sei das ewig sich duckende, schmierige und jüdisch feige Zurückwinden … für irgendeine wenn auch noch so geringfügige Angelegenheit“.24
Aus der Beurteilung wird deutlich, dass Ruth Pappenheimer in der Beurteilung ihrer Arbeitgeberin mit der vollständigen Klaviatur antisemitischer Ressentiments belegt wird; eine Sichtweise, die behördlicherseits im Jahr 1941 unkritisch übernommen und als Tatsache akzeptiert schließlich zur Grundlage gerichtlicher Entscheidungen wird.
Der Auslöser des zur sofortigen Kündigung führenden Konflikts ereignet sich am Weihnachtsabend 1940. Ruth Pappenheimer soll sich der „Mitnahme einiger Flaschen Wein“ schuldig gemacht haben, zudem habe sie „einen guten Wollschal des Herrn Zimmer unter ihren Mantel angezogen“.25
Außerdem werden Ruth Pappenheimer vermeintliche „Soldatenbekanntschaften“ zur Last gelegt; sie habe „mit Soldaten Vergnügungslokale besucht“, „auch habe sie die Schule geschwänzt“.25 Einige der von der Großmutter offenkundig abgefangenen Briefe sind in der Fürsorgeakte erhalten geblieben; das von der Jugendlichen in der Akte gezeichnete negative Bild bestätigen sie inhaltlich nicht.
Die Klassenlehrerin Ruth Pappenheimers, die zu diesem Zeitpunkt die Berufsschule für Hauswirtschaft und Hilfsgewerbe in der Frankfurter Löwengasse besucht, verweist in ihrem an die Fürsorgestelle gerichteten Schreiben vom 5. April 1941 auf eine gänzlich unterschiedliche Problemlage: So habe Ruth, die im Sommer 1940 an Diphterie erkrankt war, deren Folgen (Mandeloperation) stationär behandelt werden mussten, an der Dienststelle keinerlei Schonung erfahren und sei in entsprechend schlechter Verfassung gewesen.
„Nach ihrer Krankenhausentlassung habe sie sofort bei der großen Wäsche mithelfen müssen, abends müsse sie bis 11 oder 12 Uhr aufbleiben, da die Hausfrau häufig ausgehe und wegen der zu erwartenden Alarme Ruth nicht erlaube, ins Bett zu gehen. Ihren Lohn habe sie kaum erhalten, es fehle ihr sogar das Fahrgeld, zur Schule zu kommen. Ihren Großeltern dürfe sie dies nicht erzählen, da diese mit der Hausfrau reden würden und sie habe dann umso mehr auszustehen. Ruth betonte immer wieder, sie wolle ihr Pflichtjahr aushalten, weil sie an Ostern in eine Lehre treten wollte. … Ruth ist eine sehr begabte, aufmerksame und fleißige Schülerin mit sehr guten Leistungen. Ihr Betragen ist still und zurückhaltend, doch freundlich. Oft macht Ruth einen gedrückten Eindruck, und häufig hat sie bei mir geweint, weil sich niemand um sie kümmere. Ruth macht noch einen recht kindlichen Eindruck. Ihre Kleidung war einfach und sauber. Vieles hat sie sich selbst genäht, was auch dementsprechend saß, doch zeigt es von ihrem guten Willen. Ruth wollte technische Zeichnerin werden und freut sich darauf, lernen zu dürfen und etwas zu werden. Nach meinen Beobachtungen als Klassenlehrerin wäre es wünschenswert, Ruth ein Heim zu geben in dem sie ihre Ordnung hätte und die Möglichkeit, sich ihrer Begabung entsprechend auszubilden.26
Ruth Pappenheimer selbst, zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt, kommt in den Akten, die ihre Überantwortung in Fürsorgeerziehung zur Folge haben, nicht zu Wort.

Das Gericht stützt sich in seiner vorläufigen Entscheidung27 vom 16. April 1941 wie auch der endgültigen Beschlussfassung vom 29. Juli ausschließlich auf die von Sofie Zimmer und der Großmutter Ruths gemachten Angaben. Das Mädchen sei „bereits verwahrlost“, wodurch „Gefahr im Verzuge“ und die rasche Umsetzung des vorläufigen Beschlusses gerechtfertigt sei.28
Die wohlwollende und differenzierende Beurteilung der Klassenlehrerin findet keinen Eingang in den Gerichtsbeschluss, da er dem Amtsgericht zum Zeitpunkt der Entscheidung offenbar nicht vorlag. Die Landes-Oberinspektorin des Bezirksverbandes Nassau zeichnet das am 5. April 1941 verschickte Schreiben am 10. April 1941 (Gründonnerstag) zwar mit „K.g.“29 als gelesen ab, leitet es aber nicht weiter. Die wohlwollende Beurteilung, die etliche der Ruth Pappenheimer belastenden Sachverhalte in einem völlig anderen Licht erscheinen lassen, findet in der Beschlussfassung des Gerichts vom 16. April 1941 keinen Niederschlag. Vielmehr heißt es: “Eine am 24.2. angeforderte Schulauskunft steht noch aus.“30
Die vermutlich aus ideologischem Kalkül gesteuerte Nichteinbeziehung des wohlwollenden Zeugnisses im Beschluss des Frankfurter Amtsgerichts zur Einweisung Ruth Pappenheimers in Fürsorgeerziehung hat weitreichende Folgen. Einmal wird es ihr unmöglich gemacht, die angestrebte, nach Aktenlage auch zugesagte Ausbildungsstelle31 anzutreten. Die mit der Beschlussfassung über Einweisung in Fürsorgeerziehung verbundenen, aktenkundig gewordenen Zuschreibungen sind mit der Biografie der Jugendlichen nun untrennbar verbunden.
Zentrale, unhinterfragte Aussagen aus dem Beschluss des Amtsgerichts (16. April 1941 und 29. Juli 1941) zur Übernahme von Ruth Pappenheimer in Fürsorgeerziehung ziehen sich über Aussagen im Kalmenhof-Prozess32 bis in die gegenwärtige Rezeption33 der Vita von Ruth Pappenheimer, wodurch es in der (zum Teil unreflektierten) Fortschreibung der Opferbiografie zu Verzerrungen der belegbaren historischen Wahrheit kommt.
Die zwischenzeitlich im Frankfurter Monikaheim untergebrachte Ruth Pappenheimer wird nach dem vorläufigen Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt zur Überstellung in Fürsorgeerziehung gem. §§ 63 Abs. 1 Ziff. 2 67 RJWG „gelegentlich des Sprechtages“ am 22. April 1941 mit nach Kamberg genommen.“ In der dortigen Haus- und Landarbeitsschule, einer 1937 von Fritz Bernotat eingerichteten NS-Einrichtung, die strikt an sozialdarwinistischen und rassistischen Prinzipien ausgerichtet und vom Verein für Volksbildung e.V. getragen war, sollte sie bis zur Beendigung der Fürsorgeerziehung verbleiben.

Stationen in Bad Camberg, auf Schloss Dehrn und Idstein

In der Camberger Haus- und Landarbeitsschule sollten nach Vorgabe des Wiesbadener Bezirksverbandes vom Mai 1937 jene weiblichen, schulentlassenen Fürsorgezöglinge untergebracht werden, die als „weniger schwer verwahrlost“ eingestuft, oder deren „Verwahrlosung in erster Linie auf Umwelteinflüsse“ zurückgeführt wurde.34 Die ursprünglich vom BDM betreute Einrichtung war auf „100 Mädel“ ausgelegt und beschäftigte neben der Leitung weitere 10 Personen.35

 

Die Fürsorgezöglinge waren einem strikten Tagesplan unterworfen, der ihre „Besserung“ und die baldige Rückkehr in die Volksgemeinschaft zum Ziel haben sollte.
Neben Unterweisungen in den klassischen Tätigkeiten in Haus, Garten, Gesundheits- und Kinderpflege war die „weltanschauliche Schulung“ fester Bestandteil des

Bildungsprogramms,36 das in Form und Inhalt strikt an NS-Prinzipien ausgerichtet war und die weiblichen Fürsorgezöglinge auf ihre Rolle als Frau und Mutter im NS-Staat vorbereiten sollte.
Ruth Pappenheimer war der Camberger Einrichtung vom Zeitpunkt ihrer Überstellung nach Camberg im April 1941 bis zu ihrem gewaltsamen Tod im Oktober 1944 durchgängig organisatorisch zugeordnet, verbrachte jedoch nur einen geringeren Teil der Zeit direkt vor Ort. Die seitens der Einrichtungsleiterin als „zuverlässig“ eingestuften jungen Frauen wurden, insbesondere wegen der hohen kriegsbedingten Nachfrage nach Arbeitskräften in Privathaushalte vermittelt. Viele wurden in der Camberger Holzwarenfabrik Hasenbach & Faber beschäftigt, wobei es hierbei zu Verletzungen der gesetzlichen Vorgaben für den Arbeitsschutz kam.37 Die Ausnutzung der Arbeitskraft der Fürsorgezöglinge war für die Camberger Einrichtung, die „„auf permanente Unterstützung durch den Bezirksverband angewiesen“38 war und offenkundig nicht kostendeckend arbeitete, eine profitable Einnahmequelle; hatten sich doch die Angehörigen der Fürsorgezöglinge, wenn irgend möglich, an den Kosten der Unterbringung zu beteiligen.

Schreiben (Ausschnitt) vom 15. Juni 1942 der Landesoberinspektorin Münch zur Frage der Postsperre bei Camberger Fürsorgezöglingen mit Hinweisen auf die große Nachfrage nach Arbeitskräften HHStaWi Abt. 403 Nr. 1499 Bd. 2

Schreiben (Ausschnitt) vom 15. Juni 1942 der Landesoberinspektorin Münch zur Frage der Postsperre bei Camberger Fürsorgezöglingen mit Hinweisen auf die große Nachfrage nach Arbeitskräften HHStaWi Abt. 403 Nr. 1499 Bd. 2

Scheinbar wurde Ruth Pappenheimer bereits nach kurzer Zeit in eine auswärtige Dienststelle bei Fam. Datum in Weyer/Oberlahnkreis vermittelt. Hierdurch wird deutlich, dass sie von der Camberger Heimleitung jener Gruppe von Fürsorgezöglingen zugeordnet war, die problemlos auch fernab der Betreuungseinrichtung eingesetzt werden konnten. Organisatorisch fiel Ruth Pappenheimer hiermit offenbar in den Zuständigkeitsbereich der Wohlfahrtspflege-Jugendhilfe Oberlahn, deren Dienstsitz sich in Weilburg befand. Am 30. Oktober 1941 richtet der Weilburger Kreisamtsleiter ein Schreiben an die Haus- und Landarbeitsschule in Camberg, das Frankfurter städtische Jugendamt sowie die zuständige Wiesbadener Dienstelle:
„Aus den heute erhaltenen Personalpapieren ersah ich, daß der Vater der Jugendlichen den Vornamen „Israel“ führt. Es darf wohl anzunehmen sein, daß es sich hierbei zweifellos um einen Juden handelt. Ich bitte daher, die Angelegenheit sofort überprüfen zu wollen, denn es kann keineswegs Aufgabe der NSV sein, Juden oder Judenmischlinge zu erziehen. Eine sofortige Herausnahme aus der Dienststelle ist erforderlich, wenn das Mädel nichtarischer Abstammung ist.“39
Die angekündigte „sofortige Herausnahme aus der Dienststelle“ erfolgte nach Aktenlage nicht unmittelbar; mehrere Eingangsstempel auf dem Schreiben belegen, dass dieses sowohl in Wiesbaden als auch in Frankfurt Mitte November 1941 eingegangen war.
Eine in der Fürsorgeakte überlieferte, an die Landes-Oberinspektorin Münch Wiesbaden gerichtete handschriftliche Notiz vom 13. November 1941 die offenbar in Camberg verfasst wurde, verweist darauf, dass Ruth Pappenheimer „Halbarierin“ sei. Der Vater sei „Jude“, die Mutter jedoch „arisch“. Die Eltern seien „seit Jahren geschieden.“ Ruth „sei bei der Mutter u. nach deren Tod bei den arischen Großeltern“ aufgewachsen.40
Ruth Pappenheimer richtet unter der Absenderadresse Weyer, Oberlahnkreis, Hohlstraße 110 am 11. Januar 1942 ein Schreiben41 an den „Herrn Oberlandespräsident42 Wiesbaden“.
In dem ausführlichen Brief bedankt sie sich zunächst für die ihr über die Weihnachtstage gewährten Urlaubstage und spricht die Problematik ihrer „nicht rein arischen Abstammung“ an. Sie drückt ihr Bedauern über die die damit verbundene Konsequenz, „nicht mehr mit der …NSV in Verbindung“ zu stehen, aus. Ruth Pappenheimer erklärt gegenüber dem Adressaten, sie stamme von Seiten ihrer Mutter „aus rein arischer ehrenwerten deutschen Familie.“ Sie verweist auf ihre Taufe und Konfirmation sowie darauf, ihr „ganzes Leben hindurch stets von arischen Menschen umgeben“ und eine „christliche deutsche Erziehung genossen“ zu haben. Mit den „nicht arischen Verwandten“ habe sie „weder innerlich noch äußerlich in Verbindung gestanden, denn schon als kleines Kind“ sei ihr „der Nichtarier als Feind anerzogen worden.“ Mit der Bitte, wieder in die NSV aufgenommen zu werden um „ein anständiges, vollwertiges Mädel zu werden“ schließt Ruth Pappenheimer den Brief, den sie pflichtschuldig mit „Heil Hitler“ unterzeichnet.14
Eine Antwort des „Oberlandespräsidenten“ ist in der Akte nicht überliefert.

Während Ruth Pappenheimer mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und unter Verleugnung ihrer Herkunft krampfhaft versucht, Teil der „Volksgemeinschaft“ zu werden, ist der jüdische Teil ihrer Familie in Sprendlingen und Frankfurt der Verfolgung und Ausplünderung durch den NS-Staat ausgesetzt. Ruth Pappenheimers Onkel, Alfred Pappenheimer, ihre Tante Theresia, die Cousine Ilse und ihr Bruder Alfred werden am 17. September 1942 von Sprendlingen nach Darmstadt verschleppt. Von dort aus erfolgt ihre Deportation nach Treblinka wo die Familie ermordet wird. Der Sprendlinger Besitz, zur Hälfte Eigentum von Ruths Vater Julius Pappenheimer, fällt dem „Reich“ zu.43

Ruth Pappenheimer und Ruth Beck in der Camberger Erziehungseinrichtung -zwei unterschiedliche Schicksale

Neben Ruth Pappenheimer war mindestens noch eine weitere junge Frau „nicht arischer“ Herkunft in dem Camberger Erziehungsheim untergebracht, in dem satzungsgemäß44 und konform mit der NS-Rasseideologie nur Mädchen arischer Herkunft betreut werden sollten: Am 9. November 1942 war die am 31. Mai 1926 in Mainz geborene Ruth Beck geb. Oberst über das Landesaufnahmeheim Idstein in die Haus- und Landarbeitsschule verbracht worden. Ruth Beck war unehelicher Geburt und hatte einen jüdischen Vater. Nachdem ihre Mutter sich verheiratet hatte, übernahm sie den Namen ihres Stiefvaters. Ruth Beck war im 16. Lebensjahr Mutter geworden und hatte ihre Ausbildung nicht zu Ende geführt. Auf Initiative ihrer Eltern erfolgt ihre Überstellung in Fürsorgeerziehung.45 In der Krankenakte46 wird ein ungünstiges Bild von Ruth Beck gezeichnet, das eine Vermittlung in eine Dienststelle oder die profitable Nutzung ihrer Arbeitskraft als unwahrscheinlich erscheinen lässt.
An die Eltern von Ruth Beck ergeht Anfang Juni 1943 die Information, ihre Tochter werde aus Camberg in ein anderes „Erziehungsheim“ verlegt. Hierbei handelte es sich um die im Jahr 1943 auf dem Hadamarer Mönchberg eingerichtete Tötungsabteilung für als „nicht arisch“ angesehene Fürsorgezöglinge.47
Die Aufnahme in Hadamar erfolgt am 2. Juni 1943.48 Am 22. Juni 1943 wird Familie Beck in Wiesbaden postalisch in Kenntnis gesetzt, bei ihrer Tochter sei eine Hirnblutung aufgetreten und sie sei nicht ansprechbar. Am darauffolgenden Tag ergeht die Nachricht über den „plötzlich eingetretenen Tod“49 der jungen Frau. Ruth Beck wurde auch deswegen in Hadamar ermordet, da ihr als „nicht arischer“ Fürsorgezögling gemäß NS-Ideologie der Anspruch auf Fürsorgeleistungen abgesprochen worden war und ihrer Eingliederung in die „Volksgemeinschaft“ gemäß der im Bezirksverband Nassau vorherrschenden Doktrin folglich ökonomische und „rassische“ Gründe entgegenstanden. Aus Sicht des Fritz Bernotat, der die Tötungsabteilung für „nicht arische“ minderjährige Fürsorgezöglinge auf dem Hadamarer Mönchberg eingerichtet hatte, ist als Motiv, Ruth Pappenheimer von der „Verlegung“ auf den Mönchberg auszunehmen, einzig der ökonomische Faktor fassbar.
Im Gegensatz zu Ruth Beck bewährte sich Ruth Pappenheimer in den ihr zugewiesenen Dienststellen. Ihrer Arbeitskraft bediente sich der Bezirksverband, solange der gesetzlich vorgegebenen Rahmen der Fürsorgeerziehung dies ermöglichte.

Letzte Station auf Schloss Dehrn und Ermordung auf dem Kalmenhof

In der Zeit von Februar 1943 bis Oktober 1944 war Ruth Pappenheimer als Hausmädchen in dem von der NSV betriebenen Kindererholungsheim Schloss Dehrn tätig, das als Einrichtung des Bezirksverbandes Nassau in unterschiedlichster Weise genutzt wurde.

 

Kindererholungsheim Schloss Dehrn (um 1940) Postkarte Sammlung Hartmann-Menz

Kindererholungsheim Schloss Dehrn (um 1940) Postkarte Sammlung Hartmann-Menz

 Ab September 1944 wurde Schloss Dehrn geräumt, da es einer militärischen Nutzung zugeführt werden sollte. Ruth Pappenheimer, die am 8. November 1944 als „gebessert“ aus der Fürsorgeerziehung entlassen werden sollte war, wie zwei weitere Camberger Fürsorgezöglinge, Anni G. und Gertrud S. dort über den Zeitraum von mehr als eineinhalb Jahren als Hausmädchen tätig gewesen. Hinweise zu diesem Zeitraum finden sich, bis auf eine Entweichung zu den Großeltern nach Frankfurt, in der Fürsorgeakte nicht.
Sämtliche Angaben zu den Ereignissen im Herbst 1944 sowie den Todesumständen Ruth Pappenheimers wurden im Kalmenhof-Prozess 1946/1947 seitens unterschiedlichster Akteure, meist den Täterinnen und Täter getätigt.
So äußert sich die von der Frankfurter Staatsanwaltschaft angeschriebene ehemalige Mitarbeiterin der Haus- und Landarbeitsschule, Jung. Sie berichtet, dass die Camberger Einrichtung im Herbst 1944 aufgrund von Diphterie gesperrt worden sei. Aufgrund dieses Sachverhaltes seien die drei in Dehrn als Hausmädchen Beschäftigten zunächst auf dem Kalmenhof untergebracht worden. Sie habe am 16. Oktober 1944 von der damaligen stellvertretenden Heimleiterin den Auftrag erhalten, die drei Mädchen wieder nach Camberg zurückzuholen. Da ihr auf dem Kalmenhof mitgeteilt worden sei, Ruth Pappenheimer sei an Lungenentzündung erkrankt, habe sie nur Gertrud S. und Anni G. mit nach Camberg gebracht. Ihr sei es nicht erlaubt worden, Ruth Pappenheimer zu besuchen. Auf dem Rückweg habe sie von den beiden Mädchen „so manches“ erfahren. Das Sterbedatum von Ruth Pappenheimer gibt die Zeugin Jung mit dem 18. Oktober 194450 an. Den „Pflegeeltern“ von Ruth Pappenheimer habe sie deren „restliche Habseligkeiten“ im November 1944 „hier ausgehändigt“.51

Bei seiner Vernehmung in der Untersuchungshaft macht Hermann Wesse am 6. Januar 1946 folgende Angaben zur Tötung Ruth Pappenheimers: „Der zweite Fall der Einschläferung vermittels Injektion war der der Ruth Pappenheimer. Das Mädchen war körperlich gesund und wies eigentlich auch geistig keine Defekte auf, gehörte jedoch zum Dirnentyp und war insofern völlig asozial. Einer der beiden Elternteile war jüdisch. Schon vor ihrem Eintreffen rief mich LR Bernotat fernmündlich an und kündigte mir das Eintreffen der Ruth Pappenheimer und zweier weiterer Mädchen aus Schloß Dehrn an. Er erklärte hierbei, dass die Mädchen eigentlich nach Camberg gehörten … jedoch im Kalmenhof untergebracht werden müßten. Er ersuchte mich, die Ruth Pappenheimer dem Reichsausschuss zu melden, bei den beiden übrigen Mädchen solle ich mir die Akten anschauen. Ruth Pappenheimer traf dann einen einen Tag nach den beiden anderen Mädchen in Idstein ein weil sie unterwegs der Begleiterin ausgerückt war und sich in Frankfurt herumgetrieben hatte. … Ihre Akten offenbarten eine immerhin ungewöhnliche Vergangenheit, wie mir dies auch schon durch LR Bernotat angedeutet worden war. Mein dem Reichsausschuss erstattetes Gutachten bestand im Wesentlichen aus einem Auszug dieser Akten. Sie wurde von mir auch mit Hausarbeiten im Krankenhaus beschäftigt, erkrankte aber zuweilen und musste dann das Bett hüten. … Da wenige Tage zuvor die Ermächtigung des Reichsausschusses zu ihrer Behandlung eingegangen war, benutzte ich die Gelegenheit um ihr ein halbes Gramm Morphium einzuspritzen. Dies geschah etwa gegen 11 Uhr. Ich ersuchte Schwester Maria, mich fernmündlich zu verständigen, sobald die Ruth Pappenheimer entschlafen sei. Bei einem zwischen 22 und 23 Uhr geführten Ferngespräch teilte mir dann Schwester Maria mit, dass sie … der Ruth Pappenheimer eine nochmalige Morphium Injektion habe verabfolgen müssen, da das Mädchen wieder zu sich zu kommen schien. Diese zweite Injektion hatte dann die erstrebte Wirkung.52

Zu den Umständen der Beseitigung des Mordopfers auf dem anstaltseigenen Gräberfeld äußert sich der Zeuge Gustav Koch, dem die Aufgabe zugewiesen worden war, für den zum Kriegsdienst eingezogenen Schreiner Hermann Zitzmann die Überwachung der Beerdigungen der Mordopfer zu übernehmen: „Die Beerdigungen fanden jeweils auf dem eigenen Friedhof des Kalmenhofes statt. Nach einer Zeit von ca. 10 Tagen musste ich nun die erste Beerdigung leiten. Die Zeit war auf morgens 7 Uhr festgesetzt. Ich zog beim ersten Beerdigungsakt meinen Sonntagsanzug an und ging zu der Beerdigung, einen Pfarrer habe ich nicht gesehen. Die Leiche wurde mir gezeigt, dieselbe lag auf einer Tragbahre vollständig nackt. Diese wurde nun in alte verbrauchte und zum Teil verfaulte Papierbettsäcke gesteckt, mit einer Schnur verschnürt.

Gedenklandschaft Kalmenhof Idstein im Bereich des Massengrabes mit Ausschnitt Inschrift Gedenkrondell Foto: Hartmann-Menz 07/2015

Gedenklandschaft Kalmenhof Idstein im Bereich des Massengrabes mit Ausschnitt Inschrift Gedenkrondell Foto: Hartmann-Menz 07/2015

Gedenklandschaft Kalmenhof Idstein im Bereich des Massengrabes mit Ausschnitt Inschrift Gedenkrondell Foto: Hartmann-Menz 07/2015

 Der Totengräber namens Lohne fasste nun diesen Bündel, lud ihn auf einen Schubkarren und fuhr ihn so an das Grab. Lohne sprang nun in das Grab und zog das Bündel hinein. … Meine zweite Beerdigung war einige Tage später und zwar ein bildschönes Mädchen im Alter von 19 Jahren. Ich frug den Totengräber Lohne als ich die Leiche sah, wer dieses Mädchen sei. Lohne erklärte mir nun, es sei ein aus einem Kamberger Erziehungsheim nach hier verlegtes Mädchen. Ich habe das Mädel vorher nie gesehen. Lohne erklärte mir, es sei auch erst einige Zeit hier. Es sei krank von Kamberg hierher gekommen und nach ihrer Genesung mit Hausarbeiten im Kalmenhof beschäftigt worden. Lohne erklärte mir, soviel er wüsste hätte das Mädchen bei der Verrichtung ihrer Hausarbeit zu viel gesehen, denn es wäre ihm bekannt, dass dieses auch der Schwester gegenüber geäussert hätte, dass hier im Krankenhaus vieles nicht mit rechten Dingen zuginge. Lohne vertrat die Meinung, dass dieses Mädel das gleiche Schicksal ereilte wie viele andere, die zuviel gesehen hatten und als lästige Zeugen beseitigt wurden. Auch diese Leiche lag nackt auf einer Tragbahre und wurde mit der gleichen Pietätlosigkeit beerdigt wie schon oben geschildert.“53
Der letzte Eintrag in der Fürsorgeakte Ruth Pappenheimer datiert vom 25. Mai 1946. Die Mitarbeiterin des Frankfurter Fürsorgeamtes, Frl. Jost, die den „Fall Pappenheimer“ seit dem Jahr 1941 betreut hatte notiert: „Wie die Großmutter, Frau Noll-Hussong kürzlich bei einem Hausbesuch mitteilte, ist Ruth P. vor der Jahresfrist an Lungenentzündung gestorben. Die Akten können weggelegt werden.“54 Im März des Jahres 1946 war der Prozess wegen der systematischen, hundertfachen Morde auf dem Idsteiner Kalmenhof dem Frankfurter Landgericht übergeben worden. Die Fürsorgeakte Ruth Pappenheimer war von der Staatsanwaltschaft zur Einsichtnahme angefordert worden.55

Erstellt 11/2012 Überarbeitet und erweitert 12/2016 Martina Hartmann-Menz.

  • 1. Die Sterbeurkunden der Opfer der sog. „Euthanasie“ – auch in Idstein - haben trotz der beabsichtigten Fehlerhaftigkeit der Dokumente, die als Instrument zur Vertuschung des massenhaften Mordes eingesetzt wurden, bis auf den heutigen Tag juristischen Bestand.
  • 2. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd.2 Bl. 358.
  • 3. HHStaWi Abt. 461 Nr. 32061 Bd. 3. Bl. 119. Initiiert durch Fritz Bernotat wurde mit dem Erlass vom 15. April geregelt, dass sog. „Jüdische Mischlingskinder“ aus den Verwaltungsbezirken Hessen, Nassau und den Rheinprovinzen in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar in einer neu zu errichtenden Abteilung zusammengeführt werden sollten. Die Einrichtung bestand etwa ein Jahr; etwa 40 Kinder und Jugendliche mit einem jüdischen Elternteil wurden dorthin zum Zwecke ihrer Ermordung verbracht. Siehe dazu: Kingreen, Monica: Jüdische Kranke als Patientinnen und Patienten der Landesheilanstalt Hadamar (1909-1940) und als Opfer der Mordanstalt Hadamar (1941-1945). In: Hadamar Heilstätte, Tötungsanstalt Therapiezentrum. (2006) Hg. Uta George, Georg Lilienthal. Volker Roelcke, Peter Sandner, Christina Vanja. Sowie: Sandner, Peter. Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus (2003)
  • 4. Die Biografie von Ruth Pappenheimer ist von übergeordneter Relevanz für die Geschichte des Idsteiner Kalmenhofes in der NS-Zeit. Zum einen ist es aufgrund der Tatsache, dass die Akten des Kalmenhofes beim Heranrücken der amerikanischen Truppen vernichtet wurden schwierig, Opferbiografien zu rekonstruieren. Zum anderen wurde der Anstaltsarzt Hermann Wesse im Rahmen des Kalmenhof-Prozesses auch wegen der Ermordung Ruth Pappenheimers zunächst zur Höchststrafe verurteilt. Nach Umwandlung der Strafe blieb er, im Gegensatz zu vielen anderen Täterinnen und Tätern, für die vergleichsweise lange Zeit von 20 Jahren in Haft.
  • 5. Devisenakte Julius Pappenheimer HHStaWi Abt. 519 /3 Nr. 30188. Sowie: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main. 13. Dokumentation (2015) S. 48. Hartmann-Menz, Martina: Auszug aus der Biografie Julius Pappenheimer
  • 6. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. Fürsorgeakte (Nr. 357) Ruth Pappenheimer. Angaben der Tochter Ruth zu ihrer Mutter.
  • 7. HHStaWi Abt. 519/3 Nr. 30188. Anschreiben an die Devisenstelle vom 23.03.1941.
  • 8. Nach einer Presseveröffentlichung in der Nassauischen Neuen Presse zur Camberger Haus- und Landarbeitsschule und dem Schicksal Ruth Pappenheimers (NNP vom 21.09.2013) „Ein dunkles Kapitel“ erreichte mich ein Telefonanruf des Cousins von Ruth Pappenheimer. Bisher war die Suche nach Angehörigen erfolglos verlaufen, zumal die aus Sprendlingen stammenden Verwandten deportiert und ermordet wurden. Die Angehörigen von Ruth Pappenheimer stellten
  • 9. Diese unterhielten einen Lebensmittelladen in der Sprendlinger Hauptstraße. Der Vater von Julius und Albert Pappenheimer, Emanuel, unterhielt enge Beziehungen zu dem Sprendlinger KPD Abgeordneten Ludwig Schäfer. Dieser Kontakt dürfte mitverantwortlich für die 1933 erfolgte Verhaftung und Internierung der Söhne in Osthofen gewesen sein. Hierzu: Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden. Wanderausstellung des HR und des Fritz Bauer Instituts Frankfurt. Ausstellung im Dreieich-Museum Burg Hayn, 03/2013 bis 10/11.2013 mit regionalem Schwerpunkt zur Familie Pappenheimer in Sprendlingen.
  • 10. In der Fürsorgeakte von Ruth Pappenheimer ist angegeben, ihre Mutter Marta sei in Wiesbaden verstorben. Eine diesbezüglich im Januar 2013 dort gestellte Anfrage verlief negativ. Im Gespräch (01.11.2013) mit dem 1925 geborenen Neffen der Marta Pappenheimer erinnerte sich dieser an Besuche im Bürgerhospital bei „Tante Marta“. Sie habe an einer schweren Erkrankung des Magens gelitten und sei dort auch verstorben.
  • 11. Mirkes, Adolf, Schild, Karl. Zeugnisse. Offenbach 1933-1945. Verfolgung und Widerstand in Stadt und Landkreis Offenbach (1988) S. 201.
  • 12. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main. Fürsorgeakte Ruth Pappenheimer Nr. 357. Fortan Fürsorgeakte
  • 13. Fürsorgeakte Bl. 44
  • 14. a. b. c. Fürsorgeakte Bl. 44.
  • 15. a. b. c. Fürsorgeakte Bl. 20.
  • 16. Fürsorgeakte Bl. 39. Fragebogen der Fürsorgestelle. Es wird um Auskunft ersucht, ob der Vater Julius (Israel) Pappenheimer, zu diesem Zeitpunkt als „Kaufmann“ in der Frankfurter Thomasiusstraße Nr. 8 gemeldet, einen Beitrag zur Fürsorgeerziehung leisten könne. Vermerk vom 21.10.1941: Vater arbeitet bei Teves, Verdienstbescheinigung muss angefordert werden.
  • 17. Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt am Main vom 16. April 1941. In: Fürsorgeakte, Bl. 20
  • 18. Schreiben vom 28.11.1941. Fürsorgeakte Bl.8 ff.
  • 19. Die schriftliche Anfrage an der Hellerhofschule (15. 12.2012) ergab, dass Schülerakten aus der fraglichen Zeit nicht mehr vorhanden sind.
  • 20. Fürsorgeakte Bl.20.
  • 21. Fürsorgeakte. Schreiben Sofie Zimmer an Frl. Jost vom 28. II. 1941. S. 8 ff. fortan zitiert als: Brief Jost
  • 22. Brief Zimmer an Jost, RS. Bl. 9.
  • 23. Fürsorgeakte Brief Zimmer an Jost, Bl. 10.
  • 24. Fürsorgeakte Brief Zimmer an Jost, RS. Bl. 9.
  • 25. a. b. Fürsorgeakte Bl. 21.
  • 26. Fürsorgeakte, Schreiben der Klassenlehrerin Fiebig vom 5. April 1941. Bl. 18 f.
  • 27. Fürsorgeakte, Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt AZ 61 XII. 146/41. Bl. 20f.
  • 28. Fürsorgeakte, Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt AZ 61 XII. 146/41. Bl. 21.
  • 29. Fürsorgeakte, Schreiben der Klassenlehrerin Fiebig vom 5. April 1941. Bl. 19.
  • 30. Fürsorgeakte Beschluss des Amtsgerichts Frankfurt AZ 61 XII. 146/41. Bl. 21.
  • 31. Belege zum Ausbildungsbetrieb und über ein stattgefundenes Vorstellungsgespräch liegen der Fürsorgeakte bei.
  • 32. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 u.a. Bd. 1-3, Bd. 8 und Bd. 50. Der „Fall“ Ruth Pappenheimer hat insb. im Verfahren gegen den Tötungsarzt Hermann Wesse prozessentscheidende Bedeutung. Im Versuch der Mutter Hermann Wesses, am 14. August 1953 beim Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn mit Verweis auf die von ihm vorgenommene Begnadigung von Dr. Walther Schmidt einen solchen Gnadenakt auch gegenüber ihrem Sohn auszusprechen, der im Falle Margarete Schmidt und Ruth Pappenheimer in der Annahme eines Putativnotstandes gehandelt habe. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd. 25 Bl. 58 ff.
  • 33. Kalmenhof-Prozess. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Anklage und Prozess (1946/1947) gegen den Anstaltsarzt Hermann Wesse; Freudiger, Kerstin. Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen (2002); Sick, Dorothea. „Euthanasie“ im Nationalsozialismus am Beispiel des Kalmenhofes in Idstein/Ts. (1983); Wensierski, Peter. Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik Deutschland (2006).
  • 34. HHStaWi Abt. 403 Nr. 1499 Bd. 2. n.p.
  • 35. StAC XXI Haus- und Landarbeitsschule. Aufstellung Personalbestand 1942.
  • 36. HHStaWi Abt. 403 Nr. 1499. In den Unterlagen zur Haus- und Landarbeitsschule sind Wochenpläne aus den 30er Jahren erhalten geblieben. Unterrichtsinhalte waren u.a. die Nürnberger Gesetze, Fragen zur politischen Entwicklung vor 1933 und den bisherigen Errungenschaften des NS-Staates, Befassung mit der Gründung der NSDAP, der „Kampfzeit“, der Person des Führers und Fragen der Einbindung der Frau in die Volksgemeinschaft. Die Unterrichtspläne weisen auch neuheidnische Elemente auf; dies im Sinne des Vereins für Volkspflege e.V., der sich zum Ziel gesetzt hatte, das in vielen Einrichtungen der Fürsorge christliche Weltbild mit seiner Ausrichtung zu durchbrechen.
  • 37. HHStaWi Abt. 478/4 Nr. 76
  • 38. Sandner, Peter. Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialisums (2003) S. 210.
  • 39. Fürsorgeakte Bl. 42
  • 40. Fürsorgeakte n.p.
  • 41. Das Schreiben liegt der Fürsorgeakte in Maschinenabschrift bei.
  • 42. Mit der Anrede ist Fritz Bernotat gemeint, der später den Auftrag für die Ermordung Ruth Pappenheimers gab und womöglich durch genau dieses Schreiben auf sie und ihre Herkunft aufmerksam wurde.
  • 43. Hierzu: Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden. Wanderausstellung des HR und des Fritz Bauer Instituts Frankfurt. Ausstellung im Dreieich-Museum Burg Hayn, 03/2013 bis 11/2013 mit regionalem Schwerpunkt zur Familie Pappenheimer in Sprendlingen.
  • 44. Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main Magistratsakten Nr. 8.518 und BAB NS 3 Nr. 1298 Bl. 1ff. Satzung des Vereins für Volkspflege e.V. (Dieser ging später im Deutschen Reichsverein für Volkspflege und Siedlerhilfe auf.)
  • 45. Krankenakte Ruth Beck geb. Oberst. Archiv des LWV Hessen (Mönchberg) AN 4769. Unmittelbar nach der Ermordung von Ruth Beck stellen die Eltern zahlreiche kritische, schriftliche Nachfragen. Der Stiefvater korrespondiert bis in die 60er Jahre mit der Stadt Hadamar und dem LWV um Klarheit über die Todesumstände seiner Stieftochter zu erhalten, kann dieses Ziel jedoch zu Lebzeiten nicht mehr erreichen. Aus dem Schriftwechsel geht direkt und indirekt die Annahme einer Mitschuld am Tod der Stieftochter hervor.
  • 46. Krankenakte Ruth Beck geb. Oberst. Archiv des LWV Hessen (Mönchberg) AN 4769.
  • 47. Siehe FN 3.
  • 48. Archiv des LWV Hessen (Mönchberg) AN 4769
  • 49. Ebd.
  • 50. Im Original findet sich die Jahresangabe 1946 – offenkundig ein Schreibfehler.
  • 51. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd.2 Bl. 13 f.
  • 52. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd.2 Bl. 358 .
  • 53. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd.1 Bl. 5
  • 54. Fürsorgeakte n.p. Aktennotiz Frl. Jost, städtisches Fürsorgeamt Frankfurt.
  • 55. HHStaWi Abt. 461 Nr. 31526 Bd. 5 Bl. 87.
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