Gedenkstätte Großschweidnitz

Gedenkstätte in Großschweidnitz

Adresse:

Friedhofsweg 1
02708 Großschweidnitz
Deutschland

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Phone: +49 (0)3585 2113511
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Öffnungszeiten:
Öffnungszeiten: Montag - Freitag 10-16 Uhr
Samstag, Sonntag sowie an Feiertagen 11-17 Uhr
Angebot:
Angehörigenarbeit Bildungsprojekte Datenbank Führungen Schwerpunktprojekt Pflege

Über diesen Ort

Von der Anstaltsgründung über den Ersten Weltkrieg zur Reformpsychiatrie der Weimarer Republik  

Die Heil- und Pflegeanstalt Großschweidnitz diente seit 1902 der Unterbringung und Behandlung psychisch kranker Menschen. Es war eine modernestaatliche Einrichtung. Die im Pavillonstil errichtete Anstalt mit ihren großzügigen Parkanlagen bot zunächst Platz für 500 Patientinnen und Patienten. Sie kamen vor allem aus Ostsachsen. Der Erste Weltkrieg markierte auch für Großschweidnitz einen tiefen Einschnitt. Infolge der Lebensmittelrationierungen kam es zur Hungerkatastrophe. Über 1 000 Anstaltspatientinnen und -patienten verloren zwischen 1914 und 1918 ihr Leben. Während der Weimarer Republik hielten auch in Großschweidnitz neue Therapien Einzug. Allerdings blieben diese auf die als „heilbar“ betrachteten Menschen begrenzt. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Krisenzeiten gerieten auch die Kosten der Anstaltspflege immer stärker in die Kritik.

Nationalsozialistische Gesundheitspolitik

Nach Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ waren viele Patientinnen und Patienten in Großschweidnitz von Zwangssterilisationen bedroht. Bei den Betroffenen knüpfte die Anstalt Entlassungen an eine zuvor erfolgte Sterilisation. Darüber hinaus beteiligte sich das Personal aktiv an „Erbgesundheitsverfahren“. Anstaltsärzte meldeten vermeintliche „erbkranke“ Patientinnen und Patienten und verfassten Gutachten für die Verfahren an den Erbgesundheitsgerichten. Die Großschweidnitzer Anstaltsdirektoren fungierten als Beisitzer am Erbgesundheitsgericht Bautzen und Anstaltspfarrer Johannes Axt agierte in einigen Fällen als Verfahrenspfleger der Betroffenen, ohne sich jedoch für ihre körperliche Unversehrtheit einzusetzen. Während Patientinnen in umliegenden Krankenhäusern zwangssterilisiert wurden, erfolgte die Operation bei Männern in vielen Fällen direkt in der Anstalt.

Frühes Hungersterben und erste Morde in Großschweidnitz

Alle sächsischen Landesanstalten hatten bereits 1938 eine kalorienarme „Sonderkost“ für arbeitsunfähige Patientinnen und Patienten eingeführt. Mit Beginn des Krieges verschlechterte sich die Ernährungssituation der Kranken erneut, was zu einem frühen Hungersterben u. a. in Großschweidnitz führte. Spätestens 1940 begannen Ärztinnen und Ärzte in der Landesanstalt Großschweidnitz durch überdosierte Beruhigungsmittel zu töten. Ein früher Höhepunkt war die Ermordung von über 20 Kindern, zynisch vom Personal „Trional-Kur“ genannt, unter der Leitung der Ärztin Elfriede Ochsenfahrt im Dezember 1940.  Zwischenanstalt während der „Aktion T4“  Seit Juni 1940 befand sich eine Tötungsanstalt der „Aktion T4“ auf dem Sonnenstein in Pirna. Großschweidnitz gehörte seit diesem Zeitpunkt zu den vier sächsischen „Zwischenanstalten“. Die Anstalt nahm Patientinnen und Patienten, vor allem aus Sachsen, Schlesien und Ostpreußen, auf, um diese dann kurze Zeit später nach Pirna weiter zu verlegen. Über 2.300 Menschen gelangten so aus Großschweidnitz nach Pirna-Sonnenstein.

Intensivierung der Tötungen nach dem Ende der „Aktion T4“

Durch das abrupte Ende der „Aktion T4“ im August 1941 blieben einige Patientinnen und Patienten, die zur Tötung vorgesehen waren, in Großschweidnitz. Auf die höhere Belegung der Anstalt reagierten die Ärztinnen und Ärzte unter Anstaltsdirektor Alfred Schulz mit der Intensivierung der Morde. Auch später erklärte sich die Anstalt, trotz Überbelegung, immer wieder bereit Patienten aus anderen Anstalten aufzunehmen. Großen Transporten folgte häufig ein verstärktes Sterben.   Im Verlauf des Krieges starben immer mehr Menschen in der Anstalt, insgesamt mehr als 5.500. Unter der Leitung von Alfred Schulz ermordeten Ärztinnen und Ärzte, Schwestern und Pfleger die ihnen anvertrauten Menschen durch überdosierte Beruhigungsmittel, Vernachlässigung und Hunger. Betroffen waren vor allem arbeitsunfähige, pflegeaufwendige und störende Personen. Sie wurden bei den täglichen Visiten selektiert und es genügte, wenn der diensthabende Arzt der Schwester im Einvernehmen sagte: „Hier geben wir Medizin“.  Die Opfer kamen aus vielen Teilen des Deutschen Reiches. Sie waren im Rahmen der zentralen Krankenmorde nach Großschweidnitz gelangt oder im Zuge der Evakuierung aus bombengefährdeten Gebieten, zum Beispiel dem Rheinland, nach Großschweidnitz abgeschoben worden. Auch Menschen aus Polen, der Sowjetunion, Italien und vielen weiteren europäischen Ländern waren unter den Opfern. Sie waren zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt worden und kamen infolge einer psychischen Erkrankung nach Großschweidnitz. Konnte dort ihre Arbeitsfähigkeit nicht rasch wieder hergestellt werden, war dies ihr Todesurteil.

„Kindereuthanasie“

Nach einem Luftangriff auf Leipzig zog im Dezember 1943 die „Kinderfachabteilung“ der Anstalt Leipzig-Dösen nach Großschweidnitz. Der bereits in Leipzig zuständige Arzt, Arthur Mittag, setzte seine Tätigkeit in Großschweidnitz fort und tötete bis Kriegsende noch mehrere hundert Kinder und Jugendliche in der Anstalt. Insgesamt wurden über 550 Minderjährige während des Zweiten Weltkriegs in Großschweidnitz ermordet.

Nachkriegszeit

Einige an den Krankenmorden in Großschweidnitz beteiligte Ärzte, Ärztinnen und Schwestern wurden im Dresdner „Euthanasie“-Prozess 1947 angeklagt und zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt. Bis Mitte der 1950er Jahre waren jedoch bereits alle wieder entlassen worden. Die Mehrzahl blieb aber unbehelligt und betreute die wenigen Überlebenden der Krankenmorde weiter. Die Ärztinnen Elfriede Ochsenfahrt und Esther Walther setzen ihre Karrieren in Großschweidnitz fort und gelangten in verantwortliche Positionen.

Gedenken

Die Krankenmorde und die auf dem Anstaltsfriedhof beigesetzten Opfer gerieten schnell in Vergessenheit. Erst Mitte der 1980er Jahren begannen Krankenhausmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, sich mit der Geschichte ihres Hauses auseinanderzusetzen. 1990 konnte auf dem Anstaltsfriedhof ein Denkmal eingeweiht werden. 2007 verkaufte das Krankenhaus den Anstaltsfriedhof und die darauf befindliche Pathologie. Die Gemeinde Großschweidnitz erwarb das Gelände, mit dem Ziel, einen Gedenkort zu schaffen. Seit 2012 bemühte sich der Verein Gedenkstätte Großschweidnitz e.V. um die Schaffung einer Gedenkstätte. Das Gebäude konnte schließlich saniert und die Friedhofsanlage wiederhergestellt werden. Es entstand eine Dauerausstellung, die im Mai 2023 eröffnet werden konnte. Der zur Gedenkstätte gehörende Anstaltsfriedhof wurde als Kriegsgräberstätte anerkannt. Namenstafeln erinnern an die über 3.500 Menschen, die zwischen 1939 und 1945 in der Landesanstalt Großschweidnitz ermordet und auf dem Anstaltsfriedhof bestattet wurden. Von 132 Opfern der NS-Krankenmorde sind zudem Grabsteine erhalten geblieben. Sie werden heute in einem Schaudepot präsentiert. Die Gedenkstätte Großschweidnitz ist Teil der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, innerhalb derer sie gemeinsam mit der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein einen fachlichen Verbund bildet.

Angebote

Die Gedenkstätte bietet Führungen und verschiedene mehrstündige Bildungsprojekte für Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende an. Auszubildende des Sozial- und Gesundheitswesens können sich in einem Schwerpunktprojekt mit dem Thema „Pflege im Nationalsozialismus“ auseinandersetzen. Die Angebote sind für alle Bildungsträger kostenfrei. Am ersten Sonntag jeden Monats finden um 14 Uhr kostenlose öffentliche Führungen statt.

Ort

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