Erinnerung im Stadtraum

von Stefanie Endlich

Die Villa am Berliner Tiergartenrand, in der die Planungszentrale der „T4“-Morde untergebracht war, wurde 1944 durch Bomben schwer beschädigt und in den 1950er-Jahren abgerissen. Genau an ihrer Stelle entstand im Jahr 1963 die Philharmonie, das Herzstück des zukünftigen Kulturforums.

Abbildung der Grundrissüberlagerung der Villa T4 und der Philharmonie
Abbildung der Grundrissüberlagerung der Villa T4 und der Philharmonie
Quelle:
Andreas Knitz

Hat der Architekt Hans Scharoun von der Rolle dieses Ortes in der Zeit des Nationalsozialismus gewusst, als er hier einen der schönsten Kulturbauten des 20. Jahrhunderts schuf? Vermutlich nicht, denn die Planungszentren der Massenmorde, die Orte der Schreibtischtäter, gerieten in der Nachkriegszeit schnell und gründlich in Vergessenheit.

Die Entscheidung, auf diesem Grundstück den Philharmonie-Neubau zu errichten, hatte 1959 das Berliner Abgeordnetenhaus getroffen, ausdrücklich auch im Blick auf die Teilung der Stadt und auf die Nähe des Standorts zur innerstädtischen Grenze entlang des Potsdamer Platzes und des Brandenburger Tores, über die hinweg das West-Berliner Konzerthaus gewissermaßen ein Zeichen nach Ost-Berlin aussenden sollte. In den Jahrzehnten nach 1963 entstand hier das Kulturforum mit Philharmonie, Kammermusiksaal, Musikinstrumenten-Museum, Neuer Nationalgalerie, Staatsbibliothek und Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Nach der Teilung der Stadt im Kalten Krieg sollte das Kulturforum mit seinen eindrucksvollen Neubauten die West-Berliner Idee einer eigenen, zweiten „Museumsinsel“ verkörpern, als Gegenstück zur historischen Ost-Berliner Museumsinsel. Der Standort der „T4“-Villa am Nordrand dieses Bereichs war jahrzehntelang weder gekennzeichnet noch in Stadtführern erwähnt.

Erst seit Mitte der 1980er-Jahre machten Bürgergruppen auf die Bedeutung des Ortes aufmerksam. Sie forderten ein Denkmal, das speziell hierfür gestaltet werden sollte. Zum 750-jährigen Stadtjubiläum im September 1987 organisierte eine Initiativgruppe eine Ausstellung am historischen Ort.

Aktion Mobiles Museum
Eröffnung der Aktion "Mobiles Museum" 1987, links Heinz Galinski, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland
Quelle: Geschichtswerkstatt / Claudia Quaukies

Die Aktion „Mobiles Museum“, betreut von der Berliner Geschichtswerkstatt, fand breite Unterstützung unter anderem von der Aktion Sühnezeichen, der Arbeitsgemeinschaft Geschichte an der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, der Ärztekammer Berlin und der Alternativen Liste. Die kleine Ausstellung mit historischen Informationen und Dokumenten wurde in einem ausrangierten und umgebauten Doppeldecker-Bus gezeigt, von außen grau gestrichen wie jene „Grauen Busse“, die in der NS-Zeit die Patienten in die Tötungsstätten gebracht hatten. Erarbeitet hatte die Ausstellung der Historiker Götz Aly, der auch das Begleitbuch herausgab: „Aktion ‚T4‘ 1939–1945. Die ‚Euthanasie‘-Zentrale in der Tiergartenstraße 4“ (Berlin 1987/1989).

Der Graue Bus von 1987
Ein grauer Bus als mobiles Museum vor der Berliner Philharmonie 1987
Quelle: Geschichtswerkstatt / Claudia Quaukies

Mehrere Wochen stand das „Mobile Museum“ neben der Bushaltestelle vor der Philharmonie; Diskussionen und eine Spendensammlung für ein Denkmal machten auf die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde und den historischen Ort aufmerksam. Der Senat von Berlin beschloss jedoch, anstelle eines eigens hierfür gestalteten Denkmals eine Skulptur des amerikanischen Bildhauers Richard Serra aufzustellen.

Die Skulptur Richard Serras
Richard Serras Skulptur Berlin Curves vor dem Martin Gropius Bau im Frühjahr 1987
Quelle: Plakat zur Ausstellung "Der unverbrauchte Blick"

Serra hatte diese Arbeit – zwei geschwungene Stahlplatten, die einen schluchtartigen Durchgang lassen – auf einer Kunstausstellung vor dem Martin-Gropius-Bau gezeigt und zum Kauf angeboten. Das Land Berlin wollte sich mit dem Werk dieses weltberühmten Bildhauers schmücken. Dem Künstler wiederum gefiel der Standort besonders gut; er lobte die Korrespondenz zwischen den geschwungenen Formen seiner abstrakten Stahl-Skulptur und den architektonischen Schwingungen des Philharmonie-Daches.

Die Berlin Junction vor der Philharmonie
Richard Serras Skulptur, jetzt Berlin Junction genannt, vor der Berliner Philharmonie
Foto: Stefanie Endlich

Als die Skulptur im Januar 1988 dort aufgestellt wurde, war die Empörung unter den Initiativgruppen groß. Als Kompromiss erklärte der Senat mit dem Einverständnis von Richard Serra die Skulptur zum Denkmal für die „Euthanasie“-Opfer. Um diese Widmung deutlich zu machen, ließ man neben der Skulptur eine Gedenktafel in den Boden ein, die an die „vergessenen Opfer“ erinnert. Ihr Text wurde mit den Initiativgruppen der Aktion „Mobiles Museum“ abgestimmt. Er weist auf die „Euthanasie“-Verbrechen und auf die Rolle des Ortes hin und endet mit dem Satz „Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter.“ Richard Serra selbst sollte ursprünglich diese Tafel gestalten, überließ dies dann aber dem Berliner Bildhauer Volker Bartsch.

Die Gedenktafel von Volker Bartsch
Die Gedenktafel von Volker Bartsch
Foto: Stefanie Endlich

Seit der Einweihung am 1. September 1989 finden hier jährlich Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen statt. Die Bronzetafel wird von den meisten Menschen als eigentliches Gedenkzeichen angesehen. Die Situation des historischen Ortes der „T4“-Villa wird jedoch bis heute als unbefriedigend empfunden. Richard Serras Skulptur wird meist als Kunst am Bau für die Philharmonie wahrgenommen und nicht als Denkmal für die „T4“-Opfer. Die Bodentafel wiederum kann man im Alltag leicht übersehen. Sie ist immer wieder verschmutzt und wird von parkenden Autos verstellt. Daher wurden seit 1989 immer wieder Ideen, Vorschläge, Forderungen entwickelt, den Bereich vor der Philharmonie so umzugestalten, dass er der Bedeutung des Themas gerecht wird und zur Aufklärung beiträgt.

Seit 2007 trifft sich unter dem organisatorischen Dach der Stiftung Topographie des Terrors eine Initiativgruppe, die sich „Runder Tisch T4“ nennt, ein Zusammenschluss von engagierten Personen, Betroffenenverbänden, Arbeitsgruppen und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Gedenkstätten. Ins Leben gerufen hatte diese Gesprächsrunde Sigrid Falkenstein, deren Tante in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet worden war. Der „Runde Tisch“ hat sich auf die Grundidee eines „Gedenk- und Dokumentationsortes“ auf dem Philharmonie-Vorplatz geeinigt und hofft auf einen baldigen Gestaltungs-Wettbewerb. Der zukünftige Ort soll Teil der nationalen Erinnerungskultur werden, wie sie sich ganz in der Nähe, südlich des Brandenburger Tors, bereits für die anderen Opfergruppen der nationalsozialistischen Verfolgung entwickelt hat: mit neu geschaffenen Denkmälern für die Juden, die Homosexuellen und demnächst für die Sinti und Roma. In diesem Ensemble wäre die ehemalige Tiergartenstraße 4 der einzige authentische Geschichts-Ort und der einzige an der Wirkungsstätte der Täter. Aus diesem Grund sollte hier kein symbolhaftes Denkmal gebaut werden, sondern eine angemessene Gestaltung gesucht werden, bei der die historische Information im Zentrum stehen kann.

Ebenfalls seit 2007 wurde mit mehreren kleinen Unternehmungen versucht, den historischen Ort im Stadtbild sichtbar zu machen. Jugendliche haben während ihrer Ausbildung in vermessungstechnischen Berufen den Grundriss der „T4“-Villa auf dem Boden markiert. Dabei konnte man erkennen, wie sich der Grundriss des alten Hauses mit dem Foyer der Philharmonie überlagert. Im selben Jahr gelang es dem Künstler Ronnie Golz, im Wartehäuschen an der Bushaltestelle vor der Philharmonie eine Glastafel anzubringen, die über den engen Zusammenhang zwischen der „Euthanasie“-Aktion und den Massenmorden in den osteuropäischen Vernichtungslagern informiert.

Einweihung der Erinnerungstafel im Wartehäuschen
Einweihung der Erinnerungstafel an der Bushaltestelle, mit dem Initiator Ronnie Golz (links), dem Rabbiner Yehuda Teichtel und Andreas Nachama, Leiter der Stiftung Topographie des Terrors
Foto: Stefanie Endlich

Dieser „Mahnort Aktion T4 und Holocaust“ kam durch Unterstützung der Firma Wall zustande, muss allerdings mit Werbeplakaten konkurrieren. Im Januar 2008 wurde das „Denkmal der Grauen Busse“ vor die Philharmonie geholt, ein Kunstprojekt von Horst Hoheisel und Andreas Knitz.

Aufstellung des Denkmals der Grauen Busse
Aufstellung des Denkmals der Grauen Busse
Foto: Stefanie Endlich
Das Denkmal der Grauen Busse an der Bushaltestelle vor der Philharmonie
Das Denkmal der Grauen Busse an der Bushaltestelle vor der Philharmonie
Foto: Stefanie Endlich

Seit seiner Entstehung in der südwürttembergischen Stadt Ravensburg, wo es 2007 vor dem Zentrum für Psychiatrie Weissenau aufgestellt wurde, brachten Initiativgruppen es an unterschiedliche Orte, die mit den „Euthanasie“-Morden verbunden sind, als Aufruf zum Erinnern und Gedenken. Vor der Philharmonie stand das „Mobile Denkmal“ bis Anfang 2009. Danach brachte man es nach Brandenburg an der Havel und nach Pirna bei Dresden, wo sich zwei der Mordstätten befunden hatten, nach Stuttgart, Köln und in weitere Städte. Seit 2008 informiert auch eine Tafel der Stiftung Topographie des Terrors am Rand des Gehwegs über die Rolle der „T4“-Villa in der Zeit des Nationalsozialismus und über die Absicht, hier einen Gedenk- und Informationsort einzurichten. Die Grafikerin Helga Lieser hat die Tafel ähnlich gestaltet wie einige andere im Berliner Stadtraum, die an nationalsozialistische Verfolgung erinnern, zum Beispiel an die Deportationen der Juden am Moabiter Güterbahnhof und am Anhalter Bahnhof.

Informationstafel der Stiftung Topographie des Terrors
Informationstafel der Stiftung Topographie des Terrors
Foto: Stefanie Endlich

So finden sich auf dem tagsüber verödeten Vorplatz der Philharmonie mit seinen seit Langem leer stehenden Bus-Inseln einzelne unterschiedliche Hinweise und Markierungen, jedoch keine Gesamtgestaltung, die das Thema auf eindrückliche Weise vermitteln würde. Der lange geforderte Wettbewerb soll noch zum Ende des Jahres 2011 ausgeschrieben werden. Mit seinem Ergebnis wird sich der Eingangsbereich der Philharmonie wesentlich verändern. Eine Open-Air-Gestaltung mit historischen Informationen soll hier entstehen, kein Bauwerk, keine arbeitende Dokumentationsstätte, weil dies offensichtlich zu viel Geld kosten würde und mit dem Denkmalschutz für das Kulturforum nur schwer vereinbar wäre. Die Neugestaltung steht im engen Zusammenhang mit der seit Langem geplanten Erneuerung des Kulturforums insgesamt. Im Masterplan aus dem Jahr 2008 ist das Grundstück der „T4“-Villa markiert. Ein zweiter Haupteingang der Philharmonie entsteht derzeit auf der Ostseite des Gebäudes, zum Potsdamer Platz hin, von wo die meisten Besucher kommen. Auch Richard Serras Skulptur soll voraussichtlich an diesen neuen Haupteingang versetzt werden. Damit kann sie die eigentlich ungeliebte Rolle als Denkmal hinter sich lassen und den alten Eingangsbereich für eine Gestaltung freimachen, die speziell auf die „Euthanasie“-Thematik hin entwickelt wird. Zu hoffen bleibt, dass der zukünftige Gedenk- und Informationsort am Tiergartenrand durch die neue Ausrichtung des Konzerthauses nicht ins Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät.


Abbildung der Masterplan-Überarbeitung 2008 des Kulturforums mit eingezeichnetem T4 Ausschnitt
Kulturforum Masterplan-Überarbeitung 2008 mit eingezeichnetem T4 Ausschnitt
Quelle:
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
Das neue Denkmal an der Tiergartenstrasse
Visualisierung des neuen Denkmals für die Opfer der NS-Euthanasie an der Berliner Philharmonie
Quelle:
Susanne Wilms
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