Aktuelle Diskussionen

Der Umgang mit der NS-Geschichte in aktuellen medizin-ethischen Diskursen

von Katrin Grüber

Beobachter aus dem Ausland meinen, in Diskussionen mit medizin-ethischen Fragenstellungen in Deutschland – auch als Folge der hiesigen Erinnerungskultur und -politik – oft eine allzu große Sensibilität zu erkennen. Tatsächlich spielen in derartigen Debatten Hinweise und Bezüge auf die NS-Geschichte immer wieder eine Rolle und prägen diese explizit oder implizit.[1] Doch das Thema wird auch verdrängt.[2]
Die Bezüge, die in Debatten um Humangenetik, Reproduktionstechnologien, Sterbehilfe und verwandte Themen zu den Medizinverbrechen der NS-Zeit hergestellt werden, sind vielfältig; einige davon sollen nachfolgend beschrieben werden. Befürworter neuer Technologien betonen die Unterschiede zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, Kritiker sehen eine Vergleichbarkeit und Kontinuität zur NS-Geschichte. In beiden Fällen aber stützt eine „ahistorische Drohkulisse“ die eigene Position, anstatt genau hinzuschauen und im Einzelnen auf Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede hin zu analysieren.
Die Notwendigkeit, differenzierter zu argumentieren, zeigt auch die Kritik an der Begründung des Bundesverfassungsgerichtes von 2008 zum Verbot des Geschwisterinzestes. Die Senatsmehrheit begründete sein Urteil unter anderem damit, dass es der Verhinderung erblich bedingter Schädigungen bei Kindern diene, die in einer inzestuösen Beziehung gezeugt werden. Und mit Bezug auf die Geschichte heißt es ergänzend: Der eugenische Aspekt sei „als ergänzende Heranziehung nicht deshalb ausgeschlossen [...], weil er historisch für die Entrechtung von Menschen mit Erbkrankheiten und Behinderungen missbraucht worden ist“. Die Juristin Hörnle kritisiert, dass die Senatsmehrheit das brisante Thema Eugenik mit einer oberflächlichen Begründung eingeführt habe, die die normativen Probleme verschleiere; darüber hinaus habe es den Anschein, als sei dem Gericht mit dem Bezug zur Geschichte nicht ganz wohl gewesen.[3]
Offensichtlich hatte Hassemer, der als einziger Richter gegen den Beschluss gestimmt hatte, seine Kollegen nicht überzeugen können. Seiner Meinung nach seien eugenische Gesichtspunkte als „verfassungsrechtlich tragfähiger Zweck einer Strafnorm“ nicht zulässig. In der Öffentlichkeit hat dieser Aspekt des Urteils keine Rolle gespielt – möglicherweise, weil Geschwisterinzest ein Tabu ist.
Wie ein Lippenbekenntnis liest sich der Hinweis auf die NS-Zeit in einer Stellungnahme des Nationalen Ethikrates. Dort heißt es, einige Mitglieder seien für eine Freigabe der Tötung auf Verlangen, hielten aber ein Verbot wegen der „politische[n] Rücksicht auf die besondere Situation, in der sich Deutschland angesichts der Geschichte der Euthanasie-Verbrechen des Naziregimes befindet“, weiterhin für notwendig.[4]
Der Abgeordnete Karl Lauterbach erklärt in einer Bundestagsdebatte zur Präimplantationsdiagnostik (PID): „Die Diskriminierung von behinderten Menschen wäre unerträglich. Das gilt für unser Land in ganz besonderer Weise. Unsere Geschichte verpflichtet uns, dass wir dieses Argument besonders ernst nehmen.“ Mit dem anschließenden impliziten Hinweis, die PID wirke sich nicht diskriminierend auf Menschen mit Behinderungen aus, nutzt er den Bezug zur NS-Geschichte, um sein Plädoyer für die Zulassung der PID zu untermauern.

Der Umgang mit Begriffen

Kontrovers wird diskutiert, ob und in welcher Weise Begriffe wie „Eugenik“, „Selektion“ oder „Euthanasie“, die einen Bezug zu den nationalsozialistischen Medizinverbrechen aufweisen, gebraucht werden dürfen. Manche lehnen diese Begriffe ab, da sie instrumentalisiert werden und als „Totschlagargument“ gelten würden. Beispielsweise verwehrte sich der Abgeordnete Jerzy Montag in einer Bundestagsdebatte gegen die Verwendung des Begriffes „Selektion“ in Verbindung mit der Entscheidung von Frauen für eine PID, da das Wort mit „der dunkelsten Vergangenheit Deutschlands“ assoziiert werde. Der Bundesgerichtshof hingegen griff in seinem Urteil zur Vereinbarkeit der Präimplantationsdiagnostik mit dem Embryonenschutzgesetz auf diesen Begriff zurück.
Einige vertreten die Ansicht, der Begriff „Eugenik“ sei angesichts des Unterschiedes zwischen der NS-Zeit und der Gegenwart nicht zu verwenden. Im Falle der Pränataldiagnostik argumentieren sie, diese sei nicht staatlich verordnet. Um deutlich zu machen, dass es auch Formen von Eugenik gibt, die ohne staatlichen Zwang auskommen, wird daher auch von „Eugenik von unten“ bzw. „liberaler Eugenik“ gesprochen.

Personelle Kontinuitäten

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das Kapitel Eugenik nicht abgeschlossen. Dies lag auch an personellen Kontinuitäten, die eine kritische Auseinandersetzung erschwerten. Genetiker, die in der NS-Zeit an der Umsetzung des Gesetzes mitgewirkt hatten, lehrten an deutschen Hochschulen und wirkten unter anderem auch im Eugenischen Arbeitskreis der Evangelischen Kirche 1959 bis 1966 mit, in dem über eugenische Interventionen wie Sterilisationen diskutiert wurde. Außerdem spielten sie eine Rolle bei der Auseinandersetzung um eine Wiedergutmachung für Zwangssterilisierte. Bei einer Anhörung im Bundestag 1961 zu dieser Frage äußerten sie die Ansicht, die Maßnahmen seien kein Unrecht gewesen, sondern Ausdruck des Verantwortungsbewusstsein der deutschen Ärzteschaft und hätten dem Wohle des deutschen Volkes gedient.
In Deutschland wurde das Erbgesundheitsgesetz erst 1974 aufgehoben, nachdem es 1949 in einigen alliierten Zonen nur außer Kraft gesetzt worden war. Erst 2007 ächtete der Bundestag das Gesetz. Die Zwangssterilisierten erhielten nur eine geringe Entschädigung.

Kritische Auseinandersetzungen und der Hinweis auf die Verantwortung

Fachgesellschaften, deren Mitglieder in der NS-Zeit an Medizinverbrechen beteiligt waren, haben sich erst sehr spät mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Die Humangenetische Gesellschaft verfasste erst 1989 eine Stellungnahme, in der sie sich explizit gegen eugenische Tendenzen im Zusammenhang mit der Schwangerschaftskonfliktberatung aussprach. Das Schuldeingeständnis kam noch später. In einer Stellungnahme zum Jahrestag des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 erklärte die Humangenetische Gesellschaft:
„An der inhaltlichen Vorbereitung und pseudowissenschaftlichen Begründung dieses Gesetzes, sowie an der Ausführung der Zwangsmaßnahmen waren deutsche Ärzte und Wissenschaftler maßgeblich beteiligt. Durch den Missbrauch ihrer wissenschaftlichen Autorität und durch ihre Mitwirkung an der Formulierung und Ausführung des Gesetzes, unter anderem als Gutachter an den ‚Erbgesundheitsgerichten‘, haben auch Humangenetiker schwere Schuld auf sich geladen.“
Der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Frank Schneider, entschuldigt sich im Jahr 2010 dafür, dass die Fachgesellschaft 70 Jahre gebraucht habe, um sich zur Schuld früherer Mitglieder und Kollegen zu bekennen, und benennt deren Taten:
„Psychiater haben in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen verachtet, die ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten in ihrem Vertrauen getäuscht und belogen, die Angehörigen hingehalten, Patienten zwangssterilisieren und töten lassen und auch selber getötet. An Patienten wurde nicht zu rechtfertigende Forschung betrieben, Forschung, die Patienten schädigte oder gar tötete.“
Die Max-Planck-Gesellschaft hat 1997 eine Präsidentenkommission „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“ eingesetzt. Ziel war es zum einen, die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft im NS-System untersuchen zu lassen, aber auch mehr darüber zu erfahren, wie die Repräsentanten der Gesellschaft und die Wissenschaftler im Rahmen ihrer Tätigkeit auf der wissenschaftlichen, der politischen und der wissenschaftspolitische Ebene gehandelt haben. In der Pressemitteilung zum Abschluss des Projekts heißt es:
„Die Besonderheit des nationalsozialistischen Regimes lag nicht darin, dass es die Wissenschaftler gezwungen hätte, verbrecherische Menschenversuche durchzuführen. Der Unterschied zu den demokratischen Systemen lag in der Außerkraftsetzung ethisch-moralischer Regeln und partiell auch der innerwissenschaftlichen Kontrollen. Der grenzenlose Ehrgeiz allzu vieler Wissenschaftler reichte als Motivation aus, um die unethischen Möglichkeiten zu nutzen, die das NS-System ihnen bot.“
Auf einen anderen Aspekt weist der Historiker Schmuhl hin.
„Vor allem im Hinblick auf die NS-Euthanasie zeichnet sich dabei ein erstaunlicher Befund ab: Alle daran beteiligten Ärzte wirkten freiwillig, die meisten sogar begeistert mit, und zwar nicht trotz, sondern wegen ihres ärztlichen Berufsethos. Die schon lange vor Beginn des ‚Dritten Reiches‘ eingeleitete Schwerpunktverlagerung von der kurativen hin zu einer (eugenisch orientierten) prophylaktischen Medizin führte – im Verein mit einem verhängnisvollen therapeutischen Idealismus – dazu, dass Heilen und Vernichten im Selbstverständnis der am Krankenmord beteiligten Ärzte zu Kehrseiten ein und derselben Medaille wurden. Die Medizin wurde nicht von den braunen Machthabern instrumentalisiert, sondern machte sich die vom nationalsozialistischen Programm zur Schaffung eines ‚erbgesunden Volkskörpers‘ in die Praxis umzusetzen.“[5]

Schlussfolgerungen

Nach Kriegsende hat es verschiedene Phasen und Stränge der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gegeben. Einiges spricht dafür, dass die Wirkung der Debatte in den letzten Jahren weniger prägend geworden ist. Andererseits hat sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde erst 2010 zu ihrer Verantwortung für die Beteiligung von Psychiatern an NS-Medizinverbrechen bekannt. Es ist notwendig, eine differenzierte Sicht auf die NS-Zeit einzunehmen, denn diese war keine „ahistorische Manifestation des Bösen“.[6] Um Schlussfolgerungen für aktuelle medizin-ethische Fragestellungen zu ziehen, ist es wichtig, den jeweiligen Kontext zu betrachten, zu verstehen, wie und mit welchen Motiven Menschen zur Zeit des NS-Regimes gehandelt haben. Nur dann können sinnvoll Verbindungen zur heutigen Zeit gezogen werden.
Zahlreiche Forschungen von Historikern wurden bisher vor allem in Fachkreisen diskutiert. Es ist an der Zeit, dass sie von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden. Eine historische Reflexion, die genau hinschaut, kann die medizin-ethische Debatte bereichern, auch wenn sich daraus keine eindeutigen ethischen Positionen ableiten lassen.

nach oben