Gerda Magdalena Nitschke (geb. Gronert)
aus Berlin
geb.
in
Berlin
gest.
in
Großschweidnitz (Sachsen)
aus Berlin
geb.
in
Berlin
gest.
in
Großschweidnitz (Sachsen)
biografisches
gerda magdalena gronert wurde am 21. oktober 1914 in berlin kreuzberg als tochter der unverheirateten arbeiterin emma gronert geboren. über ihre kindheit und jugend sind nur wenige informationen erhalten. 1918 kam gerdas schwester ruth zur welt. ihre mutter heiratete 1919 den arbeiter august salewski, 1929 wurde gerdas halbbruder geboren.die familie lebte in der pücklerstraße 44 in kreuzberg.
gerda gronert verdiente ihren lebensunterhalt als arbeiterin.
1934, mit 20 jahren, heiratete sie den kraftfahrer alfred nitschke.
im juni 1936 brachte sie ihren sohn wolfgang zur welt.
die erkrankung
gerda nitschke erkrankte bei der geburt ihres sohnes an kindbettfieber1 Fußnote lesen und erlitt einen „nervenzusammenbruch“.2 Fußnote lesen sehr wahrscheinlich litt sie an einer wochenbettpsychose.offenbar besserte sich ihre erkrankung nicht, denn sie wurde ein jahr nach der geburt ihres kindes im sommer 1937 erstmals nach buch in die NS-psychiatrie eingewiesen.3 Fußnote lesen in den nächsten 2 ½ jahren wurde sie viermal patientin in buch, aber nach kürzeren aufenthalten wieder nachhause entlassen.
im herbst 1940 wurde sie aus der NS-psychiatrie buch in die psychiatrie-anstalt wittenau in berlin verlegt. dort wurde das T4-euthanasie-programm bereits akribisch umgesetzt.
gerda nitschke lebte zuletzt mit ihrem mann und sohn in der cuvrystraße 27.
ihre mutter war inzwischen als pflegerin ihrer tochter eingesetzt worden.
1938 reichte ihr ehemann erstmals klage auf ehescheidung „wegen geisteskrankheit“ gegen gerda ein, zog diese jedoch zunächst wieder zurück.
alfred nitschke ließ seine schwiegermutter als pflegerin seiner ehefrau absetzen und einen berufspfleger bestellen.
er reichte erneut die scheidung ein, 1941 wurde die ehe geschieden.
das sorgerecht für den sohn wurde dem vater zugesprochen.
stationen durch die NS-psychiatrie
gerda nitschke hat insgesamt 8 ½ jahre in der NS-psychiatrie verbracht.
mit ihrer einweisung in die anstalt wittenau im oktober 1940 entkam sie der NS-psychiatrie nicht mehr. im april 1941 wurde sie in eine anstalt in der ca. 130 km östlich von berlin gelegenen stadt landsberg an der warthe verlegt (polnisch gorzów wielkopolski), wo sie drei jahre blieb. im märz 1944 wurde sie in die NS-psychiatrie in plagwitz am bober verlegt (polnisch płakowice), die sich etwa 200 km weiter südlich in niederschlesien befand.
dort hat sie, so gibt sie später an, bei den ärzten im haushalt mitgeholfen und deren kinder versorgt, in ihrer freizeit hat sie gestrickt. weil gerda in der lage war, für ärzte der anstalten zu arbeiten, hat sie viele jahre in der NS-psychiatrie überlebt.
ende januar 1945 hatten sich russische truppen in diese gegend vorgekämpft und die klinik entließ ihre patient:innen.
gerda erhielt weder papiere, noch etwas zu essen, als sie gehen durfte.
danach fuhr sie 80 km mit dem zug nach westen.
vermutlich wollte sie nach berlin zu ihrem kind und ihrer mutter.
sie kam bis zittau und fand für ein paar tage ein quartier in einem kinderheim, dort wurde sie einem polizisten gemeldet, der sie auf das gesundheitsamt brachte.
ein amtsarzt aus zittau überwies sie in die NS-psychiatrie großschweidnitz.
nach gerdas befragung bei ihrer aufnahme in großschweidnitz am 20. februar 1945 wurde ihr eine „abgeklungene schizophrenie“ attestiert: „o.b.“: ohne befund. „keinerlei klagen.“ die patientin sei „zugänglich und geordnet“.
eine woche vor gerdas aufnahme in großschweidnitz wurde ganz in der nähe dresden zerbomt und starben bei den angriffen der britischen alliierten ca. 25 000 menschen. in der tötungsanstalt großschweidnitz findet man dennoch zeit, protokolle zu tippen über ein interview mit einer entlassenen, als gesund eingeschätzten ehemaligen psychiatrie-patientin. „der tod ist ein meister aus deutschland.“4 Fußnote lesen
eine woche nach der aufnahme in großschweidnitz gibt es in der krankenakte einen weiteren eintrag. jetzt wendete sich das blatt, denn gerda war mit der erneuten einweisung nicht einverstanden: gerda sei „immer vorlaut, weiß alles besser. … lässt sich nichts sagen.“ eine weitere woche später: sie „hat immer allerhand wünsche und beschwerden. fügt sich schlecht.“
es ist der falsche ort und die falsche zeit für eine junge frau, die ihre freiheit und ihr leben zurück möchte.
sie sei ruhiger und matt, so das protokoll eine woche später, sie „fühle sich nicht wohl“.
sie „wird eingebettet“ – d.h. „ruhig gestellt“.5 Fußnote lesen
gerda nitschke wurde am 12.3.1945 in der NS-psychiatrie großschweidnitz ermordet.
sie wurde durch überdosierte beruhigungsmittel und unterernährung6 Fußnote lesenvon dem angeblichen arzt robert herzer„7 Fußnote lesengetötet.8 Fußnote lesen
mit der notierten todesursache „lungenentzündung“ versuchten die NS-ärzte die tatsächlichen todesursachen direkter gewalteinwirkung zu verschleiern.
sie starb mit 30 jahren.
ihr sohn und ihre angehörigen haben nie erfahren, an welchen orten sie zuletzt interniert war und wann, wo und wie sie gestorben ist.
gerda nitschkes biografie ist in bedrückender weise von der zeitgeschichte der ersten hälfte des 20. jahrhunderts geprägt: sie wurde am beginn des 1. WK geboren und starb nur sieben wochen vor ende des 2. WK. sie wurde nach 8 ½ jahren aufenthalten in NS-psychiatrien in plagwitz während der auflösung der anstalt frei gelassen. auf ihrem weg nach westen wurde sie einem polizisten übergeben, der sie dem gesundheitsamt und dieses wiederum der NS-psychiatrie großschweidnitz übergab.
gerda nitschke starb, weil das netz der (mit)täter:innen des NS-regimes, die erkrankte menschen aussortierten und ermordeten, so engmaschig war und präzise wie ein uhrwerk funktionierte. dazu gehörten die mitarbeiter:innen der psychiatrischen anstalten, die polizei, in gerdas fall auch mitarbeiter:innen eines kinderheims, in dem sie zuflucht gesucht hatte, die sie der polizei meldeten u. übergaben.
gerdas mutter emma salewski, geb. gronert war ihre verbündete und hat sie als mutter und als ihre pflegerin so lange sie konnte, unterstützt.
gerdas ehemann alfred nitschke hatte weniger geduld und empathie.
gerdas sohn wolfgang hat seine mutter sein ganzes kurzes leben vermisst.
über den umgang der familie mit gerdas erkrankung
über meine großmutter gerda nitschke existieren keine geschichten, keine erzählungen und keine gegenstände, die an sie erinnern. über meine oma wurde nicht gesprochen. mein vater hat seine mutter bei seiner geburt verloren. sie erkrankte bei seiner geburt 1936 an kindbettfieber, der rest blieb für mich lange ein geheimnis und ein rätsel. dennoch hat mich ihr schicksal immer beschäftigt und habe ich versucht, mir aus dem wenigen, was ich als kind über sie wahrgenommen habe, ein bild zu machen und zu verstehen, was mit ihr passiert ist. es gibt nur ein foto von ihr, das sie ernst, mit tiefen augenringen, stehend mit ihrem kind im kinderwagen zeigt. sie ist sorgfältig gekleidet mit einem trenchcoat, einem schräg sitzenden kleinen hut und einer blume am revers. ihre hand hält den kinderwagen ihres sohnes, der ein knappes jahr alt ist und vor dem ein paar spielzeug-tiere auf dem kinderwagen liegen.
gerdas sohn starb jung, 1970. angehörige, die gerda nitschke kannten, leben seit den 70er jahren nicht mehr. gerdas ab 1941 geschiedener ehemann galt lange als vermisst, er starb im februar 1945 als soldat in der nähe von königsberg, offenbar nur wenige wochen vor ihr. es gibt schon lange keine zeitzeugen mehr oder deren nachfahren, die gerda nitschke und ihre geschichte kennen.
das schweigen von gerdas sohn, meinem vater, deute ich folgendermaßen: er hat seine mutter nur als kleinkind erlebt und hatte dadurch nur wenige authentische erinnerungen an sie. ihre geschichte war für ihn als berliner kriegskind, das bis auf wenige angehörige alle verwandten im krieg verloren hatte, so schmerzhaft, dass er nicht über sie sprechen konnte. möglicherweise wollte er mich als kind vor den abgründen des NS-regimes bewahren. die letzten stationen seiner mutter durch die NS-psychiatrie kannte mein vater nicht. er nahm sicher an, dass sie in einer psychiatrischen anstalt gestorben war, aber er sprach nicht darüber.
eine recherche zu seiner mutter wäre in seiner zeit ergebnislos geblieben. die gruppe der psychiatrie-opfer im NS-regime war eine lange stigmatisierte und verdrängte opfergruppe. die zugehörigkeit zu den kranken war für viele familienangehörige mit ambivalenten und schmerzhaften gefühlen verbunden, möglicherweise mit ausgrenzung. die traumatisierte kriegskinder-generation musste ohne professionelle hilfen auskommen und ihre verluste und traumata allein bewältigen. viele konnten ihre traumata nicht bewältigen. die für uns nachgeborenen üblichen psychotherapeutischen angebote entstanden erst in und nach den 1980er jahren.
recherche
als gerda nitschkes enkelin habe ich meine wahrnehmung im dickicht aus schweigen, andeutungen und unterdrückten gefühlen der erwachsenen geschult. die ahnung, dass meine großmutter als opfer der NS-psychiatrie starb, entstand in meiner jugend.
in den 1990er jahren suchte ich erstmals digital und in archiven nach ihr, kam jedoch mit der recherche nicht weiter. ihre akte war nicht unter den 30 000 opfern der NS-psychiatrie, die nach der wiedervereinigung in ddr-archiven gefunden worden waren u. seitdem im bundesarchiv liegen. das bundesarchiv machte mir um das jahr 2000 herum wenig hoffnung, dass ich mit meiner suche erfolg haben würde.
letztlich hat mich der zufall im sommer 2023 zur website der gerade erst im mai 2023 eingeweihten gedenkstätte gro߬schweidnitz geführt, dem ort, an dem gerda nitschke am 12.3.1945 ermordet worden war.
dank
herzlichen dank den mitarbeiter:innen der T4-gedenkstätte.
vielen dank an christiana hoppe, mitarbeiterin der stolpersteininitiative im bezirk friedrichshain-kreuzberg, für ihre unterstützung bei meiner recherche.
dank der mitarbeiterin der gedenkstätte großschweidnitz dr. maria fiebrandt, die fragen zu den unterlagen aus dem dresdner hauptstaatsarchiv u. den vorgängen in großschweidnitz beantwortete sowie dem mitarbeiter christoph hanzig, der uns durch die gedenkstätte großschweidnitz führte.
herzlichen dank meiner freundin ulrike g., die mit mir im sommer 2023 die tatorte in polen u. die gedenkstätte großschweidnitz besuchte.
götz aly danke ich für sein engagement, seine forschung und literatur zur NS-euthanasie
links
biografie auf website des t4-gedenkortes:
https://gedenkort-t4.eu/biografien/gerda-magdalena-nitschke
gedenkstätte großschweidnitz:
https://www.stsg.de/cms/grossschweidnitz/grossschweidnitz
quellen
landesarchiv berlin: pflegschaftsakte des amtsgerichtes berlin-mitte
sächsisches staatsarchiv: akte aus großschweidnitz
Stolpersteinverlegung
Bitte helfen Sie uns bei der Vervollständigung der Biografie von 'Gerda Magdalena Nitschke'. Wenn Sie mehr wissen, Bild- oder anderes Material haben, würden wir uns sehr freuen, mit Ihnen in Kontakt zu kommen.