Schöbel, Lina Marie

28.3. 1900 Neugersdorf
9.2.1942 Großschweidnitz

Als Opfer der "wilden Euthanasie" war sie dem Hungertode nahe, bevor sie in Großschweidnitz mit Luminal vergiftet wurde.

Schöbel_Lina Marie_Foto
In den letzten Jahren ihres Lebens war Marie für die Behörden nicht mehr als ein Verwaltungsakt, ausgestattet mit Aktenzeichen, Bekleidungsnummer und Sippentafel. Ihre Akte liegt im Staatsarchiv Leipzig. Arnsdorf, Hochweitzschen, Großschweidnitz. Die letzten Stationen ihres Lebens, notiert mit akkurater Handschrift in schwarzer Tinte. Ein kurzes, trauriges Leben zwischen angegrauten Aktendeckeln.

Marie war die Schwester meines Großvaters. Sie wurde am 28. März 1900 in Neugersdorf bei Zittau geboren. Marie war ein „Frühchen“. Nur wenige Tage vorher war der Gasthof ihrer Eltern abgebrannt. Weil sie so klein und zierlich war, als hätte sie die fehlenden Wochen im Mutterleib nie aufgeholt, wurde Lina Marie ihr Leben lang nur „Mariechen“ gerufen. Sie wuchs zu einem stillen, in sich gekehrten Mädchen heran und fühlte sich unter ihren neun Geschwistern oft zurückgesetzt.

Als ihr Vater 1917 im ersten Weltkrieg starb, war Marie 17 Jahre alt. Nach dem Tod des Vaters brach die Familie auseinander. Marie zog nach Dresden, „ging in Stellung und war sich selbst überlassen“. Sie arbeitete als Telefonistin für die Reichspost. Doch der Beruf war für Marie, wie für viele Frauen ihrer Generation, nur ein Zwischenspiel bis zur Hochzeit. „Marie lernte einen gut situierten Herrn kennen, gab sich ihm im Glauben an eine Hochzeit hin“, erzählt ihre Akte. Drei Wochen vor ihrem zwanzigsten Geburtstag, am 7. März 1920, brachte Marie in Dresden ihre Tochter Erika zur Welt. Doch der „gut situierte Herr“, ein Tischler mit eigener Werkstatt, heiratete Marie nicht.

Eine Katastrophe in doppelter Hinsicht: Ein uneheliches Kind war seinerzeit noch eine Schande. Außerdem verlor Marie ihre Stelle. Eine allein erziehende Mutter war für die Reichspost nicht tragbar. „Telefonistin. Die Stellung wegen des Kindes eingebüßt“, fasst eine hingeworfene Bemerkung das Drama in einem Satz zusammen.

Um sich und ihre Tochter durchzubringen, nahm Marie eine Stelle als Fabrikarbeiterin an. Sie verklagte den Tischler auf Unterhalt für ihre Tochter. Doch die DNS-Analyse, mit der zahlungsunwillige Väter heutzutage überführt werden, war damals noch ferne Zukunftsmusik. „Der Mann ließ sie sitzen und stritt die Vaterschaft ab“, heißt es lakonisch in Maries Akte.

In ihrer Verzweiflung schloss sich Marie einer religiösen Sekte an. Vermutlich suchte sie den Halt und die Geborgenheit, die sie so lange in ihrem Leben vermisst hatte. In der Sekte verurteilte Marie niemand dafür, dass sie ein uneheliches Kind hatte.

Am 4. Oktober 1928 ging Marie zunächst wie gewohnt zur Arbeit. Plötzlich, gegen halb neun, tanzte sie wie wild um ihre Maschine herum und sang: „Ich bin Jesus, ihr seid der Teufel.“ Entgeistert ließen die Arbeiter ihre Blechformen sinken. Es dauerte einen Moment, bis sie begriffen, dass Marie durchgedreht war. Marie wurde in die Psychiatrie in Arnsdorf bei Dresden eingeliefert. Die Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. „Erwerbsminderung 100 Prozent, Hauptursache der Invalidität: Geistesstörung...“ Maries sollte die Psychiatrie nie wieder verlassen. Ihre Tochter Erika wuchs bei einer Tante auf.

Als die Nazis 1933 an die Macht kam, galt sie als „lebensunwertes Leben“.

Ab April 1934 organisierte das Deutsche Hygienemuseum Dresden für Ärzte, Lehrer, Staats- und Kommunalbeamte „Einführungskurse der Staatsakademie für Rassen- und Gesundheitspflege“. Die „Fachleute“ wurden durch die Arnsdorfer Klinik geführt, sollten am lebenden Objekt studieren, wie „lebensunwertes Leben“ - als das Marie unter den Nazis galt - aussah. Marie konnte sich kaum rühren, weil ihre gestörte Hirnchemie die Bewegungen blockierte. „Typisch katatones Zustandsbild“, steht in ihrer Krankenakte unter dem 18. Mai 1934. Wie eine Puppe stand Marie regungslos neben ihrem Bett. Arme und Beine waren seltsam verdreht, auf ihrem Gesicht lag die wächserne Starre, die bei katatonen Patienten oft zu beobachten ist. Die Schaulustigen wurden hineingeführt in den Schlafsaal, gafften Marie und die anderen Patienten ungeniert an, als seien sie Tiere im Zoo. Wenig später wurde Marie zwangssterilisiert, wie die Kennzeichnung auf ihrer Patientenkarteikarte verrät.

Am 1. September 1939, an dem Tag, als die Wehrmacht Polen überfiel, unterschrieb Adolf Hitler in Berlin fünf Zeilen, die rund 200.000 Menschen das Leben kosten sollten. Die „Kanzlei des Führers der NSDAP“ begann unter Leitung von Philipp Bouler und Hitlers Leibarzt Karl Brandt mit der Organisation des Massenmordes.

In Sachsen, dort, wo Marie in der Psychiatrie lebte, ließ sich das Innenministerium eine besonders perfide Methode einfallen, um Menschen wie Marie zu töten. Am 22. September, gut drei Wochen nach Kriegsbeginn, schränkte Dr. Pfotenhauer vom sächsischen Innenministerium in einem Rundschreiben an alle Direktoren der Landesanstalten die Lebensmittel für psychisch Kranke und Behinderte ein. „Die gegenwärtige Zeit“ zwinge, „für die Verpflegung der Geisteskranken folgende Regelung zu treffen“, schrieb Pfotenhauer. Mit dem Schreiben begann das sächsische Innenministerium, psychisch kranke und behinderte Patienten systematisch verhungern zu lassen. Marie wog 45 Kilo.

Am 1. Oktober 1939 wurde der Verpflegungssatz durch das Ministerium des Inneren auf 0,45 RM herabgesetzt. Marie wog 44 Kilo. Acht Wochen später - im Januar 1940 - verfügte Dr. Fritsch vom Sächsischen Innenministerium, dass „mit sofortiger Wirkung für sämtliche Geisteskranken der unteren Verpflegungsklasse 0,35 RM als Höchstsatz“ zu gelten hätte. Marie wog 42 Kilo.

Kurz darauf - im März 1940 - wurde Marie nach Hochweitzschen verlegt. Dort blieb sie fast ein Jahr. Aus dieser Zeit gibt es nur zwei Eintragungen in Maries Akte. 9. April 1940: „Halluziniert stark, oft plötzlich ... erregt, schimpft und schlägt um sich“. Sie wurde zurück verlegt nach Arnsdorf. Inzwischen wog sie nur noch 31 Kilo, war abgemagert auf Haut und Knochen.

Von 1941 bis 1942 testete Professor Dr. Gerhard Rose, Generalarzt beim Robert-Koch-Institut in Berlin, für die I.G. Farbenindustrie, Leverkusen, in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten Deutschlands neue Malariamittel. In Arnsdorf half Anstaltsdirektor Wilhelm Sagel Rose bei seinen Menschenversuchen. Er infizierte vor allem „Paralytiker und Schizophrene“ mit Malaria. Vermutlich wurde auch Marie als „unnütze Esserin“ für Malaria-Versuche missbraucht.

Am 7. Januar 1942 wurde sie als eine von 200 Patientinnen nach Großschweidnitz gebracht. Es war ein gespenstischer Treck, der da am Bahnhof in Großschweidnitz ankam. Einige Patienten hatten den Sammeltransport nicht überlebt, fielen tot aus den Waggons. Die übrigen waren in einem „erbarmungswürdigen Zustande“, wie Zeugen später zu Protokoll gaben: „Mit auffallend aufgedunsenen Köpfen und stieren Augen hockten sie meist auf allen Vieren, vor Schwäche nicht mehr fähig, sich aufzurichten und zu gehen. In den Weichteilen waren sie derart ausgezehrt, daß sie große Löcher, in denen man die Faust hätte hineinlegen können, aufwiesen. In ihrer geistigen Umnachtung wußten sie nicht, was sie taten, griffen sogar in ihren eigenen Kot, um ihn zu essen.“ Die „Landesanstalt Großschweidnitz“ war mit 1.160 Patienten, die Ende Januar gezählt wurden, heillos überfüllt. Es gab nicht genug zu essen. „Die Patienten litten furchtbar unter Hunger und siechten dahin“.

Marie wurde im Haus 30 untergebracht. Der Backsteinbau aus roten und gelben Klinkern lag am Rande des Klinikgeländes und wurde vom Personal ganz offen „Sterbehaus“ genannt. „Dort kamen Frauen hin, wenn sie beseitigt werden sollten“, gab eine Krankenschwester später zu Protokoll.

„Hs 30 - Herzer“ vermerkte eine steile Handschrift auf Maries Patientenkarteikarte. Robert Eduard Herzer, damals 31 Jahre alt, arbeitete als „Abteilungsarzt“ im Sterbehaus. In Wirklichkeit war Robert Herzer ein Hochstapler, der - wie sich später zeigen sollte - für seine Karriere im wahrsten Sinne über Leichen ging. Herzer hatte nie das medizinische Staatsexamen abgelegt, geschweige denn promoviert. Dennoch ließ Herzer sich gern mit „Doktor“ ansprechen und führte den Titel später sogar ganz offiziell gegenüber Behörden. Er machte später keinen Hehl daraus, dass er seine Patienten „hinrichtete“. „Zum Zwecke der Sparung von Lebens- und Heilmitteln mussten schwer- und unheilbar Kranke hingerichtet werden, um anderen Platz zu machen ...“, gab er später, als gegen ihn wegen Mordes ermittelt wurde, zu Protokoll. „Dr. Schulz (Chefarzt in Großschweidnitz, Anmerkung der Autorin) hat uns selbst zur Anwendung der Euthanasie ermächtigt. Ich habe dazu Luminal angewandt.“

Im Kampf mit den Dämonen, die ihren Kopf beherrschten, schrie Marie und tobte. „Zerfahren und verworren, steht unter dem Einfluß von Sinnestäuschungen und Wahnideen, in deren Folge oft recht laut und störend“, steht unter dem 10. Januar 1942 in Maries Akte. Am 31. Januar 1942, schickte Maries Schwester Erna ihr Brot- und Fleischmarken. Und sie kündigte ihren Besuch an. „ ... Sobald es klappt, werde ich sie besuchen.“

Am 6. Februar 1942, schrieb Herzer Maries Schwester Erna, „...daß sich das körperliche Befinden Ihrer Schwester Marie in letzter Zeit sehr verschlechtert hat, sodaß damit gerechnet werden muß, daß die Kranke in absehbarer Zeit ableben kann ... Sie können die Kranke jederzeit besuchen ...“ „Sie können die Kranke jederzeit besuchen“, war die gängige Formel, mit der die Mörder den Anschein zu erwecken versuchten, dass sie nichts zu verbergen hätten. „Die Angehörigen der Getöteten werden, zum Beispiel in Hadamar, erst ein oder zwei Tage vor der geplanten Tötung von der ,Erkrankung‘ des Patienten benachrichtigt, so daß sie erst eintreffen können, wenn der ,Todesfall‘ eingetreten ist“, schreibt Ernst Klee in seinem Buch „Euthanasie im NS-Staat“.

Drei Tage nachdem Herzer den Brief an Erna geschrieben hatte, war Marie tot. „Stirbt heute 9 Uhr unter weiteren recht erheblichen Verfallserscheinungen“, heißt es unter dem 9. Februar 1942 in ihrer Akte. Drei Tage - so lange dauerte die tödliche „Medizin-Kur“ in Großschweidnitz.

Was wurde aus dem Mörder Robert Herzer

Am 16. Oktober 1945, fünf Monate nach Kriegsende, wurde Herzer von russischen Soldaten festgenommen. Er zeigte sich geständig. „Das Haus für schwerst niedergeführte und schwerst erregbare Kranke war die Station 30 ... In diese Station habe ich diejenigen Kranken verlegt, die Sterbemedizin bekommen sollten ... Ich habe deshalb für sämtliche Insassen des Hauses 30, die euthanasiert werden sollten, die Sterbemedizin verordnet“.

Im Juli 1947 wurde Herzer zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der falsche Arzt wurde nach Zwickau verlegt. Niemand ahnte, dass er in Wirklichkeit ein Hochstapler war. Drei Monate nach seiner Verurteilung wegen Massenmordes an seinen Patienten setzte die Anstaltsleitung Herzer im Januar 1948 als „Helfer“ auf der „Krankenstation“ ein. Sein Engagement sollte sich lohnen. Herzer wurde im Dezember 1955 vorzeitig nach zehn Jahren aus der Haft entlassen.

Er ging in den Westen, fand noch im gleichen Jahr wieder einen Job als „Arzt“, half dem TÜV als freier Mitarbeiter beim Aufbau des „Medizinisch-psychologischen Institutes in Mannheim“. Das Institut beschäftigte sich mit der Frage, ob Fahrschüler, die zum dritten Mal durch die Prüfung gefallen waren, überhaupt in der Lage seien, ein Fahrzeug zu führen. Herzer entschied zwar nicht mehr über Leben und Tod, wohl aber über das Schicksal von Menschen.

Als der TÜV im Frühjahr 1968 ein weiteres Zweiginstitut für den Bodenseeraum in Singen eröffnete, kletterte Herzer die Karriereleiter noch ein Stück höher, wurde Leiter aller „Medizinisch-psychologischen Institute für Verkehr und Industrie“ des Technischen Überwachungsvereins Baden. Inzwischen praktizierte der falsche Arzt seit über 30 Jahren. Herzer war weder bei den Nazis, noch in der DDR im Gefängnis aufgeflogen. Und nun hatte es der Hochstapler und Massenmörder sogar geschafft, in der westdeutschen Demokratie als „Arzt“ Fuß zu fassen.

Am 11. November 1969 starb Robert Herzer „plötzlich und unerwartet“ mit 59 Jahren. Herzer wurde auf dem Hauptfriedhof in Mannheim beerdigt. Erst als 2008 bekannt wurde, dass er als NS-Verbrecher verurteilt worden war und gar kein Arzt war, wurde sein Grabmahl, das einen Äskulap-Stab zierte, abgeräumt.

Kerstin Schneider: Maries Akte - das Geheimnis einer Familie, erschienen bei weissbooks im September 2008

Quellen:
Akte der Sächsischen Landesanstalt Großschweidnitz über Marie S.

Prozessakten des Euthanasie-Prozesses Dresden 1947, Nr. 11120, 2526 bis 2534,

Vollzugsakte von Robert Herzer, Bestand Ministerium des Innern, Verwaltung, Strafvollzug, Bundesarchiv, DO 1/3508

Personalakten von Robert Herzer aus den Jahren 1936 bis 1944

Gnadenentscheidung vom 17. Dezember 1955, Bundesarchiv
Ministerratsbeschluß vom 22.12.1955, Bundesarchiv

Arbeitsrichtlinie zur Durchführung der Entlassungen Strafgefangener auf Grund des Beschlusses des Ministerrates vom 22.12.1955, Bundesarchiv, DO 1/3509

Faulstich, Heinz: „Hungersterben in der Psychiatrie 1914 - 1949“, Freiburg i.B. 1998

Gold, Helmut und Koch Anette (Hrsg.): „Fräulein von Amt“, München 1993

Hohmann, Joachim: „Der ,Euthanasie‘-Prozeß Dresden 1947: Eine zeitgeschichtliche Dokumentation“, Frankfurt am Main 1993

Klee, Ernst: „,Euthanasie‘ im NS-Staat“, Frankfurt am Main 1983

Klee, Ernst (Herausg.) : „Dokumente zur ,Euthanasie‘“, Frankfurt am Main 1985

Kleemann, Samuel: „Die Lorenzianer: Ein Beitrag zur Geschichte und Psychologie des Sektentums“ Dresden 1927

Krumpolt, Holm: „Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Psychiatriepolitik auf die sächsische Landesheilanstalt Großschweidnitz im Zeitraum 1939 - 45“, Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Dr. med. der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Krumpolt, Holm: „Die Landesanstalt Großscheidnitz als ,T 4‘- Zwischenanstalt und Tötungsanstalt 1939 - 1945“ (Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen ,Euthanasie‘ und Zwangssterilisation, Fachtagung vom 15. bis 17. Mai 2001)

nach oben