Walter Frick

* 23.10.1908 Zweibrücken
7.8.1941 Bernau
Walter Frick

"Ein Lied geht um die Welt, ein Lied, das euch gefällt.
Und es wird nie verklingen, man wird es ewig singen.
Flieht auch die Zeit, das Lied bleibt in Ewigkeit."

Dieses Lied hat mich im Jahr der Recherche stets begleitet. Wenn Sie möchten, klicken Sie auf den Text. Es wird sich ein neues Fenster öffnen und Sie hören eine Aufnahme von einem Konzert, das ich im Jahr 2012 kurz nach Beendigung meines Gesangsstudiums in Mannheim gegeben habe.

Eine Dorfkindheit in der heutigen Pfalz - die Jahre 1908-1929

Walter Frick

Eine Dorfkindheit in der heutigen Pfalz - die Jahre 1908-1929

Walter Frick wurde am 23. Oktober 1908 in Zweibrücken als Sohn des Volksschullehrers Hugo Frick und seiner Frau Emma (geb. Schumacher) geboren. Das Paar hatte außerdem eine Tochter, Hedwig (*1907).  Von 1915 bis 1919 besuchte Walter die Volkshauptschule Zweibrücken, um schließlich im Jahr 1919 an die Oberrealschule zu wechseln, an der er 1928 mit hervorragenden Leistungen die Hochschulreife erwarb. Noch im selben Jahr zog Walter nach München, um dort an der Staatlichen Akademie der Tonkunst Klavier und Komposition zu studieren – schon im Jahr 1929 nahm er als zweites Hauptfach Dirigieren hinzu; dies war auch das Todesjahr seines Vaters Hugo, der einer verschleppten Rippenfellentzündung erlag. In München, wo auch seine Schwester Hedwig weilte, um sich zur Kunstlehrerin ausbilden zu lassen, lernte Walter die Gesangsstudentin Luise Frölich (*1905) kennen - und lieben.

Das kurze Glück: Vom Bayreuth des Nordens und privaten Erfüllungen - 1933-1938
Im Jahr 1933 beendete Walter sein Studium, sein Professor im Fach Dirigieren beschrieb ihn als „außerordentlich intelligenten jungen Musiker“, der außerdem sowohl „fleißig und strebsam“ als auch „in rein menschlicher Sache ein außerordentlich anständiger Charakter“ sei. Dies weiß ich aus erhaltenen Briefen und Zeugnissen, aus denen ich hier auch mehrfach zitiere. 
Mit diesen Empfehlungen gingen Walter und Luise – die kurz darauf ihr Studium mit ebenso hervorragenden Ergebnissen beendete – nach Rostock an die Oper, welche damals ob ihrer großen Erfolge mit Wagner-Inszenierungen auch das
„Nordische Bayreuth“ genannt wurde.

 

Verlobung am Meer, Hochzeit in der Pfalz
Die Jahre 1933 bis 1938 waren beruflich wie privat von Glück und Erfolg geprägt. Zu Ostern 1935 verlobten die beiden Musiker sich in Warnemünde (das Bild unten zeigt einen "Schatz", den ich im Sommer 2013 in einer alten Schmuckschatulle finden durfte), im August 1936 schließlich feierten sie Hochzeit im pfälzischen Pirmasens, wo Luises Bruder Pfarrer war.
Im selben Jahr heiratete Walters Schwester Hedwig den Mann, der 5 Jahre später für den Tod ihres Bruders verantwortlich sein sollte: Armin B., Soldat der Waffen-SS.

Im Sommer 1937 schließlich brachte Luise das erste gemeinsame Kind, Gutrune, zur Welt. Die Zeitungskritiken über Aufführungen von Parsifal, Walküre, Lohengrin und anderen Opern sprachen für sich; stets wurden Walters einfühlsames und gewissenhaftes Dirigat und Luises sicherer, reiner Sopran gelobt. Walter war vom Korrepetitor über den Chorrepetitor bis hin zum 2. Opernkapellmeister aufgestiegen – die Stelle des obersten und 1. Kapellmeisters war in Aussicht, doch da nahm das Unheil seinen Lauf.

Der SS-Mann Armin Beilhack

Wie alles langsam zusammenbrach - das Jahr 1939
Was genau dazu führte, dass Walter und Luise einen Strich unter das Kapitel Rostock zogen ist leider bis heute nicht vollständig geklärt. In einem von Hedwig verfassten Lebenslauf ihres Bruders steht, dass das Opernhaus bzw. die Intendanz Walters weiteren Aufstieg verhinderte, da er kein Mitglied der NSDAP war. Diese Erklärung halte ich für sehr wahrscheinlich, zumal auch sonst alle Informationen von Hedwig der Wahrheit entsprechen.
Aus Briefen ist überliefert, dass Walter sich verzweifelt an diversen Opernhäusern bewarb, in Kaiserslautern sogar ein Gastdirigat absolvierte, letztlich aber überall abgelehnt wurde.
Zeitgleich wurde offenbar auch eine Musterung Walters anberaumt, um ihn für den Kriegsdienst einzuziehen. Auch das erklärt seine wachsende Unruhe bezüglich der Stellensuche - denn ein so sensibler Künstler wie er hätte den Kriegsdienst nie und nimmer verkraftet. Darüber, wieso Walter letztlich nicht eingezogen wurde, kann nur gemutmaßt werden. Letztlich ging er im Sommer 1940 nach Berlin, um dort an der Musikhochschule binnen eines Jahres - so der Plan - eine Art "Umschulung" zum Studienrat zu machen.
Luise, die mit dem zweiten Kind schwanger war, würde für diese Zeit zu ihrem Bruder und seiner Familie ins Pfarrhaus nach Pirmasens ziehen. In Berlin, genauergesagt in Oranienburg, lebte Walter vorerst bei Hedwig und Armin, bis er sich schließlich „in Charlottenburg eine Bude mit Klavier“ besorgen konnte.

Ein letzter Gruß aus der Ferne
Als im November 1940 Sohn Achim zur Welt kam, erreichte Luise ein Telegramm mit den rührenden Worten "Glückstrahlend küsst der Ferne die Tapfre."
Ob Walter seinen Sohn jemals gesehen hat, ist nicht bekannt; aus einem Brief geht hervor, dass er plante, das Weihnachtsfest 1940 in Pirmasens zu verbringen, nicht jedoch, ob dies auch eintrat.
Der 9. März 1941 schließlich, der erste Geburtstag von Hedwigs Tochter, sollte der "traurigste Tag seit langer Zeit" werden, wie Hedwig in ihrem Tagebuch vermerkte. An diesem Tag wurde Walter in eine Nervenheilanstalt eingeliefert.
Der Sterbeurkunde ist zu entnehmen, dass es sich um das Sanatorium des Doktor Wieners in Bernau bei Berlin handelte, wobei diese Angaben - gemacht von keinem Geringeren als Armin B. - mit Vorsicht zu genießen sind.

 

Ein Kriegsdrama, ein Familiendrama - der Bericht von Hedwig B.-Frick
Die nun folgenden Beschreibungen basieren auf den Angaben von Walters Schwester Hedwig B.-Frick. Nach Jahrzehnten der inneren Abspaltung öffnete sie sich ihrem Neffen, meinem Vater Achim und schilderte ihm, wie sie ihren einzigen Bruder verloren hatte.

Walter war zu Besuch bei seiner Schwester. Als feinfühliger und sensibler Mensch gingen ihm der Krieg, der langsam auch in Deutschland immer mehr zu spüren war, und natürlich die Trennung von seiner noch so jungen Familie umso näher. Er brach, laut Hedwig, bei diesem schicksalshaften Besuch in Tränen aus. Armin, der die Szene aus dem Nebenzimmer mitbekam, handelte: Seit seine Frau mitbekommen hatte, dass er eine außereheliche Beziehung führte, tobte auch im Haus der Krieg und beide Ehepartner wollten die Scheidung. Ich nehme an, dass Hedwig als Frau eines SS-Mannes eine offizielle Scheidung nicht so leicht einreichen konnte. Armin hingegen konnte vergleichsweise schnell und "sauber" geschieden werden – wenn es in der Familie seiner Gattin Anzeichen auf ein „Nicht-Arisch-Sein“  bzw. auf "kranke" Erbanlagen gab.

Das damals vorherrschende eugenische und rassenideologische Gedankengut propagierte nicht nur die Vernichtung von Andersgläubigen, Homosexuellen oder Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung - auch eine psychische Erkrankung (oder ein labiles Gemüt) reichte aus, um eine gezielte Tötung der betroffenen Person zu begründen. Armin sah in oben beschriebener Situation also vermutlich seine Chance...


Er wollte noch fliehen, doch sie nahmen ihn mit


Es war ein Leichtes, einen Wagen der SS zu organisieren, der den "depressiven“ Walter in die nächste Nervenheilanstalt brachte. Da dies alles so schnell und reibungslos verlief, kann davon ausgegangen werden, dass die Handlung geplant war und Armin nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hatte.

Walter begriff laut Hedwig die Situation, als die SS-Männer ins Haus kamen und wollte noch durchs Toilettenfenster fliehen. Doch das sollte ihm nicht gelingen. Er wurde abtransportiert und kam in die Nervenheilanstalt Bernau, das "Waldsanatorium des Dr. Wieners".

Wie Hedwig reagierte, was in ihr vorging, ob sie ihrem Bruder helfen wollte und nicht konnte, oder ob sie keine Anstalten machte einzugreifen – all das hat sie mit ins Grab genommen. Einzig ihren unsäglichen Schmerz hat sie uns hinterlassen, indem sie im Oktober 1941 folgende Zeilen in ihr Tagebuch notierte:

"Leider habe ich eine sehr große Pause gemacht. Dazwischen liegt so schrecklich Schweres. Der Tod meines einzigen Bruders Walter kurz vor seinem 33. Geburtstag. Er starb am 7. 8. nach 5 Monaten schweren Leidens. Ich selbst bin daran fast krank geworden und habe viel Mühe gehabt, mich wieder einigermaßen zu erholen, aber ich muß es ja meiner Familie und meines Kindes wegen."

Schwer gelitten hat Walter Frick ohne Frage - was genau man ihm in diesen fünf langen Monaten angetan hat, ist mir nicht bekannt, da aus Bernau keinerlei Krankenakten mehr existieren. Fakt aber ist, dass er in genau dem Monat zu Tode kam, in dem das offizielle Tötungsprogramm, das später unter dem Kürzel T4 bekannt wurde, von Hitler gestoppt wurde. Dies bedeutete jedoch keineswegs das Ende der Morde.

 

Luise, die ihren Mann in dieser Zeit noch einmal besuchen konnte, beschrieb ihn viele Jahre später gegenüber ihrem Sohn Achim als „neben sich stehend“ und „wie unter Medikamenten“ - sie habe ihn kaum wiedererkannt.

Diese Wahrnehmungen kamen der Realität näher, als meine Großmutter ahnen konnte. Denn der offizielle Abbruch der organisierten Krankenmorde führte lediglich zu einer Umstrukturierung derselben, zu einer Dezentralisierung der NS-Euthanasie-Verbrechen.

Im Rahmen dieser sogenannten "wilden Euthanasie" wurden die Anstaltspatienten nun nicht mehr in spezielle Tötungsanstalten verlegt und vergast. Stattdessen mordeten Ärzte und Pflegepersonal nun direkt vor Ort - durch gezielte Mangelernährung und Giftspritzen.

Walter Frick wurde höchstwahrscheinlich ein Opfer dieser zweiten Mordphase - jedoch ist es auch hier unmöglich, ein abschließendes Urteil zu bilden.

 

Das Friedhofsamt bestätigt: Eine Beisetzung hat nie stattgefunden

Das Standesamt Bernau konnte mir eine Kopie von Walters Sterbeurkunde zukommen lassen. Neben falscher Adresse und Wohnsituation (Walter habe mit seiner Frau Luise zusammen in Oranienburg gelebt) ist dort als Todesursache "Traurige Verstimmung, Depression, Erschöpfung" angegeben, was als Hinweis auf den Hungertod gewertet werden kann. Erschöpfung war als erfundene Todesursache gemeinsam mit Lungenentzündung eine der am häufigsten gewählten Begründungen, um den plötzlichen Tod von Patienten plausibel zu machen. Ausgefüllt wurde die Urkunde auf mündliches Zeugnis von SS-Soldat Armin B. ...

Beim Friedhofsamt Zweibrücken erfuhr ich im Jahr 2011, dass es für eine Beisetzung von Walter Frick im Familiengrab Schumacher/B./Frick weder eine ordnungsgemäße Eintragung noch eine Genehmigung gibt, obwohl sein Name auf dem Grabstein steht. Eine Notiz sei zwar gefunden worden - von einer offiziellen Beisetzung kann jedoch nicht die Rede sein. Auch in der Todesanzeige ist kein Datum für eine Beisetzung vermerkt. Dies erscheint vor allem aufgrund eines Zufallsfundes auffällig: Unter den archivierten Familiendokumenten befindet sich nämlich auch die Todesanzeige von Luises Mutter, die im gleichen Jahr unter exakt gleicher Aufmachung in der gleichen Zeitung erschienen war -  nur, dass bei ihr ein Beerdigungsdatum angegeben ist, während in der hier abgebildeten Anzeige lediglich der Satz "Die Beisetzung findet in Zweibrücken statt." geschrieben steht.

 

Das Schweigen beginnt - die Zeit nach 1945
Hedwig B.-Frick verließ ihren Mann nach der Tragödie um den Mord an ihrem Bruder. Armin selbst wurde ein Jahr nach Walters Tod (laut Hedwig aufgrund seiner Affäre) an die russische Front versetzt, an der er 1943 fiel. Zu einer amtlichen Scheidung war es dann wenige Wochen nach seinem Tod gekommen, sodass wenigstens Hedwig als geschiedene Frau leben konnte.

Unmittelbar nach den entsetzlichen Erlebnissen war diese in eine innere Abspaltung übergegangen - sie konnte das Erlebte nicht einmal ihren Tagebüchern anvertrauen und schaffte es erst in den späten 1980er Jahren, den drängenden Fragen meines Vaters nachzugeben.
Zweibrücken wurde gegen Ende des Krieges evakuiert, Emma und Hedwig (mit Tochter) verloren sich in den wirren Zuständen aus den Augen, fanden einander jedoch 1945 wieder. Nach einigen Monaten in Notlagern (hierüber ist mir leider nicht mehr als diese Randnotiz bekannt) bezogen sie schließlich eine kleine Wohnung in Zweibrücken. Emma starb in den 1970er Jahren mit weit über 90, Hedwig wurde 1999 als Letzte im Zweibrücker Familiengrab beigesetzt.
Luise Frick-Frölich lebte mit ihren beiden Kindern weiterhin bei ihrem Bruder und dessen Familie im Pfarrhaus von Pirmasens. Sie erhielt nach der Entnazifizierung eine Stelle als Musiklehrerin an der Pirmasenser Mädchenoberschule, wo sie bis zu ihrer Pensionierung mit viel Hingabe Opern mit ihren Schülerinnen inszenierte. Im Jahr 1994 schlief sie in einem Saarbrücker Seniorenheim ein. In einem kleinen Büchlein, in das sie hin und wieder mit zittriger Hand Notizen und Erinnerungen eingetragen hatte, lautet einer der letzten Einträge:

23. Oktober 1993 – Walters Geburtstag. Ich habe lange geschwiegen.

 

Ein Stolperstein für Walter Frick
Walter Frick wurde nur 32 Jahre alt. Seine tragische Geschichte war tatsächlich in Schweigen gehüllt, bis ich 70 Jahre nach seinem Tod mit der Aufarbeitung begann, weil ich schon seit meinem 18. Geburtstag eine plötzliche tiefe Zuneigung zu meinem verstorbenen Großvater wahrnahm und spürte, dass es mehr gab, als das, was mir bekannt war.

 

Um seiner endlich angemessen gedenken zu können, wurde im Februar 2012 in Zweibrücken vor dem Haus, in dem er aufgewachsen war und das den Krieg unversehrt überstanden hat, vom Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein verlegt. Traditionell werden diese Steine vor dem letzten selbstgewählten Wohnsitz des Opfers verlegt. Da mir dieser aber nicht bekannt ist und ich aus Tagebucheinträgen und durch Fotos weiß, dass mein Großvater in Zweibrücken eine glückliche Kindheit hatte, stand es für mich nicht zur Debatte, in Oranienburg - in Sichtweite des KZs Sachsenhausen - nach dem Haus der Beilhacks weiterzuforschen. Durch Straßenumbenennungen und damit einhergehende Neuverteilungen der Hausnummern in der ehemaligen KZ-Siedlung könnte es jedes der Häuser gewesen sein. Ich war sogar vor Ort und klingelte bei Anwohnern - da es sich um eine denkmalgeschützte Siedlung handelt, ist die Geschichte des Ortes den Menschen bewusst - doch über Einzelschicksale weiß dort niemand etwas. Walters Charlottenburger Adresse konnte nicht ausfindig gemacht werden.

 

Der Stolperstein vor der [Alten] Steinhauser Straße 30 in Zweibrücken soll an das tragische Schicksal meines Großvaters erinnern, aber auch an sein Leben - ein Leben, das es wert gewesen wäre, gelebt zu werden. Eben ein lebenswertes Leben.

 

Julia Frick

 

Die geographische Markierung liegt in der Ludwigstrasse 21 in Rostock, Walter Fricks letztem frei gewählten Wohnort

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