Walburga Kessler

9.10.1918 Burgberg (Allgäu)
31.7.1944 Irsee

Stellen sie sich vor es ist das Jahr 1944, der Staat hat 1939 entschieden, dass ihr Leben ''unwert'' ist und somit ihre Tötung bzw Ermordung legitim ist, da sie der Gemeinschaft nichts nutzen, weil sie eine körperliche Behinderung haben, sie sind taubstumm, ihre Arme und Beine sind spastisch. Sie werden aus ihrer Umgebung geholt und sie werden von einer Anstalt zur nächsten verschleppt, bis sie in eine Einrichtung transportiert werden, in der Sie nackt fotografiert werden und getötet
werden. Ihr Todesurteil steht fest da sie begutachtet wurden. Sie erhalten eine speziell dosierte Hungerkost so dass sie verhungern müssen, ihr Körper wird schwächer und sie bekommen Fieber und wenn das noch nicht genug ist bekommen sie eine tödliche Injektion mit einer Spritze.

Recherchiert von Matt Kessler , Urgroßneffe


Ansprache von mir bei der Stolpersteinlegung am 14.09.2015


''Hallo mein Name ist Walburga Kessler, ich wurde am 9. Oktober 1918 in Burgberg geboren. Ich hatte einen Vater , eine Mutter und fünf Geschwister. Ich kann nicht hören und ich kann nicht sprechen, ich kann weder laufen noch meine Arme ausstrecken. Mama hat mich immer getragen. In dem Jahr als ich meinen 10. Geburtstag hatte, verstarb meine Mutter plötzlich und so hatte ich und meine Geschwister nur noch den Vater. Mein Vater brachte mich ein Jahr später in ein Heim in Lochau am Bodensee in Österreich.
Als ich das erste mal Tante wurde hat mich auch meine kleine Nichte besucht. Im Winter 1938 kam ein Gemeindearzt , der mich untersuchte. Ich versuchte in anzulächeln. Er sagte, ich sei krüppelhaft, es würde keine Besserung geben und keine Heilung sei möglich, ich sei nicht bildungsfähig. Drei weitere Jahre wohnte ich noch im Heim in Lochau, bis ich im Februar 1941 plötzlich vom Deutschen Roten Kreuz abgeholt und in die Heil-und Pflegeanstalt Valduna bei Rankweil transportiert wurde. Dort untersuchte mich auch noch einmal ein Arzt. Ich lächelte ihn an aber er nannte meinen Zustand Taub-Stumme Idiotin und unheilbar. Einen Monat später wurde ich in die Heil-und Pflegeanstalt Hall in Tirol gebracht. Ich musste im Bett liegen und wenn das Pflegepersonal in meiner Nähe war und sie mit mir Zeit verbrachten zeigte ich ihnen dass ich mich freute und lächelte. Hier mussten aber alle die Anstalt verlassen. Ich weinte weil ich gehen musste. Zwei Pflegerinnen begleiteten mich in die Heil und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Auch hier wurde ich nochmals begutachtet, und durfte öfters in den Garten auf dem Anstaltsgelände. Ich fühlte mich gut und zeigte es. Am 2. September 41 wurde ich von Kaufbeuren nach Irsee gebracht. Mir wurde die Kleidung ausgezogen und ich wurde fotografiert. Ich lächelte den Doktor an der mich jetzt begutachtete. Ich zeigte, dass ich ihn verstehe, machte mich so gut ich konnte auf mich aufmerksam, wenn ich Hilfe brauchte. Auch hier wurde gesagt, dass ich viel Pflege brauche, da ich schwersten Defekt habe und meine Arme und Beine schwer spastisch seien.  Die Tage, Monate, Jahre verbrachte ich im Liegen . Ich bekam dann eine speziell dosierte Hungerkost. Davon wurde ich immer schwächer. Ich bekam hohes Fieber. Die Klinik schrieb extra ein Telegram an meinem Vater, dass es mir immer schlechter ging, aber er durfte mich nicht
besuchen. Das Jahr 1944 überlebte ich nicht. Als ich am 31.Juli 1944 hier sterben musste, war ich 25 Jahre alt''.

Heute 71 Jahre später legen sie alle mit mir, dem Urgroßneffen, einen Stolperstein für Walburga. Da Walburga jeden freundlich anlächelte, bitte ich Sie nun in Gedenken an Walburga, ihr anstatt einer Schweigeminute ein Lächeln zu schenken.

 

FAMILIENFORSCHUNG und AUFDECKUNG

Seit meiner Recherche 1999 bis heute im Jahr 2015, fand ich mir unbekannte Dokumente bzw. erhielt Einblick in ärztliche Unterlagen über eine Person, eines Familienmitglieds, eines Menschen. Es wird berichtet über meine Urgroßtante ''Wally'' Keßler. Ich bin eher zufällig auf das Schicksal meiner Urgroßtante Walburga Keßler gestoßen, da ich seit dem Jahr 1999 Ahnen-Familienforschung betreibe.  So war mit all den mitgebrachten Familiengeschichten auch bekannt, dass es da ein Mädchen gab,
dass in einem Heim in Oberlochau bei Bregenz lebte, dass dieses Mädchen als kleines Kind von ihrer Mutter immer getragen werden musste und meine Großmutter Inge (Jahrgang 1930) ihre Tante auch in Kindheitstagen in Lochau besucht hatte.

Auf der Suche nach Geschwistern meiner Vorfahren und Vorfahrinnen in Burgberg und Sonthofen stiess ich auf eine Walburga Keßler , die dies besagte Mädchen war. Es war nun nicht mehr nur eine Erzählung sondern es bekam langsam ein Gesicht, in welches ich auch bald blicken konnte.  Ich erhielt vier Photos, welche in der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee aufgenommen wurden. Gleichzeitig sind es so erschütternde Bilder, dass zum Schutz diese Aufnahmen nicht öffentlich gemacht werden. Wie Walburga als Schwester, Tochter ihr Familienleben erlebte, ist leider nicht mehr überliefert. Jedoch kann ich bestätigen, dass sie eine schöne junge Frau war : schlank, braune
Augen, dunkelblond , ganz ihre Mutter , sie lachte, weinte und sie war neugierig. Sie war ein lebendiger Mensch. Wissend, dass einerseits Wallys und meine Vorfahren Keßler aus dem Kleinwalsertal stammen und seit Jahrhunderten dort lebten (eingewanderte Walser um 1280-1320 aus dem Kanton Wallis, Schweiz nach Vorarlberg in Österreich) und anderseits dass ich erst durch die Erforschung meiner Familie, da mein Großvater aus South Carolina,USA stammt der von 1946 bis 1948 in Sonthofen (Allgäu) auf der ehemaligen Ordensburg Sonthofen, die während des Nazianalsozialismus gebaut wurde, stationiert (US Army Constabulary School) war , und meine Großmutter Inge,  geborene Kessler, sich am alten Bahnhof in Sonthofen kennen lernten, kann ich somit sagen dass hier alles beginnt.

DIE FAMILIE

Meine 4 mal Urgroßeltern Joachim Keßler und seine Frau Maria Barbara Schugg kamen um 1867 mit ihren 11 Kindern aus Riezlern , Kleinwalsertal,Österreich-Ungarn nach Sonthofen im Allgäu, Königreich Bayern. Unter den zahlreichen Kindern, war mein Urururgroßvater Frz. Leopold Keßler, geboren 1855 in Riezlern, Kleines Walsertal, Vorarlberg, Bezirk Bregenz, Österreichisch- Ungarische Monarchie. Leopold Keßler heiratete in Sonthofen und lebte bis zu seinem Tod 1934 in Sonthofen. Sein Sohn Adolf Keßler, der 1884 in Sonthofen geboren wurde, heiratete 1908 die aus Burgberg (Allgäu) Krs. Sonthofen stammende Julianna ''Julie'' Schmid. So versuchte ich der Familiengeschichten auf den Grund zu gehen, ohne zu wissen wohin mich das führt und welches Schicksal ich hier aufdecke.

GEBURTSTAG

Burgberg im Allgäu, ein am Grünten, einem 1738 Meter hohen Bergrücken gelegenes Dorf. Es ist gegen Ende des 1. Weltkriegs im Jahr 1918, es ist Mittwoch der 09.Oktober als um ½ 6 Uhr ( im Geburtseintrag wird 7 Uhr Nachmittags angegeben) Julie Keßler geb.Schmid mit Unterstützung der Hebamme Theresia Moosbrugger, im Haus Nr. 32 ( heute Alt-Bgm.- Köberle-Str. 2) ein Mädchen gebärt.  Walburga ist das vierte Kind des Ehepaares Adolf und Julianna Keßler und der 14. Eintrag im Geburtenbuch, welches in Burgberg geboren wird und am 10. Oktober 1918 dem Standesamt Burgberg , Beziksamt Sonthofen, Standesbeamter Haberstock, gemeldet wird. Auch gleich am 10.
Oktober wird das neugeborene Familienmitglied in der Kath. St. Ulrich Kirche in Burgberg getauft und erhält nach ihrer Großmutter den Vornamen Walburga. In den Jahren 1909 bis 1913 wurden ihre Geschwister Rosa, Katharina und Leopold geboren. Nach Walburga werden zwischen 1919 und 1921 noch zwei weitere Geschwister, Josef und Julianna geboren. Die Familie Keßler wohnte direkt im Ortskern nicht unweit der Kirche (quasi nebenan) , die den Mittelpunkt des Ortes prägt. Am 12. Mai 1919 wird Walburga zum ''ersten Male mit Erfolg'' geimpft. Durch die Impfung ist der gesetzlichen Pflicht genügt .

Burgberg (Allgäu) im Jahr 1922
Burgberg (Allgäu) im Jahr 1922

 

Aus den Jahren 1919 bis 1928/1929 sind keine Dokumente überliefert , außer dass das Nesthäckchen Julianna Keßler, die 1921 geboren wurde, nur ein Jahr später verstarb.

 

Die Mutter Julianna ''Julie'' Keßler geb. Schmid mit den Geschwistern von Walburga ( die drei erstgeboren Kinder), darunter auch meine Urgroßmutter Katharina. 1917 oder 1918

Foto Familie Keßler Mutter mit den drei ältesten Kinder ohne Walburga (Mitte: Mutter Julie Keßler
geb. Schmid, li.Rosa Keßler , re. Katharina Keßler, mi. Leopold Keßler)

 

 

10 Jahre nach dem 1. Weltkrieg

Die Mutter von Walburga, Julie Keßler, stirbt mit 44 Jahren am 12.02.1928 im Krankenhaus in Sonthofen ( Sterebeeintrag , Anzeigender war Krankenhausverwaltung Sonthofen). Somit ein großer Verlust für die ganze Familie, da sie sich, wie zu jener Zeit üblich, um die Kindererziehung kümmerte sowie um die Pflege von Walburga. Ihre Kinder waren zu diesem Zeitpunkt: Rosa 19, Katharina 16 (fast 17), Leopold 14 (fast 15), Walburga 9 Jahre (sie wurde im Oktober 1928 erst 10), Josef 8 (fast 9). In den Aufzeichnungen ab 1929 ist überliefert, dass Adolf Keßler , nun Witwer, sich und seine Kinder, darunter seine Tochter Walburga, in Mittelberg , Österreich anmeldete. In einer sogenannten ''Heimatrolle der Gemeinde Mittelberg/ Kleines Walsertal'', durch Abstammung, ist die Familie aufgeführt. Bis 1938 hatten alle Familienangehörige darunter auch meine Großmutter Inge A. geborene Keßler die österreichische Staatsangehörigkeit.  Im eigenen Heimatschein von Walburga Keßler, Mittelberg, vom 3. Januar 1929 wird bestätigt dass sie nach österreichischem Recht Heimatrecht hat.

Stammblatt No. 13,
Land Vorarlberg
Polit. Bezirk Bregenz
Heimatschein
No 709
womit von der Gemeinde Mittelberg bestätigt wird, daß
Name Walburga Keßler
Charakter oder Beschäftigung /
Alter geb. 9. X. 1918
Stand ledig
in dieser Gemeinde das Heimatrecht besitzt
Mittelberg, den 3. Januar 1929
Eigenhändige Unterschrift der Partei:
für die Gemeinde:
(handschriftlich) Fritz Gemeindevorsteher

Nun folgt die Einweisung in das ''Jesuheim'', eine Pflegeanstalt für Unheilbare in Lochau bei Bregenz in Vorarlberg. Hier ist Walburga im Einwohnerbuch verzeichnet. Ihre Anmeldung (Eintritt) war der 07.01.1929 und Austritt 27.2.41 ( Nr. 30). Walburga war 11 Jahre alt, als sie im Jesuheim eintraf. Hier finden sich keine Unterlagen aus den Jahren 1929 bis 1937. 1938 wurde Österreich ins deutsche Reich eingegliedert und wurde zur Ostmark unbenannt und das Kleinwalsertal kam zum Bezirk Sonthofen bzw. oft wird in den Dokumenten vom Gau Tirol -Vorarlberg gesprochen.

Das Jesuheim: Pflegeanstalt für Unheilbare

Das Jesuheim: Pflegeanstalt für Unheilbare

Am 23.12.1938 folgt vom Landesfürsorgeverband Augsburg ein Schreiben an die ''Anstalt für Unheilbare'' -Jesuheim- Oberlochau Vorarlberg.

Landesfürsorgeverband Schwaben
(Kreisfürsorgeausschuß)
Unsere Akten-Nr.: Beilagen:
3435
An
die Anstalt für Unheilbare
-Jesuheim-
Oberlochau
Vorarlberg
Augsburg, den 23.12.1938
Betreff: Anstalstversorgung für K e s s l e r Walburga,
geb. 9.10.1918 in Burgberg
FW. Mittelberg BezA. Sonthofen
Gruppe: Kb. Kh Soz.R. Kl.R. Armenfürsorge
Art.6 Abs. I Ziff.1 / Art.6 Abs. I Ziff.2 / Art. 6 Abs. IV FürsG.
Wir übernehmen die Fürsorge mit Wirkung vom 15.10.1938,
dem Tage der Zuteilung der gemeinde Mittelberg zum Bezirk Sonthofen......
Auch ein Meldeschein von Walburga ist in Lochau zu finden:
Name: K E S S L E R Walburga
Beruf: Pflegling
Geb.-Datum: 9.10.1918
Geburtsort: Burgberg
Familienstand:ledig
Staatsangehörigkeit: Österreich
Rel.-Bek.: r. k.
Zugezogen: am 7.2.29
Hiesige Wohnung Anschrift: Lochau Nr: 74 bei: Jesuheim
Fortgezogen am: 27.2.41 nach: Valduna

Bevor ich den Meldeschein fand, war nicht bekannt, wohin Walburga Keßler am 27.2.1941 gebracht wurde, da alle Unterlagen aus dem Jesuheim mitgenommen wurden bzw. kein weiterer Vermerk im Bewohnerbuch des Jesuheim war. In der Abschrift des Dokumentes ''Der Landrat des Kreises Bregenz (Gesundheitheitsamt),: Amtsärztliches
Gutachten sind auf drei Seiten die I. Persönlichen Verhältnisse, II. Körperliche und Psychischer Befund und III. Gutachten zu finden. Dieses Gutachten wurde  am 22.2.1941 in Bregenz erstellt.

In dem Dokument mit dem Titel "Amtsärzliches Gutachten zum Zwecke der Feststellung der Eignung von erwachsenen Geisteskranken, Geistesschwachen oder Fallsüchtigen zur Aufnahme in eine Heil=*) und *) Pflegeanstalt" wird Walburga als ''Unheilbar'' eingestuft.

Ist Anstaltspflege notwendig? Aus welchen Gründen? Wegen Idiotie
ständige Beobachtung.
Vorschlag über die zu wählende Anstalt: Gau Heil und Pflegeanstalt Valduna

Hier findet sich dann die Akte (zwei Seiten) aus der:

Gau=Heil= und Pflegeanstalt Valduna in Rankweil Reichsgau
Tirol-Vorarlberg.
Walburga wurde am 27.2.1941 aufgenommen und entlassen am 24.3.1941
Diagnose 1 a Zustandsbild Taub-Stumme Idiotin
24-3. Nach Hall überstellt

Hierzu wird vom Landesfürsorgeverband Schwaben in Augsburg ein Schreiben an die Heilanstalt gesendet:

Landesfürsorgeverband Schwaben
Anschrift: Augsburg 1, Postfach Regierungspräsident
Fernruf: Nummer 5842
Zahlstelle: Regierungshauptkasse Augsburg
Postscheckkonto: München Nummer 1624
An
die Direktion der Wohltätigkeitsanstalt
V a ld u n a
bei Rankweil,
Vorarlberg.
Zeichen: Ihr Schreiben vom: Unser Zeichen 3445. Augsburg, den 13.3.41.
Betreff: Anstaltsversorgung für Kessler Walburga, geb. 9.10.1918 in
Burgberg; FW. Mittelberg. ( geistesschwach, taubstumm, krüppelhaft)
Die Kessler Walburga, für welche wir die Kosten zu tragen haben, wurde
am 27.2.41 aus der Anstalt Lochau-Bregenz in Ihre Anstalt verlegt.
Wir ersuchen mitzuteilen , welche Pflegekosten wir zu zahlen haben. Die
K. werden wir voraussichtlich in die Heilanstalt Kaufbeuren verlegen
Die Antwort der Anstalt in Valduna an den Landesfürsorgeverband mit einem entsetzlichen Detail:
24.März 1941
An den
Landesfürsorgeverband Schwaben,
A u g s b u r g 1
Für die Dauer des hiesigen
Aufenthaltes ist für Kessler Walburga der Verpflegesatz
von RM 3.-- zu zahlen.
Gleichzeitig teilen wir Ihnen mit , daß die Kranke im
Zuge der etappenweisen Räumung der Anstalt heute in die
Heil- und Pflegeanstalt Solbad Hall, Tirol verlegt wurde.
Der Direktor:
(Dr. Josef Vonbun).

Landesirrenanstalt Valduna in Rankweil
Die Landesirrenanstalt Valduna in Rankweil

Die Aufnahme in Hall erfolgte am 24. März 1941. Hier ist zu lesen:

Serum: negativ
Landes= Heil= und Pflege= Anstalt, Hall, Tirol.
Name: K E S S L E R Walburga
Geburtsort: Burgberg Kreis Sonthofen Beruf: Pflegling
Wohnort: Oberlochau, Jesuheim Alter: geb. 9.10.1918
Heimatsort: Mittelberg Religion: röm.kath.
Bezirk: Bregenz Stand: ledig
Aufnahme am: 24. März 1941 Abgang am 22.April 1941 als überstellt
Anstalt Kaufbeuren
Diagnose: Idiotie, taubstumm-
Zustandsbild: pflege- u. Hilfsbedürftig- nicht besserungsfähigErbliche
Belastung: angebl. unbek.

Hier folgt dann die Krankengeschichte, dann der letzte Eintrag der Anstalt:

22.4.41: Die Kr. wird heute in die Heil- u. Pflegeanstalt nach Kaufbeuren überstellt (über Auftrag des Ld. Fürsorgeverbandes Schwaben).
Die Kr. war bettlägrig, verheilt sich ruhig, benötigte keinerlei Medikamente, war vollkommen pflege-und hilfsbedürftig. Wenn Kr. den Arzt oder jemanden vom Personal in ihre Nähe kommen sah, lachte Kr. freudig , gab z.B. zu verstehen, wenn sie beim Essen genug hatte, freute sich, wenn man sich mit ihr etwas abgab. Weinte beim Verlassen der Anstalt, schien doch zu erfassen, dass sie von hier weg kommt.

 

Innerhalb von nur ein paar Wochen bzw 2 Monaten wird Walburga wieder verlegt , diesmal das letzte mal nach Kaufbeuren bzw. nach Irsee.

Heil= u. Pflegeanstalt Kaufbeuren
Krankengeschichte
der K e s s l e r Walburga
geboren am 9.10.1918 in Burgberg
Wohnort Mittelberg
Landrat Sonthofen
Letzter Aufenthalt Heil-und Pflegeanstalt Solbad Hall/ /Tirol
( vorher angegebener Ort wurde gestrichen: Valduna bei Rankweil, Vorarlberg)
Beruf o.B.
Familienstand, ledig, verheiratet, verwitwet, geschieden
Religion r,katholisch
Adresse der nächsten Angehörigen ( bezw. des gestzl. Vertreters)
keine.
Hierzu möchte ich vermerken, dass der gesetzliche Vertreter und nächste Angehörige  vorhanden waren: Adolf Keßler in Burgberg (Vater von Walburga) sowie Angehörige , Geschwister : Rosa, Katharina, Leopold, Josef in Burgberg bzw. Sonthofen.  Am 25. April 1941 wird von der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren an den Bürgermeister von
Mittelberg b/ Sonthofen als Aufnahmebeleg ein ortspolizeiliches Zeugnis erbeten

( Eingang Stempel : Der Bürgermeister der Gemeinde Mittelberg. kl. Walsertal): 28. April 1941
Auf der Rückseite erfolgt die Antwort (Nr. 808) "Mit 1 Beilagezurück. Die Erstellung eines ortspolizeilichen Zeugnisses ist uns leider nicht möglich. Kessler war hierorts noch nicht wohnhaft, Ihre Eltern waren in frühen Jahren einmal hier sesshaft und hatten auch das Heimatrecht in hiesiger Gemeinde nach österreichischem Recht erworben. Wohnhaft waren sie in Burgberg bei Sonthofen, wo sie vielleicht heute noch wohnhaft sind. Nachdem für die Ostmark nunmehr auch die RFV Gültigkeit hat........'' Mittelberg, den 6. IV . 1941
Der Bügermeister:
(Unterschrift) G. Kessler

Das Ortspolizeiliche Zeugnis erfolgt jedoch am 14.Mai 1941 aus Burgberg in Vetretung des Bürgermeisters: Köberle. Im selben Jahr, am 15. November 1941, erhält die Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren eine Anfrage von Rosa Kitzinger geb. Keßler nach ihrer Schwester Walburga:

Sonthofen, 15. Nov 1941
Verwaltung der Heil u. Pflegeanstalt! Unterzeichnete bittet obige Verwaltung höflichst um folgende Auskunft. Befindet sich in Ihrem Betreuungskreis ein Pflegling namens Wally Keßler ? ( Selbige wäre von Lochau bei Bregenz zu Ihnen gekommen.) Im bejahten Falle, bitte Ich um gefällige Zuschrift, ob, man selbige besuchen darf o. kann. Ferner wenn in Ihrem Bereich die Besuchszeiten festgesetzt sind. Zur gefälligen Beantwortung liegt Briefmarke bei. Ich selber bin die Schwester, von dem genannten Pflegling. In der Hoffnung keine Fehlbitte getan zu haben.
gezeichnet
„Heil Hitler."
Rosa Kitzinger . ( geb. Keßler)
Sonthofen /Allgäu

Antwort :

1034
18.November 1941.
Frau Rosa Kitzinger
Sonthofen/Allg.
Ostrachstr.41
Sehr geehrte Frau Kitzinger!
Auf die Anfrage vom 17.11. teile ich Ihnen mit, dass sich Ihre Schwester Walburga K e s s l e r seit 22.4.41 in der Abteilung Irsee der hiesigen Anstalt befindet, Sie können Ihre Schwester hier jederzeit besuchen. Bahnstation ist Leinau.
Heil Hitler !
( Stempel)
Dr. med. Lothar Gaertner

Zu der Krankengeschichte die in der Heil- u. Pflegeanstalt Kaufbeuren aufgezeichnet ist, sind Schreiben auch wieder von dem Landesfürsorgeverband Schwaben. Laut Krankenblatt wurde Walburga am 2.9.1941 nach Irsee verlegt, am Anfang wurden regelmässige Einträge gemacht bis zur Verlegung nach Irsee, später unregelmässig: Für die Jahre und 1943 gab es jeweils einen Eintrag.  Ab dem 9.6.1944 bis 31.7.44 finden sich zwei Einträge. Alle handschriftlichen Einträge (15.10.41, 20.7.42, 29.4.43) sind mit einem G. gezeichnet. (Dies ist die Handschrift von Dr. Gärtner) , die anderen Einträge sind von einem W. Der letzte Eintrag am 31.7.1944 ist mit einem Kreuzeichen versehen mit den letzten Worten:
...Der Tod erfolgte an Herzinsuffizienz.

Aus der Gewichtsliste ist festzustellen, dass Walburga die E-Kost erhielt:

Gewichtsliste
für den Kranken Kessler Walburga
Jahr 1944 Juli kg 27 1/2
Juli kg (Kreuzzeichen) d. 31.7.44 18 Uhr
Fieberkurve ( Blatt 1, Juli & Blatt 2, Juli u. Aug. )

Am 31.7. 1944 gingen 2 Telegramme an den Vater von Walburga:

1. Telegramm:
T e l e g r a m m :
----------------------
Adolf K e s s l e r B u r g b e r g, Hs.Nr.46
------------------------------
Walburga lebensgefährlich erkrankt.
Besuch kann wegen Infektionsgefahr nicht gestattet werden.
Anstalt Irsee.
31.7.1944
17.15 Uhr Schropp

2. Telegramm:
T e l e g r a m m :
----------------------
Adolf K e s s l e r B u r g b e r g, Hs.Nr.46
------------------------------
Kreis Sonthofen
Walburga gestorben. Bererdigung wegen Ansteckungsgefahr ( vorherige Worte gestrichen: 3.8.1944 13 Uhr in Irsee) 1. August 9 Uhr in Irsee
Anstalt Irsee. 31.7.1944 19.30 Uhr Schropp.

Der Leichenschauschein wurde von Dr. Gärtner der Anstalt Irsee gezeichnet.

Auf der Akte von Walburga in Kaufbeuren in Handschrift:
Kessler Walburga
Mittelberg B. A. Sonthofen
22/4.41 Zugag. v. Hall (Tirol)
31.7.44 handschriftliches ''rotes Runenzeichen'' (Bedeutung: Exitus)
Kessler Walburga 12077

Der Tag an dem Walburga Kessler in der Heil-und Pflegeanstalt Irsee sterben musste, war ein Montag.

 

In dem Film werden Filmaufnahmen aus Irsee verwendet. 1940 kam ein Kamerateam in die Anstalt, um Aufnahmen für einen Film zu machen, der letzlich die Krankenmorde rechtfertigen sollte.

Während meiner Forschung stieß ich erst kürzlich auch auf eine Dokumentation ''Alles Kranke ist Last'' von Ernst Klee und Gunnar Petry aus dem Jahr 1988 über die ''Vernichtung unwerten Lebens'' im Dritten Reich. Hier werden Originalfilmaufnahmen der Tötungsanstalten gezeigt. Es sind auch Filmaufnahmen in der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren- Irsee in der Dokumentation zu sehen. Der sollte letztlich die Krankenmorde rechtfertigen, wurde aber nie veröffentlichet. Die Aufnahmen aus Irsee sind aus dem Jahr 1940 sowie 1941. Walburga Kessler wurde im September 1941 von der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren in die Zweigstelle Irsee verlegt. So konnte ich Filmausschnitte dem Jahr 1941 zuordnen, da Walburga ebenfalls zu erkennen ist.

 Die Aufnahmen aus Irsee beginnen ab 35:53. Sie wurden in der Absicht erstellt, Behinderte vorzuführen und die Zuschauer von der Richtigkeit des Krankenmordes zu überzeugen. Sie sind keinesfalls ein authentisches Zeugnis des Lebens in der Anstalt. Letztlich handelt es sich um menschenverachtende Propaganda.

Am 21. März 2014 wurde, (hier bin ich den Bezirkskliniken Schwaben BKH Kaufbeuren Herrn PD. Dr. A. Putzhammer und Frau A. Weigl-Gosse - Pastoralreferentin Kath. Seelsorge Bezirkskliniken Schwaben BKH Kaufbeuren, sehr dankbar ) nachträglich in den  bereits stehenden Gedenkstein für die über 2000 Euthanasie Opfer in Kaufbeuren und Irsee der Name meiner Urgroßtante Walburga Kessler eingraviert : ''Walburga K. 1918-1944'' Der Gedenkstein befindet sich auf dem Gelände des Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren.

Am 01.07.2014 wurde ein Stolperstein an Ihrem Geburtshaus in Burgberg (Allgäu) gelegt

Der Stolperstein in Burgberg im Allgäu
HIER GEBOREN
WALBURGA KESSLER
JG. 1918
UNTERGEBRACHT IN
VERSCHIEDENEN
HEIMEN/HEILANSTALTEN
'VERLEGT'
HEILANSTALT IRSEE
ERMORDET 31.7.1944

Am 14.09.2015 wurde ein weiterer Stolperstein für Walburga am Kloster Irsee (ehemals Heil-und Pflegeanstalt Irsee) gelegt . (Hier danke ich Herrn Dr. S. Raueiser) und für die Hilfe und Einsicht der Akte von Walburga Kessler , danke ich Frau P. Schweizer- Martinschek (Historikerin) Bezirkskrankenhaus (BKH) Kaufbeuren sowie Herrn Gunter Demnig.
Folgende Inschrift ist auf dem Stolperstein zu lesen:

Der Stolperstein in Irsee

HIER LEBTE
WALBURGA KESSLER
JG. 1918
'EINGEWIESEN 22.4.1941'
ANSTALT KAUFBEUREN-IRSEE
ERMORDET 31.7.1944

Gedenkzeichen am Friedhof

 Gedenkzeichen am Friedhof

 

Information am Friedhof

Information am Friedhof

Fotos, erforscht und zusammengestellt © Matt Kessler, Urgroßneffe



 

 Der Gedenkstein in Irsee

Gedenkstein in Irsee mit eingraviertem Namen

 

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