Appell einer Angehörigen eines Opfers der NS-Kinder-Euthanasie an den Bundeskanzler Keine Einsparungen in der Eingliederungshilfe
Deutschland trägt auf dem Hintergrund der Verbrechen im Rahmen der Aktion T4 eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen mit Behinderungen HEUTE.
schreibt Uta Wehde, Angehörige von Fritz Wehde, der in der Kinderfachabteilung Lüneburg.
Wir veröffentlichen im Folgenden ihren Appell, der sich gegen Einsparungen in der Eingliederungshilfe richtet.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Friedrich Merz,
zunächst möchte ich mich kurz vorstellen und meinen persönlichen Hintergrund, vor dem ich diesen Brief an Sie schreibe: ich bin Angehörige eines Opfers der NS-„Kinder-Euthanasie“. Fritz Wehde, mein Onkel 2. Grades, hatte aufgrund von Sauerstoffmangel während der Geburt eine Behinderung. Im August 1944 wurde Fritz Wehde im Alter von vier Jahren per polizeilicher Verfügung seiner Familie entrissen und in die sogenannte Kinderfach-abteilung nach Lüneburg verbracht. Dort wurde er am 20.01.1945 ermordet. Im Rahmen der NS-„Euthanasie“, der Aktion T4, wurden hunderttausende Menschen mit Behinderungen, Beeinträchtigungen und Erkrankungen als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ getötet.
„Probevergasungen“ unter Einsatz von Kohlenmonoxid im Rahmen der Aktion T4 in der Tötungsanstalt in Brandenburg bildeten die Grundlage für die spätere Massenvernichtung der Jüdinnen und Juden im Holocaust. Viele der für die Krankenmorde verantwortlichen Täter mordeten in den Konzentrationslagern weiter. Beispielsweise wurde der deutsche Polizeibeamte und SS-Sturmführer Christian Wirth, der maßgeblich an der - Aktion T4 beteiligt war, der erste Kommandant des Vernichtungslagers Belzec und zudem Inspektor der Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“, und der Ärztliche Direktor der Tötungsanstalt Grafeneck, Horst Schumann, der von Grafeneck in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein wechselte, war später Lagerarzt in Auschwitz-Birkenau.
Und nun zu den aktuellen Vorschlägen der von Ihnen geführten Bundesregierung, die Einsparungen in Milliardenhöhe bei der Eingliederungshilfe vorsehen: Ja, die Kosten in der Eingliederungshilfe und die Fallzahlen steigen. Und das ist ein Grund zur Freude! Denn heute wachsen Menschen mit Behinderungen heran, sie gehen zur Schule, werden erwachsen und sie werden auch alt. All das, was dem Kind Fritz Wehde verwehrt wurde.
Wir Menschen sind verletzlich. Uns allen kann es passieren, dass wir durch Krankheiten und Behinderungen auf Hilfe und Unter-stützung angewiesen sind – oder unsere Kinder. Am 24.02.2009 war ich sehr glücklich, denn an diesem Tag hat Deutschland die UN- Behindertenrechtskonvention ratifiziert, und mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes ist Deutschland seitdem auf einem guten Weg hinsichtlich der Inklusion. Manchmal male ich mir aus, welche Möglichkeiten Fritz gehabt hätte, wenn er heute leben würde. Aktuell aber bin ich in großer Sorge, dass diese Errungenschaften unseres Sozialstaates verloren gehen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch – ich will die heutige Situation nicht mit der NS-Zeit vergleichen - aber ich möchte vor den Gefahren warnen, die daraus entstehen können, wenn Menschen auf Kostenfaktoren reduziert werden.
Auf einem Plakat aus der NS-Zeit wird vorgerechnet, was die „Lebensunwerten“, die „unnützen Esser“ kosten: „Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM.“ Das aktuelle Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden vom 25.03.2026 mit dem Titel „Austausch Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen – Vorschlagsbuch“ teilt aber leider mit der NS-Zeit dieses Grundmotiv einer gefühlskalten Kostensicht. In der langen Liste des „Vorschlagsbuches“ sind alle Kinder, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen nur Kostenfaktoren, deren Ansprüche man massiv einschränken und abschaffen will – wie u.a. die Schulbegleitung, die Hilfen für junge Erwachsene, die eins-zu-eins-Unterstützung, das Wunsch- und Wahlrecht (das im Übrigen in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist).
Die Menschen kommen nicht vor. Deutschland trägt auf dem Hintergrund der Verbrechen im Rahmen der Aktion T4 eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen mit Behinderungen HEUTE. Ich bitte Sie eindringlich, nehmen Sie diese Verantwortung wahr, sagen Sie: Stopp – keine Einsparungen in der Eingliederungshilfe!
Mit freundlichen Grüßen Uta Wehde