Landeserziehungsanstalt Chemnitz-Altendorf(Königlich-Sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige)

Denkmal in Chemnitz

Adresse:

Flemmingstrasse 8
09116 Chemnitz
Deutschland

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Über diesen Ort

Im Jahr 1905 wurde die "Königlich-Sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige" in Chemnitz-Altendorf gegründet. Die modern ausgestattete Anstalt, die von Beginn an strikt in eine Blindenabteilung und eine „Schwachsinnigenabteilung“ unterteilt war, bot bei ihrer Eröffnung Platz für 250 blinde Kinder und 550 Kinder mit geistiger Behinderung. Grundlage für den umfangreichen Neubau war ein humanistischer Ansatz zum Umgang mit Menschen mit Behinderung. Kinder mit Blindheit oder geistiger Behinderung sollten eine Schul- und Berufsausbildung erhalten, um sich als Erwachsene selbstständig versorgen zu können. Die Angestellten der Anstalt bemühten sich um die individuell bestmögliche Ausbildung ihrer Zöglinge.

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Das Bild zeigt eine historische Ansicht einer Anlage mit mehreren Gebäuden, die in einer lockeren Anordnung auf einem weitläufigen Gelände stehen. Die Bauwerke wirken wie ein Komplex aus Villen oder Pavillons, vermutlich eine Bildungseinrichtung, Klinik oder Kuranlage. Dazwischen sind Bäume und Wege sichtbar. Im Hintergrund scheint eine ländliche Umgebung mit Feldern und weiteren kleinen Bauwerken zu liegen. Die Zeichnung ist in sepiafarben gehalten.
Historische Ansicht der "Königlich-Sächsischen Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige" in Chemnitz-Altendorf

Bereits kurz nach der Machtübernahme von Adolf Hitler im Jahr 1933 begannen die Nationalsozialisten mit ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit an Menschen mit Behinderung.
Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde von der Anstaltsleitung in Chemnitz-Altendorf bereitwillig durchgesetzt. Mindestens 393 Zöglinge wurden zwischen 1934 und 1945 zwangssterilisiert.
Die „Schwachsinnigenabteilung“ der Landeserziehungsanstalt Chemnitz-Altendorf bekam im Nationalsozialismus mehr und mehr den Charakter einer reinen Pflegeanstalt. Unterricht und Ausbildung fanden für die Kinder und Jugendlichen nur noch in sehr eingeschränkter Form statt. Die bereits seit der Gründung der Anstalt vorhandene Pflegeabteilung für „nicht bildungsfähige“ Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung wurde von den Nationalsozialisten in den Jahren 1933 – 1939 stetig vergrößert.
Im Zuge der „Aktion T4“ wurde die Pflegeabteilung im Jahr 1940 aufgelöst und die Patienten in Zwischenanstalten verlegt. Meist waren das die Anstalten in Arnsdorf oder Hubertusburg. Von dort aus führte der Weg für viele Menschen in den Tod. 
Mindestens 243 Menschen aus Chemnitz-Altendorf wurden in den Jahren 1940/41 in Pirna-Sonnenstein ermordet.

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Auszug aus einer Patientenakte. Der letzte Vermerk ist in den meisten erhaltenen Akten die Verlegung aus der Zwischenanstalt

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelte sich die einstige Anstalt zum führenden Rehabilitationszentrum für Blinde und Sehbehinderte der ehemaligen DDR. Es entstanden Angebote von der Vorschule bis zum Einstieg ins Berufsleben.
Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung gab es auf dem Gelände in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der politischen Wende 1989/90 keine mehr.
Die Verbrechen der Nationalsozialisten an Menschen mit Behinderung standen in der Erinnerungskultur der ehemaligen DDR nicht im Fokus. Daher gab es auch in Chemnitz-Altendorf lange Zeit keine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Historie.
Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtung sammelten ab den 1980er Jahren Informationen zur Einrichtungsgeschichte.
Im Zuge der politischen Wende wurde das Gelände der ehemaligen Anstalt ab 1990 der Sitz verschiedener Einrichtungen. Heute sind auf dem Gelände die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte, die IB Mitte gGmbH und die SFZ Förderzentrum gGmbH sowie einige weitere Einrichtungen zu finden.

Die SFZ Förderzentrum gGmbH ist mit ihren verschiedenen Einrichtungen ein modernes Unternehmen mit langer Tradition, das für Inklusion, Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz steht. Es ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf, insbesondere für Menschen mit Blindheit und Sehbehinderung. Die SFZ Förderzentrum gGmbH befähigt Menschen, ihre individuellen Potenziale bestmöglich zu nutzen, um ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Durch Angebote für Bildung und Förderung, Wohnen und Begleitung, Medizin und Therapie sowie Arbeit und Beschäftigung werden gemeinsame Perspektiven geschaffen.
Freiheitliche, demokratische Grundwerte sind die Grundlage der Arbeit der SFZ Förderzentrum gGmbH. Die Aufarbeitung der Einrichtungsgeschichte und die Erinnerung an die Opfer der NS-Krankenmorde haben ihren festen Platz in der Unternehmenskultur.

In Zusammenhang mit den Vorbereitungen zur Einhundertjahrfeier entstand um das Jahr 2000 herum die Idee, auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof ein Denkmal für die während der „Aktion T4“ ermordeten Zöglinge der Landeserziehungsanstalt Chemnitz-Altendorf zu errichten.
Gemeinsam mit den Teilnehmenden berufsvorbereitender Maßnahmen, Auszubildenden und Mitarbeitenden der SFZ Förderzentrum gGmbH entwickelten die Künstler Gregor Torsten Kozik und Frank Maibier das Konzept für das GEDENKEN. 

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Das Bild zeigt ein modernes, kreisförmiges Denkmal oder eine Gedenkstätte im Freien. Eine runde, amphitheaterartige Struktur mit mehreren konzentrischen Stufen führt zu einem gepflasterten Boden in der Mitte. Dort liegt eine große, metallisch glänzende Kugel. Die Umrandung besteht aus rostfarbenem Stahl. Im Hintergrund ist ein grüner Park mit Bäumen zu sehen, der das Denkmal umgibt. Das Design wirkt schlicht und symbolträchtig.
Das Gedenken auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof

Das Bauwerk ist ähnlich einem griechischen Theatron kreisförmig aufgebaut und durch einen Stahltunnel zugänglich. Eine ausgediente, zerschrammte Abrisskugel liegt wie ein Komet im Einschlagkrater. So symbolisiert sie den Kometen des Erinnerns.
Im Jahr 2007 konnte das Denkmal feierlich eingeweiht werden. 

Für zwei der Opfer der NS-Krankenmorde aus der Anstalt in Chemnitz-Altendorf wurden im Jahr 2019 Stolpersteine auf der Flemmingstraße, direkt vor dem ehemaligen Anstaltsgelände, verlegt. Erinnert wird an Adele Prager und Günter Neubauer.

Das Netzwerk „Unantastbar“ hat sich infolge der Ereignisse 2018 in Chemnitz zusammengefunden. In diesem Netzwerk arbeiten Vertreterinnen und Vertreter aus der SFZ Förderzentrum gGmbH, der IB Mitte gGmbH, der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte, der Stadt Chemnitz mit der Städtischen Musikschule, dem Landesamt für Schule und Bildung und dem staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (SMAC) zusammen.
Aus dem Netzwerk „Unantastbar“ haben sich im Jahr 2021 zwei Projekte entwickelt. Zum einen das Projekt „Pegasus – Schulen adoptieren Denkmale“ der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz und zum anderen das Demokratie- und Geschichtsprojekt „Unantastbar Mensch“ unter der Leitung der SFZ Förderzentrum gGmbH.
Regelmäßig finden Netzwerktreffen statt, um erinnerungskulturelle Angebote in Chemnitz zu gestalten. Beispielsweise wird die Teilnahme am jährlich stattfindenden Tag des offenen Denkmals von den Netzwerkpartnerinnen und -Partnern gemeinsam organisiert.

Das Demokratie- und Geschichtsprojekt „Unantastbar Mensch“ unter der Leitung der SFZ Förderzentrum gGmbH möchte ein dauerhaftes Angebot zur Vermittlung demokratischer Werte schaffen. Dabei setzt es an der Geschichte der Einrichtung an und bewahrt die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten an Menschen mit Behinderung.
Ganz konkret organisiert das Projektteam verschiedene Gedenkveranstaltungen und bietet Führungen über das Gelände an. 
Weitere pädagogische Angebote befinden sich derzeit im Aufbau.

Das „GEDENKEN“ an die Opfer der „Euthanasie“ – das seit 2007 bestehende Denkmal auf dem Gelände des Rehabilitationszentrums für Blinde und Sehbehinderte – wird konzeptionell weiterentwickelt und speziell für junge Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung zugänglich. Junge Menschen sollen nicht nur aus dem Lehrbuch lernen, sondern Geschichte und Erinnerungskultur „erleben“ können, um sie mit ihrer Gegenwart und Zukunft zu verknüpfen.

Weitere Informationen unter: www.unantastbarmensch.de 

Ort

Denkmal

Flemmingstrasse 8
09116 Chemnitz
Deutschland

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