Erwin Behr
aus Tilsit Sowetsk
geb.
in
Tilsit Sowetsk
gest.
in
Bernburg
aus Tilsit Sowetsk
geb.
in
Tilsit Sowetsk
gest.
in
Bernburg
Erwin Behr wurde am 26. Januar 1909 im damals ostpreußischen Tilsit, dem heutigen Sowetsk (Russland) geboren.
Im Alter von einunddreißig Jahren war Erwin Behr im November 1940 Patient in der damaligen Landesanstalt Neuruppin. Wie lange er bereits hier oder in anderen Anstalten untergebracht war, wo er zuvor lebte, ob er verheiratet war, welchen Beruf er ausübte oder an welcher Krankheit er litt, ist unbekannt, da sich seine Patientenakte nicht unter den 30.000 archivierten Akten im Bundesarchiv befindet und sein Name auch nicht in der „Berliner Seelenliste“, dem Aufnahmebuch der Landesanstalt Neuruppin, eingetragen ist.1 Fußnote lesen
Sicher ist, dass Erwin Behr als Patient einer Heilanstalt im Rahmen des zentral gesteuerten NS-Krankenmordprogramms „Aktion T4“ erfasst wurde und für einen Abtransport in eine Tötungsanstalt vorgesehen war. Ob seine Meldung in der Landesanstalt Neuruppin oder bereits in einer früheren Einrichtung stattgefunden hatte, ist unbekannt und wir wissen auch nicht, welche Angaben man auf seinem Meldebogen notierte. Da man sich durch die „Aktion T4“ der langjährigen Patienten, bei denen keine Heilung mehr in Aussicht stand und welche aufgrund der Schwere der Erkrankung keine Arbeit mehr verrichten konnten, zu entledigen suchte, kann man davon ausgehen, dass dies auch bei ihm der Fall war.
Für die Durchführung der „Aktion T4“ kam der Landesanstalt Neuruppin seit April 1940 eine bedeutende Rolle für die „Aktion T4“ zu, denn Insassen anderer brandenburgischer Anstalten wurden über die Zwischenstation Neuruppin in die Vernichtungsanstalten nach Brandenburg/Havel und Bernburg verbracht und dort ermordet.
Erwin Behr wurde im Januar 1941 mit dem 19. Neuruppiner Transport in die Tötungsanstalt Bernburg an der Saale überführt. Sein Name erscheint als Nr. 3 von insgesamt fünfundsiebzig NeuruppinerPatienten auf der Transportliste.2 Fußnote lesen
Dieser geplante Sammeltransport nach Bernburg, welcher möglichen Angehörigen gegenüber wie üblich als harmlose „Verlegung“ in eine andere Anstalt getarnt war, war laut Unterlagen ursprünglich bereits für den 17. Dezember 1940 vorgesehen. Aus unterschiedlichen Gründen wurde er aber zweimal kurzfristig verschoben und erfolgte erst am 23. Januar 1941, also fünf Wochen später als geplant. Auch hatte sich die Anzahl der für den Transport vorgesehenen Männer inzwischen auf dreiundsiebzig reduziert, da der Patient Georg Hebel noch als „arbeitender Kranker“ in der Landesanstalt Neuruppin gebraucht wurde und der Patient Max Ulbrich, ehemals Postschaffner aus Berlin-Kreuzberg, wenige Tag zuvor mit sechsundvierzig Jahren verstorben war.
Am Morgen des 23. Januars 1941 kam es dann zu einer erneuten Planänderung: Da einer der drei für den Transport bestellten Busse aufgrund eines Defekts ausfiel, strich man kurz vor Abreise die letzten dreizehn der nun noch dreiundsiebzig gelisteten Männer mit dem Vermerk „stehen für einen späteren Transport zur Verfügung“.
Die verbleibenden sechzig Personen verbrachte man in zwei Bussen in die Tötungsanstalt Bernburg.Dort angekommen, wurde im allerletzten Moment noch ein weiterer Mann aus der Gruppe „verschont“: Die Arbeitskraft des fünfzigjährigen Patienten Max Feistels wurde von dem begutachtenden Arzt noch so hoch eingeschätzt, dass der ehemalige Frontsoldat und Lagerist aus Berlin-Neukölln ebenfalls zurückgestellt und in eine Heilanstalt zurückgeschickt wurde.N3 Fußnote lesen
Die übrigen neunundfünfzig Neuruppiner Patienten des Sammeltransports Nr. 19 starben gemeinsam noch am selben Tag in der Gaskammer in Bernburg.Die meisten der Männer waren zwischen dreißig und fünfundvierzig Jahre alt, der jüngste war zwanzig, der älteste achtzig Jahre alt. Sie stammten etwa aus Berlin, Neuruppin, Hannover, Remscheid, Leipzig oder Königsberg. In einem früheren Leben waren sie unter anderem Zeichner, Zuschneider, Arbeiter, Fabrikantensöhne, Schiffsführer, Bürogehilfe, Kürschner, Schlosser, Gastwirt oder Artist. Einige hatten als Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Viele waren verheiratet, manche geschieden, einige Familienväter. Sie waren unter anderem aus den Heilanstalten Herzberge, Buch, Wittenau, Potsdam oder Fürstenwalde in die Landesanstalt nach Neuruppin verlegt worden.
Was all die Männer vereinte, war ihre menschenverachtende Einstufung als „Ballastexistenzen“4 Fußnote lesen und der gemeinsame Weg in den Tod.
Ihre Namen waren: Rudolf Barton, Wilhelm Becker, Erwin Behr, Friedrich Boness, Richard Bork, Otto Borkhardt, Walter Bormann, Richard Buch, Hermann Cölpin, Fritz Dietrich, Paul Dohrmann, Willi Dokter, Johann Dombek, Arthur Feiertag, Max Feistel, Konrad Görtz, Theodor Greinacher, Günther Grötschel, Paul Heider, Richard Hingst, Hermann Hippmann, Adolf Hoffmann, Erich Jamm, Fritz Kanniga, Heribert Kasprowiak, Heinz Kiefer, Edmund Kienass, Heinrich Kleinschmidt, Alfred Kolbe, Richard Krause, Karl Kühne, Gustav Liebig, Friedrich Karl Losehand, Walter Marten, Alfred Masche, Artur Maschler, Rudolf Neumann, Alfred Pieschek, Werner Piltzing, Otto Pogede, Paul Porombka, Hugo Pötter, Willi Primke, Friedrich Reeck, Bernhard Richter, Friedrich Richter, Max Rosenthal, Wilhelm Röthlinger, Alex Sass, Rudolf Seidel, Hubert Spangenberg, Herbert Strauch, Gerhard Schlünsen, Bernhard Schönborsky, Richard Schrinner, Gerhard Schröder, Horst Schulz, Anton Staszak, Karl Thiede.
Um an sie zu erinnern und sie als Schicksalsgemeinschaft kenntlich zu machen, sind ihre Geschichten auf diesem Gedenkportal erzählt.
Drei Tage vor seinem zweiunddreißigsten Geburtstag verstarb Erwin Behr am 23.Januar 1941 in Bernburg an der Saale. Sein Name ist eingeschrieben in das Totenbuch in der Gedenkstätte für Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg:
Die näheren Umstände des Neuruppiner Transports Nr. 19 vom 23. Januar 1941 nach Bernburg können der Biographie des Hermann Hippmann entnommen werden.
Text zusammengestellt von Linda Verdier.
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