Marie Thiele

* 4. 12. 1896 Berlin –
† 24. 3. 1944 Obrawalde

Thiele_Marie_stolperstein.jpgMarie Thiele wurde am 4. Dezember 1896 in Berlin als Tochter eines Kaufmanns geboren; sie hatte fünf Geschwister. Nach der Schule war sie als Verkäuferin tätig und heiratete mit 18 Jahren den Ingenieur Siegfried Thiele. 1915 wurde ein Sohn geboren. Sie wohnte zuletzt am Klosterheider Weg 1 in Berlin-Reinickendorf.

Mit 42 Jahren wurde sie erstmals stationär psychiatrisch behandelt. Vorausgegangen waren Monate, in denen sie aus Sorge um den Sohn, der als Hauptfeldwebel in Österreich diente, unruhig und depressiv gewesen war. Im April 1939 wollte sie, von einer plötzlichen „Wanderlust“ befallen, zu ihrem Sohn reisen, wurde aber in München verwirrt aufgegriffen und kam für vier Wochen in die Nervenklinik der Berliner Charité. Die zunächst diagnostizierte Schizophrenie bestätigte sich nicht, die Symptome deuteten vielmehr auf eine depressiv-paranoide Rückzugspsychose hin (in den Krankenakten als präsenile-paranoide Psychose oder klimakterische Psychose bezeichnet).
Marie Thiele fühlte sich durch Nachbarn, die Polizei, „die“ Katholiken beobachtet und verfolgt, sie hörte vermutlich Stimmen, fühlte sich durch Strahlen beeinflusst. Immer wieder fiel sie durch öffentliches Schimpfen, z. T. auch mit politischen Inhalten, auf. Sie war affektlabil, das eine Mal ängstlich und depressiver Stimmung, ein anderes Mal wieder aggressiv und laut.
Nach dem stationären Aufenthalt im April 1939 lebte sie zunächst zu Hause; am 2. September 1939 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Buch eingewiesen. Auf diesen zweiwöchigen Aufenthalt folgte wiederum eine längere Phase zu Hause in Hermsdorf, bis sie am 14. Februar 1941 polizeilich in die Wittenauer Heilstätten eingeliefert wurde. Dort wurde sie mit „Haus- und Handarbeiten“ beschäftigt, häufig aber auch isoliert, da sie sehr viel schimpfte und renitent war. Ihr jüngerer Bruder befand sich wegen einer paranoiden Psychose vermutlich zu dieser Zeit ebenfalls in Wittenau. In einem Gespräch gab sie an, dass sie die Befürchtung, bestrahlt zu werden, von ihm gehört und dann auch auf sich bezogen habe.
Im Juni 1942 wurde sie, ohne dass sich ihr Zustand verbessert hätte, nochmals nach Hause entlassen, um am 10. Dezember 1942, kurz nach ihrem 46. Geburtstag, erneut polizeilich in die Wittenauer Heilstätten eingewiesen zu werden. Am 15. Dezember wurde sie „zur Verlegung in die Provinz vorgeschlagen“ und am 29. Dezember 1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde, rund 150 km östlich von Berlin gelegen, verlegt.
Nur eine einzige knappe Seite der Krankengeschichte dokumentiert die folgenden 15 Monate. Frau Thiele wurde nach wie vor als sehr unruhig und gereizt beschrieben: („behauptet, nachts von einem ‚idiotischen Arzt‘ Spritzen zu bekommen“) und wurde in den Werkstätten beschäftigt. Über Kontakte zu ihrer Familie in dieser Zeit ist nichts bekannt.
Marie Thiele starb am 24. März 1944; als Todesursache wurde eine akute Nierenentzündung angegeben. Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes darauf schließen, dass sie in Obrawalde mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Die Biografie wurde von Kerstin Stiehler erarbeitet.

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