Bertha Scheibner

* 27. 5. 1896 Brostau (Schlesien) –
† 17. 2. 1944 Obrawalde

Scheibner_Bertha_Stolperstein.jpgBertha Scheibner wurde am 27. Mai 1896 in Brostau, Kreis Glogau/Schlesien geboren.

Nach eigenen Angaben wurde sie vorehelich geboren; der leibliche Vater sei Apotheker gewesen. Ihre Mutter habe an Schwermut gelitten, sei jedoch nicht in eine Anstalt gekommen, sie habe als Köchin gearbeitet und sei schon 1915 mit 44 Jahren an einem „Herz- und Gehirnschlag“ gestorben. Im selben Jahr erkrankte Bertha Scheibner 19-jährig an einer ersten schizophrenen Episode, die acht Wochen anhielt, jedoch nicht ärztlich behandelt wurde.
Bertha Scheibners Stiefvater war Magazinverwalter an der Berliner Universität. Er starb 1931 mit 58 Jahren. Nach Beendigung der Schule hatte sie ihm vier Jahre lang die Wirtschaft geführt, da die Mutter krank war. Der Vater wollte nicht, dass sie einen Beruf erlernte. Dass er nicht ihr leiblicher Vater war, erfuhr sie erst kurz vor ihrer Hochzeit, weil sie den Bruder ihres Stiefvaters heiratete, den sie für ihren Onkel halten musste. Die Hochzeit mit dem acht Jahre älteren Friseur Karl Scheibner fand 1919 statt. Nach ihrer Heirat absolvierte Bertha Scheibner ebenfalls eine Friseurlehre. Nach Angaben des Ehemannes war sie vor Ausbruch ihrer Erkrankung feinfühlig, empfindlich, gelegentlich auch reizbar. 1921, im Alter von 25 Jahren, gebar sie ihren einzigen Sohn Günther.
Im Oktober 1927 erkrankte sie erneut und wurde für einige Wochen in eine private Nervenheilanstalt in Zepernick bei Berlin eingewiesen. Dort wurde sie in einem „stuporösen Zustand“ (bewegungslos, reaktionslos gegenüber Außenreizen) aufgenommen. Sie war mutistisch (stumm) und verweigerte die Nahrung; zu Affektäußerungen war sie nicht in der Lage, außerdem bestanden Unruhe und Schlaflosigkeit. Die Diagnose lautete „Spaltungsirresein“ (Schizophrenie) bzw. „Katatonie“ (Erscheinungsform der Schizophrenie).
Die nächste Aufnahme erfolgte im Juli 1929, sie kam in die Heil- und Pflegeanstalt Herzberge. Diesem Aufenthalt war eine Fehlgeburt vorausgegangen. Von Herzberge aus wurde Frau Scheibner im April 1930 in die Heil- und Pflegeanstalt Buch verlegt. Hier blieb sie bis Mai des gleichen Jahres mit der Diagnose „Rekonvaleszenz nach schizophrenem Schub/Debilität“.
1934 wurde sie, vermutlich wegen ihrer Geisteskrankheit, von ihrem Ehemann geschieden. Der Sohn lebte danach beim Vater, bestand später das Abitur und war zuletzt Soldat. Er wollte wahrscheinlich Chemiker werden.
Im Februar 1935 wurde Bertha Scheibner auf Veranlassung des Krankenhauses Weißensee wieder in die Heil- und Pflegeanstalt Buch aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war sie ungefähr seit einem dreiviertel Jahr geschieden. Bei der Aufnahme gab sie an, als Friseuse und in einer Nähstube gearbeitet zu haben. Am 19. September des Jahres wurde sie zwangsweise sterilisiert und danach entlassen.
Bereits im Mai 1936 wurde Frau Scheibner wegen Geistesstörung und Suizidgefahr erneut in Herzberge aufgenommen. Hier verbrachte sie zwei Jahre, bis Oktober 1938. Immer wieder wird vermerkt, dass sie sehr laut und unruhig war, jammerte, schimpfte und grimassierte, Sachen zerriss und umherwarf. Auch wird von Situationen berichtet, in denen sie das Pflegepersonal angriff, Mitpatienten belästigte und hässliche, ordinäre Reden führte. Frau Scheibner wurde häufiger isoliert. Es gibt aber auch Aufzeichnungen darüber, dass sie freundlich, zum Teil heiter gewesen sei und ein gewisser Kontakt zur Umwelt bestanden habe.
Nach der Entlassung aus der Anstalt blieb sie ein Jahr lang bei ihrer Tante in der Familienpflege. Von 1939 an arbeitete sie vier Jahre in einem Rüstungsbetrieb. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie ein Grundstück (Parzelle) geerbt. Deswegen gab es Streit mit der Stiefmutter, mit der der Vater zuletzt verheiratet gewesen war. Sie musste sich ihr Grundstück, auf dem eine kleine Hütte mit Stube und Küche stand, erkämpfen.
Am 15. Dezember 1943 wurde Frau Scheibner in die Wittenauer Heilstätten eingeliefert, weil sie nach Angaben eines Nachbarn unvollständig angekleidet umhergeirrt war und wirre Reden geführt habe. Bei der Aufnahme wurde vermerkt, dass Frau Scheibner über ihre Personalien orientiert war, jedoch keine Zeitangaben zu den vorherigen Aufenthalten in Krankenanstalten machen konnte. Sie erzählte weitschweifig und wollte auch Ungefragtes anbringen. Inhaltlich machte sie Andeutungen von etwas Expansivem und berichtete von akustischen Halluzinationen: „Die Stimmen sagen, ich darf nicht sterben, ich muss in die Fußstapfen meines Vaters treten.“ Auch in der folgenden Zeit war Frau Scheibner sehr verwirrt und unruhig. Sie hatte Schlafstörungen, führte ständig Selbstgespräche („unterhielt sich rege mit ihren Stimmen“) und wurde häufiger laut. Mindestens dreimal wurde sie isoliert.
Am 11. Februar 1944 wurde Frau Scheibner in die Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde verlegt. Bereits sechs Tage später, am 17. Februar, starb sie angeblich an „Entkräftung“. Tatsächlich lassen die Umstände darauf schließen, dass Bertha Scheibner in Obrawalde in einem dort tausendfach geübten Verfahren mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Die Biografie wurde von Bente Seelig erarbeitet.

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