Frieda Wessel, geb. Manneck

* 19. 2. 1906 Berlin –
† 1940 o. 1941 (Ort unbekannt)

Wessel_Frieda_Stolperstein.jpgAls ältestes von zahlreichen Geschwistern konnte sie die Schule nur bis zur dritten oder vierten Klasse besuchen (die erste Klasse war damals die Abgangsklasse), da sie zu Hause mithelfen musste. Von ihrem Vater wird berichtet, dass er Trinker gewesen sei. Nach dem 17. Lebensjahr arbeitete Frieda Manneck als Laufmädchen und Fabrikarbeiterin.
1926 heiratete die hübsche, zierliche junge Frau; 1926 und 1927 bekam sie zwei Söhne. Über ihren Mann und über ihre Ehe wissen wir nichts.

Im Juli 1934 zog die Familie in eine Gartenlaube der Kolonie „Am Waldessaum“ (Wesselburer Weg 2a in Berlin-Reinickendorf), was als Hinweis auf ihre schlechte soziale Lage gedeutet werden kann. Die hygienischen Bedingungen waren, ebenso wie die Möglichkeiten, die Lauben zu beheizen, unzureichend.
Damals äußerte Frieda Wessel erstmals die Angst, sie könne beobachtet werden, wenn das Radio nicht ausgeschaltet sei; auch hörte sie ein Klopfen und fürchtete, umgebracht zu werden. Wegen ihrer Verfolgungsideen wurde Frieda Wessel im Januar 1935 in die Wittenauer Heilstätten aufgenommen, wo eine „halluzinatorische Psychose (Schizophrenie) mit Erregungszuständen“ diagnostiziert wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Einweisung war Frieda Wessel 29 Jahre alt, ihre gesunden und normal entwickelten Söhne acht und neun Jahre. Aus der Akte geht hervor, dass sie sich in den Heilstätten nicht wohl fühlte; der Anblick der anderen Patienten war ihr schrecklich: „Ich will gesund werden und meine Freiheit.“ Aufgrund der Diagnose „Schizophrenie“, die damals als Erbkrankheit verstanden wurde, schlug man Frieda Wessel 1935 zur Sterilisation vor. Obwohl sich beide Partner gegen den Eingriff aussprachen und den Beschluss anfochten, wurde Frieda Wessel am 13. August 1935 im Spandauer Krankenhaus zwangsweise sterilisiert. Dies wurde den Eheleuten als Voraussetzung einer Entlassung genannt. Die Irrationalität der Verbindung von Fruchtbarkeit und Psychose wurde nicht nur übersehen, sondern durch die mit der Sterilisation verbundene Entlassung auch noch in die Nähe eines Heilerfolges gerückt.
Aber nicht Heilung trat ein, sondern das Gegenteil. Anderthalb Jahre lagen zwischen Frieda Wessels erstem und zweitem Aufenthalt in den Wittenauer Heilstätten. In dieser Zeit wohnte die Familie weiterhin in der Laube, nebenan lebte eine Schwägerin, bei der sich Frieda Wessel häufig zurückzog. Die zweite Anstaltseinweisung erfolgte am 21. April 1937. Frieda Wessel wurde von einer Ärztin unangekündigt abgeholt; zur Begründung hieß es: „Ging in den Nächten aus. […] bliebe einmal vier Tage aus, kam durchnässt wieder. Wusste nicht, wo gewesen.“
Am 18. Mai 1937 wurde in der Patientenakte festgehalten: „Ist überrascht, dass Ehescheidungsverfahren schwebt.“ Aus einer Eintragung am 25. November geht hervor, dass die Scheidung inzwischen erfolgt war. Gleichzeitig wurde die Dokumentation dramatischer: „Oft erregt und aggressiv […] starke sprachlich-gedankliche Verschrobenheit […] singt, schreit, betätigt sich nicht.“
Am 13. Dezember 1937 wurde Frieda Wesel in die Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalt Neuruppin verlegt. Das ist der letzte Eintrag in ihrer Patientenakte. 1940 oder 1941 wurde Frieda Wessel – möglicherweise nach weiteren Verlegungen – in einer der Gaskammern der Krankenmordorganisation „T4“ ermordet.

Die Biografie wurde von Christina König erarbeitet.

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